Gab es einen literarischen Antisemitismus?

Gustav Freytag, Theodor Fontane und die Gebrüder Mann

Cover Freytag, Soll und Haben - Anaconda
Cover Freytag, Soll und Haben - Anaconda
In Werken und Briefen berühmter deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts lassen sich judenfeindliche Stereotypen nachweisen - ein literarischer Antisemitismus?

Berühmte deutsche Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wie Gustav Freytag, Theodor Fontane sowie Heinrich und Thomas Mann verarbeiteten in einigen ihrer Werke negative Judenstereotype. Auch in privater Korrespondenz äußerten sie sich zuweilen judenfeindlich. Literarischer Antisemitismus, eine Konzession an den Zeitgeist oder künstlerische Freiheit ohne antisemitische Gesinnung?

Gustav Freytag

Gustav Freytags (1816- 1895) Erfolgsroman Soll und Haben (1855) kann für die literarische Verwertung negativer Judenstereotype als paradigmatisch gelten. Der Roman schildert zwei unterschiedliche Wege ins Bürgertum, von denen der eine einem „deutschen“ (Anton Wohlfahrt), der andere einem „jüdischen“ Charakter (Veitel Itzig) zugeordnet wird. Während Wohlfahrt sich als ehrlicher Geschäftsmann einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern sucht, ist Itzig allein am schnellen sozialen Aufstieg über materielles Gewinnstreben, Ausbeutung und Betrug interessiert. Angesichts dieser Figurenkonstellation kann es nicht verwundern, dass dem Roman und seinem Autor (nicht erst nach 1945) eine antisemitische Tendenz nachgesagt wurde. Die Nationalsozialisten setzten Soll und Haben auf den Lehrplan für den Deutschunterricht. Dabei unterschlugen sie allerdings, dass sich Freytag zeitlebens gegen eine antisemitische Vereinnahmung seiner Person und seines Werks zur Wehr setzte. Er verteidigte Emanzipation und Assimilation der Juden in Zeitungsartikeln (u.a. gegen Richard Wagner) und trat sogar dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus bei.

Theodor Fontane

Anders als Gustav Freytag hielt sich Theodor Fontane (1819- 1898) mit literarischen wie politischen Stellungnahmen zur „Judenfrage“ zurück. Negative Judenstereotype sind einzig im Stechlin (1898) zu finden. Seine freundschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Bildungsbürgern und die Aussage, die Juden seien ihm lieber als die ostelbischen Junker, brachten Fontane den Ruf eines Philosemiten ein. Ein ganz anderes Bild zeigt sich dagegen in seiner privaten Korrespondenz und in unveröffentlichten Texten. In Briefen beklagte sich der Schriftsteller über den angeblich zu großen Einfluss der Juden in Presse und Kultur und zeigte sich unzufrieden mit dem Stand der Assimilation. Die Juden hätten sich allenfalls äußerlich verbürgerlicht, in ihrem Wesen aber nicht verändert. Unveröffentlichte Manuskripte über die Stellung der Juden in der Berliner Gesellschaft (von 1878 und 1890) zeugen von der Angst vor persönlicher Abhängigkeit von jüdischen Verlegern, Redakteuren, Kritikern und Lesern.

Heinrich und Thomas Mann

Heinrich Mann (1871- 1950) und sein Bruder Thomas (1875- 1955) gelten wegen ihres Engagements gegen den Nationalsozialismus als Verkörperung der humanistisch- demokratischen Tradition eines „anderen Deutschlands“, auf das sich sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen. Darüber sind antisemitische Tendenzen im Frühwerk der Manns verdrängt worden. Heinrich Mann schrieb für die völkische Kulturzeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert (1890-96) und fungierte von April 1895 bis März 1896 als ihr Herausgeber. Beeinflusst von dem französischen Antisemiten Paul Bourgets wetterte Mann gegen die „Verjudung“ von Wirtschaft und Kultur. Den Juden schrieb er alle Übel der Moderne zu, insbesondere Kapitalismus und schnöden Materialismus. Mit der Wende zur linken Gesellschaftskritik nach 1900 verwarf Heinrich Mann das völkisch- antisemitische Weltbild, das seine ersten literarischen Versuche, so vor allem das Schlaraffenland (1900), noch voll und ganz dominiert hatte. Nun erblickte Mann im "Juden" als Außenseiter den Agenten erwünschten revolutionären Wandels. Ein negatives Bild zeichnete er nur noch von jenen Juden, die - wie Jadassohn in Der Untertan (1918) - diesem Ideal nicht gerecht werden.

