Ganz oder gar nicht: Schwund der Halbvokale im Russischen

Zur besseren Lesbarkeit für Russisten sind in diesem Text die kyrillischen Zeichen nicht transliteriert - Johanna Wurzinger
Zur besseren Lesbarkeit für Russisten sind in diesem Text die kyrillischen Zeichen nicht transliteriert - Johanna Wurzinger
Die Existenz der auch Jerlaute genannten Halbvokale der slawischen Sprachen war nur von begrenzter Dauer, ihr Schwund hatte dennoch schwerwiegende Folgen.

Die Geburtsstunde der Jerlaute lässt sich in die Übergangsperiode zwischen dem Indogermanischen und dem Urslawischen im Zuge der Delabialisierung der Nasale einordnen: Aus dem kurzen indogermanischen [U] wurde der hintere Halbvokal (Jor) und aus dem kurzen indogermanischen [I] entstand der auch Jer genannte vordere Halbvokal.

Die gemein-ostslawische Periode

Zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert vollzieht sich die schrittweise Trennung der drei ostslawischen Sprachen (Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch). Ab dem Jahr 950 macht sich das Verschwinden der Halbvokale bemerkbar, welche entweder in schwacher Position völlig wegfallen oder in starker Position durch einen Vollvokal ersetzt werden. In weiterer Folge wandelt sich das Jor in starker Position zu O, das Jer in starker Position zu einem E.

Positionsbestimmung nach der Havlik´schen Regel

Die für Wegfall oder Auffüllung notwendige Positionsbestimmung folgt der sogenannten Havlik´schen Regel: Vom Wortende beginnend, werden die Jerlaute gezählt. Ungerade "schwache" Jerlaute werden eliminiert, gerade und somit "starke" werden entsprechend aufgefüllt, wobei ab einem Vollvokal wieder von vorne zu zählen begonnen wird.

Ein Beispiel:

  • s[u]n[u] entwickelt sich dementsprechend zu son,
  • ot[i]z[i] wird zu otec

Flüchtige Vokale

Da nach vollzogenem Schwund der Jerlaute die Deklinationen nicht ausgehend vom neuen Nominativ gebildet wurden, sondern sich jeder Casus unter dem Gesetz der Havlik´schen Regel herausbildete, entstanden die flüchtigen Vokale. Aus logischer Sicht müsste der Genitiv von son eigentlich sona lauten. Tut er aber nicht, sondern er lautet sna. Was nach reiner Willkür aussieht, ist eigentlich nur die strenge Befolgung der Regeln: Der Genitiv von s[u]n[u] muss s[u]na lauten, welches nach dem Schwund des schwach positionierten Jor zu sna wird.

Das Gesetz der offenen Silben stirbt

Das im Ostslawischen bislang vorherrschende Gesetz der offenen Silben, welches jede Silbe auf einen Vokal enden ließ und ständige Einschübe von Sprossvokalen erforderlich gemacht hatte, wurde nunmehr wirkungslos.

Regressive Assimilation

Ohne einen Puffer zwischen sich, wirkten nun Konsonanten ungebremst aufeinander ein. Als gutes Beispiel hierfür dient lodka: die Plosive d und k beeinflussen einander so, dass d folglich als t ausgesprochen wird.

Entstehung der Palatalitätskorrelation

Durch die Reduktion der Jerlaute kam es in einigen Fällen zu gleicher Aussprache grundverschiedener Wörter, was natürlich eine durchaus unerwünschte Wirkung war. Als Beispiel seien hier die beiden Wörter Jad[u] (Gift) und Jad[i] (Essen) genannt, deren fehlerhafte Unterscheidung fatale Folgen haben konnte.

Vereinfachung langer Konsonantengruppen

Mit dem Wegfall der Jerlaute und den offenen Silben entstanden teils sehr lange Konsonantengruppen, deren Aussprache kompliziert wurde. Mit der Zeit setzte sich daher eine Vereinfachung auf rein phonetischer Ebene durch, welche beispielsweise ein Aussprechen des l in solnce überflüssig macht. Die historische Grammatik und Entwicklung der russischen Sprache sind ausgezeichnet erforscht und dokumentiert, wobei die Werke von A.V. Isacenko, Hartmut Trunte oder V.V. Ivanov zur Standardliteratur zählen.

Ivanov, V.V.: istoriceskaja grammatika russkogo jazyka, 1983

Trunte, H.: slavenskij jazyk, 1992

Isacenko, A.V.: Geschichte der russischen Sprache, 1980

Johanna Wurzinger, Johanna Wurzinger / Floyd´s collection

Johanna Wurzinger - geboren 1983, Studium der Slawistik und Vergl. Literaturwissenschaften in Wien, lebt derzeit mit Kind und Kegel ebendort

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