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Garnkunst am Baum - wenn eine Frau sehr viel häkelt

Trauerweide in Velbert, so schön kann häkeln sein - © Ute Lennartz-Lembeck
Trauerweide in Velbert, so schön kann häkeln sein - © Ute Lennartz-Lembeck
Wenn Ute Lennartz-Lembeck vier Monate lang täglich zwei Stunden häkelt, kann sich eine Trauerweide in Velbert über einen fröhlichen Ringelpullover freuen.

Stricken und häkeln ruft Emotionen hervor, eigentlich immer. Heute erwachsene Menschen erinnern sich oft noch mit Grausen an selbstgestrickte Hosen und Pullover, die nicht nur schrecklich aussahen, sondern auch schrecklich kratzten. Und die Großmütter und Mütter sorgten unablässlich für Nachschub, sehr zum Missfallen der eingekleideten Kinder. Jahre später wurde es dann schick zu stricken und zu häkeln, als ziviler Widerstand; selbst im Bundestag klapperten damals die Nadeln. Und heutzutage ist es wieder hip, gestrickte oder auch gehäkelte Sachen zu tragen, was auch daran liegen mag, dass sie besser aussehen und auch nicht mehr so kratzen. Selbst Hand anzulegen, gilt aber immer noch ein wenig als überholte Technik. Was eigentlich schade ist, denn wenn man sieht, was man aus Garn alles machen kann, gibt es kaum noch einen Grund, es nicht selbst zu erlernen.

Die Strick-Guerilla ist unter uns

Aktivisten der Strick-Guerilla, meist sind es Frauen, haben die alte Handwerkskunst mit der Idee verbunden, die Welt mit den bunten Garnen und dem, was man daraus machen kann, zu verschönern. Eigentlich funktioniert das wie Graffiti, hat aber einen ganz großen Vorteil: Die umgarnten Materialien werden nicht zerstört, der Strickschmuck kann rückstandsfrei entfernt werden, wenn er denn nicht gefällt. So bekommen bei Nacht und Nebel Poller eine Mütze aufgesetzt oder Ampelmasten einen Schal umgebunden, Steine der chinesischen Mauer werden eingestrickt und Treppen werden angezogen. Außerdem spricht doch auch nichts dagegen, Statuen mit Wadenwärmern zu versehen, Brückenpfeiler mit einem Hemdchen zu beglücken oder ganze Fahrzeuge in einen hübschen Strick zu legen. Wenn die Strick-Guerilla da war, ist die Welt hinterher auf jeden Fall anders. Die Künstler selbst nennen ihre Art der Verschönerung "weiches Graffiti", unter "Yarnbombing", "Guerilla Knitting" und "Urban Knitting" verbirgt sich die gleiche Kunst.

Der Wunsch nach einer schöneren Welt ist zur weltweiten Masche geworden

Die Ursprünge dieser Weltverschönerungsmaßnahme kommen aus den USA, die Texanerin Magda Sayeg hatte 2005 die Augen voll von kalten und hässlichen Materialien in ihrer Umgebung und schritt zur Tat. Ampelmast und Poller waren schnell ausgemessen, die Stricknadeln verwandelten die Wolle Masche für Masche in eine hübsche Ummantelung - das erste Strick-Graffiti der Welt war geboren. Längst ist die Garnkunst auch in Deutschland angekommen, nach Remscheid holte sie Ute Lennartz-Lembeck, gemeinsam mit einer Freundin gründete sie die Gruppe "B-Arbeiten" - hier wird Guerilla-Stricken praktiziert, frei, aber nicht aggressiv. Die Künstlerin strickt oder häkelt nicht einfach nur, ihr ist es wichtig, dass die Umgarnung der Gegenstände etwas ausdrückt. Ein ideeller Hintergrund ist ebenfalls unbedingt erforderlich, ihre Projekte haben immer eine Aussage oder unterstützen eine Überzeugung.

Mittlerweile hat "B-Arbeiten" auch eine weltweite gestrickte oder gehäkelte "Wertevernetzung" initiiert - interessierte Menschen bekommen angefertigte "Werte" und bringen sie in anderen Ländern und Städten an, bislang in 14 Ländern, in 43 Städten. Erstaunlicherweise sind es immer die gleichen Begriffe, die in unterschiedlichen Sprachen gestrickt die Welt verschönern und den Menschen als Wert wichtig sind: Raum, Körper, ich, du, Zeit, Bewusstsein, Achtsamkeit.

Velbert im Niederbergischen Land bestellt sich Strickkunst

Die behäkelte Trauerweide ist eine Auftragsarbeit. Die Stadt Velbert, im Dreieck von Düsseldorf, Essen und Wuppertal gelegen, hatte sich die Verschönerung eines Parks von Ute Lennartz-Lembeck gewünscht. Die Künstlerin fand die Idee der generationsübergreifenden und barrierefreien Gestaltung der Freizeitanlage auf Anhieb toll, der versprochene Hubwagen war ein zusätzliches Argument, in ganz großen Dimensionen zu denken und dann zu häkeln. Sie entschied sich für eine große Trauerweide in der Mitte des Parks und begann mit ihrer Passion. Täglich zwei Stunden häkelte sie in vier Monaten rund 20 Kilo Polyacrylwolle weg und machte daraus einen farbenfrohen Pullover von insgesamt 72 Metern Länge, ein Geschenk an den Baum und die Stadt. Seit der Eröffnung der Anlage im Mai 2011 hat die Weide nun den fröhlichen Ringelpulli in 27 Farben aus 400.000 Maschen an und bewegt die Menschen.

Auch erfreut ist die Künstlerin selbst, zum Einen über die innovative Stadtregierung, die ihr das großflächige und öffentliche Umgarnen ermöglicht hat und zum Anderen, weil sie glaubt, dass man mit Strickkunst am Baum das Spektrum der Wahrnehmung erweitern kann. Das Betrachten eines angezogenen Baumes, so denkt sie, lenkt zwar zunächst den Blick auf die Oberfläche, aber letztlich auch auf alles das, was darunter liegt. Dies versteht sie als Weg der Besinnung und als Möglichkeit, das Selbst zu erleben.

Was wird aus der behäkelten Trauerweide?

Wenn sich niemand an der Kunst am Baum stört, kann die Weide den Pullover theoretisch ewig tragen, er trotzt Wind und Wetter, eventuell verschleißen die Farben etwas, aber das macht bei so viel Schönheit sicher nichts, es könnte auch sein, dass kleine Triebe durch das Gewirk wachsen. All diese Veränderungen will Ute Lennartz-Lembeck fotografisch begleiten, monatlich wird sie ihren Baum besuchen und sehen, wie er sich verändert und wie es ihm geht. Von der Stadt hat sie sich gewünscht, dass das Strickwerk für mindestens ein Jahr am Baum verbleibt, was dann kommt, wird man sehen. Momentan ist es so, dass in den erreichbaren Höhen immer wieder Parkbesucher den Baumpullover befühlen, bezupfen und die Weide umarmen, hier ist also ein wirklich intensiver und emotionaler Treffpunkt in Velbert entstanden.

Quellen und weiterführende Informationen:

Bildnachweis: © Ute Lennartz-Lembeck

Manuela Käselau, www.valeriewagner.de

Manuela Käselau - Schreiben zu können fand ich gleich nach dem Erlernen desselben eine prima Sache. Und mit der Anwendung hat es dann auch gleich recht ...

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