Obwohl auch Thomas Mann Beiträge für Das Zwanzigste Jahrhundert lieferte, muss man ihn politisch eher als nationalliberal einstufen. Er vertrat keinen völkischen Antisemitismus als Weltanschauung, bediente sich aber im Repertoire der sozioökonomischen Judenstereotype. In den Buddenbrooks (1901) unterliegt die eingesessene Lübecker Kaufmannsfamilie im Wettbewerb mit den aufstrebenden Hagenströms. Letztere greifen nicht nur zu „jüdisch“ konnotierten manchesterkapitalistischen Praktiken, sondern haben sich auch familiär mit dem „jüdischen Geldadel“ verbunden. Diese Konstellation erinnert an Freytags Soll und Haben, bewegt sich aber auf einem höheren literarischen Niveau. Mann rückt als Bedrohung eher die bürgerliche Dekadenz denn „jüdische Machenschaften“ in den Vordergrund.

Sozioökonomische Judenstereotype

Mit Ausnahme des jungen Heinrich Mann stand keiner der hier behandelten Schriftsteller in Verbindung mit dem politischen Antisemitismus. Dennoch spielten Judenstereotype in ihrem Denken und Schreiben eine wichtige Rolle. Ganz überwiegend konzentrierten sich die verwendeten Stereotype auf den sozioökonomischen Bereich, während rassistische und religiöse Motive eine untergeordnete Rolle spielten. Freytag, Fontane und Thomas Mann projizierten die negativen Aspekte von Modernisierung und Kapitalismus auf das Judentum, indem sie sie jüdischen Charakteren zuschoben und das Bedrohungsszenario einer „Verjudung“ von Wirtschaft und Kultur evozierten. Damit beteiligten sie sich an jenem Teil des antisemitischen Diskurses, der im 19. Jahrhundert auch über die engen Kreise eines politischen und weltanschaulichen Antisemitismus hinaus gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hatte und selbst nach dem Holocaust nicht aus der deutschen Literatur verschwunden ist. (Siehe die Kontroversen um Rainer Werner Fassbinder und Martin Walser)

Integrationalistische Assimilation

Betrachtet man das Gesamtwerk von Freytag, Fontane und den Gebrüdern Mann, lassen sich neben den negativen auch immer wieder positive Judenbilder finden, sogar bis hin zum politischen Engagement gegen den Antisemitismus wie bei Gustav Freytag und den Manns. Die Forschung hat dies bislang ausschließlich mit politischen Einstellungswechseln, literarischen Konventionen oder der Differenz zwischen öffentlichen und privaten Äußerungen zu erklären versucht. Übersehen wird dabei zumeist, dass sich positive und negative Aussagen über Juden durchaus aus derselben ideengeschichtlichen Quelle speisen konnten. Alle vier Schriftsteller stellten sich eine gelungene Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft als Auflösung des Judentums vor, in dem Sinne, dass die Juden ihre tatsächlichen oder zugeschriebenen ethnischen Merkmale vollkommen ablegten. Das nationalliberale Konzept der integrationalistischen Assimilation konnte seine Vertreter in den Gegensatz zu Juden und Antisemiten bringen; zu den Juden, weil sie angeblich den schnellen sozialen Aufstieg der Assimilation vorzögen, zu den Antisemiten, weil sie die Assimilation verhindern wollten. Daher setzte der Wechsel zwischen negativen und positiven Judenbildern, zwischen Antisemitismus und Philosemitismus, keineswegs einen Einstellungswandel in der „Judenfrage“ voraus. Von der Logik der integrationalistischen Assimilation verabschiedete sich allein Heinrich Mann. Aus der Perspektive seiner Gesellschaftskritik konnte es nicht mehr wünschenswert erscheinen, dass sich die Juden der autoritären Gesellschaft des Kaiserreichs angleichen.

