Gabriele Schreib: Milchsuppe mit Schwarzbrot

Rezension: Autobiographie über eine Nachkriegskindheit in Kiel

Gabriele Schreib: Milchsuppe mit Schwarzbrot - © Gabriele Schreib
Gabriele Schreib: Milchsuppe mit Schwarzbrot - © Gabriele Schreib
Die autobiographische Erzählung von Gabriele Schreib erinnert nicht nur an die wilden Sechziger, sondern regt ebenso an, sich für das Potenzial von damals neu zu öffnen.

Das Schwarzweiß-Foto auf dem Cover des Buches holt einen direkt in die Zeit, in die man sich nach wenigen Zeilen versetzt sieht: Kiel zu Beginn der fünfziger Jahre. Kaum hat man angefangen zu lesen, fühlt man sich hineingezogen in dieses Zeitalter, das über fünfzig Jahre zurückliegt und in dem man sich plötzlich wiederfindet, wie bei einer Zeitreise. Und dort bleibt man dann 80 Seiten lang, bis man das Buch wieder aus der Hand legt und wahrnimmt, wo man sich denn eigentlich befindet: im Jahr 2010.

Es ist der lebendige Stil, gewürzt mit trockenem Humor und die spannende Erzählweise, die einen fast atemlos lesen lässt, kaum dass man mit dem Buch begonnen hat.

Die Generation der Nachkriegskinder

Schreibs Autobiographie spiegelt die Spannung und Lebendigkeit, mit denen die Nachkriegskinder diese Zeit erlebt haben: einer Zeit der Entdeckungen, des Aufbruchs, der Wissbegierde, des Abenteuers. und der inneren Freiheit, die zu jedem Umbruch gehört.

Dabei war der zweite Weltkrieg noch nicht lange vorbei, er steckte den Menschen noch in den Knochen, das ist deutlich zu spüren und so schreibt die Autorin auch: "Der Krieg holte mich doch immer mal wieder ein, mein ganzes Leben lang ..." Schreib erzählt von dunklen Bildern, Bildern der Angst, die sicher nicht nur die Autorin in der damaligen Zeit zu überwinden suchte. Das tat allerdings jeder für sich allein - denn geredet wurde darüber nicht. Diese unbestimmte Angst "es könnte ja etwas passieren … " ohne zu wissen, was dieses "etwas" eigentlich sein soll, ist Zeugnis einer traumatischen Erfahrung.

Doch die Angst ist nur ein Aspekt, die andere Seite wird auch deutlich spürbar: die Lebensfreude, die sich durchsetzt, die Freude an den kleinen Dingen, wie etwa an Anschaffungen, die für uns heute selbstverständlich sind: Wer empfindet schon noch den Kauf eines Toasters als etwas Besonderes? Und was für ein Ereignis war es, endlich ein eigenes Radio zu besitzen oder gar das eigene Zimmer als Jugendliche.

Zeitgeschichte und Lebensgefühl des Auf- und Umbruchs

Mittendrin ist man beim Lesen in diesem Lebensgefühl des Aufbruchs und des Umbruchs, das diese Zeit bestimmte, je weiter sich die Generation von der unmittelbaren Nachkriegszeit entfernte. Das Wirtschaftswunder war in vollem Gange, der Fortschritt schien keine Grenze zu haben, als die wilden sechziger Jahre begannen. Schreib erzählt wie sie den gesellschaftlichen Umbruch zwischen 50er und 60er Jahren erlebte und von dem inneren Lebensmotto "So wie die sind, wollen wir auf keinen Fall werden!" als Abgrenzung gegenüber der vorausgegangenen Geschichte des Nationalsozialismus, gegenüber "zuchtvoller Lebensformen und verstaubten Denken der 50er Jahre".

Was machen die "wilden Sechziger" eigentlich heute?

Nachdenklich kann man werden beim Lesen des Buches - wenn man sich fragt, wie die Nachkriegskinder von damals eigentlich heute leben. Was ist aus dem Pioniergeist, der Kraft des Widerstandes und des gesellschaftlichen Umbruches geworden? Auf der Strecke geblieben in all den Jahren der Berufstätigkeit und Familiengründung? Die "wilden Sechziger" von damals sind die geburtenstarken Jahrgänge, es sind die "Alten" von morgen.

Angesichts der kraftvollen Dynamik, mit der die Autorin die Jugendzeit ihrer Generation beschreibt, stellt sich die Frage, ob ihnen die frühere Angst noch immer in den Knochen steckt, oder vielmehr die Energie einer gereiften Rebellion. Die Autobiographie von Schreib ist jedenfalls in der Lage, einen aufzurütteln, sich zu besinnen auf diese Kraft, die neue Strukturen schaffen kann, nicht mehr rebellisch wie damals, sondern gereift und konstruktiv.

Das Buch beschreibt so gesehen ein Potenzial was noch vorhanden ist in dieser älter werdenden Generation. Die Frage ist, ob man es als nette Erinnerung pflegen will oder neu mobilisieren für die gesellschaftlichen Herausforderungen, die dringend gelöst werden wollen.

Die Autorin Gabriele Schreib

Gabriele Schreib, Jahrgang 1949, ist Politologin, Redakteurin und Autorin. Sie lebt in Strande bei Kiel.

Gabriele Schreib: Milchsuppe mit Schwarzbrot. Books on Demand GmbH 2008. Paperback, 80 Seiten. Euro 9,95.

Christine Bartholomae - Christine Bartholomae, Diplom-Psychologin, Freie Journalistin und Autorin

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