Defizite der Forschung

Mittlerweile liegt eine Vielzahl an germanistischen und literaturhistorischen Studien vor, die sich mit negativen Judenbildern bei prominenten deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts befasst haben. Dennoch ist der Forschungsstand unbefriedigend geblieben. Viele Arbeiten begnügen sich mit der Frage, ob ein bestimmter Autor oder ein bestimmter Text als antisemitisch einzustufen sei, um dann eine apologetische oder inkriminierende Antwort zu geben. Chronisch unberücksichtigt bleibt die unbequeme Tatsache, dass der Frontverlauf zwischen Antisemitismus und Philosemitismus im 19. Jahrhundert nicht so eindeutig war wie es aus der Nach- Holocaust- Perspektive wünschenswert erscheint. Angesichts der Ausblendung von Zwischenpositionen kann es nicht verwundern, dass es der Forschung bislang nicht gelungen ist, überzeugende Erklärungen für die Präsenz von positiven und negativen Judenbildern bei ein und demselben Autor zu liefern. Neben der zu eng gefassten Fragestellung, ist hierfür auch das unzulängliche Methodenrepertoire der germanistischen Vorurteilsforschung verantwortlich. Es überwiegen autorenbiographische, motivgeschichtliche und diskursanalytische Ansätze, die den ideen- und sozialgeschichtlichen Kontext der untersuchten Texte unzureichend berücksichtigen. Für Abhilfe könnte, erstens, die Rezeption der neuen Ideengeschichte der „Cambridge School“ sorgen, die den Blick der Forschung von einzelnen Stereotypen, Motiven und Diskursen auf die über sie transportierten Aussageabsichten umlenkt. Zweitens sollte die einseitige Konzentration auf die Produktionsästhetik durch die stärkere Berücksichtigung der Rezeption der entsprechenden Werke durch die zeitgenössische Öffentlichkeit ergänzt werden. Dies würde die vernachlässigte Frage aufwerfen, ob judenfeindliche Passagen in berühmten literarischen Werken aufgrund ihrer Literarizität und Fiktionalität anders gelesen und verstanden wurden als gewöhnliche antisemitische Texterzeugnisse.

Literatur

Breuer, Stefan, Das Zwanzigste Jahrhundert und die Brüder Mann, in: Ruprecht Wimmer (Hg.), Thomas Mann und das Judentum, Frankfurt a.M. 2004, S. 75-95.

Brockmeyer, Dieter, Über den Antisemitismus in Gustav Freytags Roman Soll und Haben, in: Renate Heuer/ Ralph- Rainer Wuthenow (Hg.), Antisemitismus - Zionismus - Antizionismus 1850- 1940, Frankfurt a.M. 1997, S. 54-65.

Delf von Wolzogen, Hanna (Hg.), Theodor Fontane am Ende des Jahrhunderts, Bd.1: Der Preuße – Die Juden – Das Nationale, Würzburg 2000.

Gubser, Martin, Literarischer Antisemitismus. Untersuchungen zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1998.

Horch, Hans Otto, Judenbilder in der realistischen Erzählliteratur, in: Herbert A. Strauss/ Christhard Hoffmann (Hg.), Juden und Judentum in der Literatur, München 1985, S. 140-171.

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Körte, Mona, Literarischer Antisemitismus, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd.3: Begriffe, Theorie, Ideologien, Berlin 2010, S. 195-200.

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Robertson, Ritchie, The "Jewish Question" in German Literature 1749- 1939, Oxford 1999.

Thiede, Rolf, Stereotypen vom Juden. Die frühen Schriften von Thomas und Heinrich Mann, Berlin 1998.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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