Gartenbau im Ersten Weltkrieg

Heimatfront, Hungersnot und Überlebenskrise 1914-1918

"Wir machen die letzte Kartoffel mobil" - Historische Bildpostkarte: Sammlung Giesbrecht
Die Hungerkrise des Ersten Weltkrieges sorgte für eine Neuentdeckung des Gartenbaues. Auch in Oldenburg wurden Parks und Freiflächen zu Ackerland für Selbstversorger.

Die publizistisch schon seit Kriegsausbruch angemahnte Ernährungsverschiebung zu Gunsten pflanzlicher Kost wurde nicht ohne weiteres akzeptiert. Im Bestreben, tradierte Ernährungsweisen aufrecht zu erhalten und auch infolge der knappen, unzuverlässig ausgeteilten Rationen, die nicht zum Leben ausreichten, musste sich das Spektrum der Tätigkeiten in der Haushaltsführung bald erweitern, z.B. um beschwerliche und zeitraubende Hamsterfahrten aufs Land oder auch durch verschiedene Formen der Selbstversorgung. „Die Laubenkolonien, die Zupacht von Gärten, Kleintierzucht und Fensterbrettplantagen sind Ausdruck dieser Bestrebungen, den knappen Zuweisungsanteil zu ergänzen und durch Selbstversorgung zu mehren“ [1].

Parks und Freiflächen wurden umgepflügt

Der Oldenburger Magistrat hatte bereits im Herbst 1914 alle ihm zur Verfügung stehenden Flächen zur landwirtschaftlichen Benutzung hergerichtet und an die Einwohner der Stadt freigegeben [2]. Zwar war die Stadt gewillt, bei der Vergabe der Flächen auf die Bedürftigkeit der Bewerber Rücksicht zu nehmen, aber von diesen gab es im ersten Kriegsjahr noch kaum welche. Erst seit Herbst 1915 konnten solche Bewerber, die es jetzt in größerer Zahl gab, bei der Vergabe von Pachtland besonders berücksichtigt werden [3]. Die Nachfrage nach Gartenland stieg in den folgenden Monaten weiter an, so daß die Stadt 1916 verschiedene weitere Flächen zur Verfügung stellen musste, z. B. an den Dobben. [4]. Sie reichten aber nicht zur Berücksichtigung aller Bewerbungen von bedürftigen Familien aus, so dass fortan manche Pächter, die nicht als bedürftig galten, ihre Flächen räumen mussten [5]. Auch im Jahr 1917 ließ der Magistrat verschiedene Parzellen Gartenland zu Gunsten Bedürftiger räumen [6].

Bedeutung des Kleingartenanbaues nahm zu

Die Bedeutung des Kleingartenbaus stieg im Verlauf des Krieges weiter an. Nicht nur in Oldenburg, sondern in quasi allen Städten des Reiches wandten sich Menschen der Gartenwirtschaft zu, „die früher niemals einen Spaten oder eine Hacke in der Hand gehabt” hatten [7]. Der Oldenburger Magistrats bemühte sich bald nicht nur Landflächen, sondern auch Düngemittel und Saatgut zu beschaffen. Außerdem engagierte die Stadt den Gärtnereibesitzer Kraatz, der schon als Leiter des örtlichen Großmarktes für kriegswirtschaftliche Zwecke eingesetzt war, als städtischen Gartenbaudirektor. In dieser Funktion hatte er den Auftrag, den Kleingärtnern beratend zur Seite zu stehen [8].

Landknappheit schürte Unzufriedenheit

Im weiteren Verlauf des Krieges stieg der Bedarf an Gartenland aber in einem Maße an, das zu befriedigen die Stadt Oldenburg nicht im Stande war. Mittlerweile hatten die Kleingartenvereine ihre bebaute Fläche auf 30 ha. verdoppeln können und immer noch ließen sich neue Mitglieder einschreiben, auch wenn ihnen kein Land mehr in Aussicht gestellt werden konnte [9]. Städtisches Land aber stand auch nicht mehr zur Verfügung, so dass den Bewerbern nur geraten werden konnte, sich außerhalb des Stadtgebiets nach Land umzusehen [10]. Die allgemeine Nahrungsmittelknappheit aber hatte den Bedarf nach Gartenland derart vervielfacht, dass die Preise um das fünffache gestiegen und damit für die Bedürftigen in jedem Falle unerschwinglich geworden waren [11]. Die rasante Preisentwicklung stieß naturgemäß auf Unverständnis. Bald wurden Forderungen nach Zwangsverpachtungen laut [12], die der Magistrat aber nicht durchsetzen konnte, so dass die Unzufriedenheit bis Kriegsende anhielt.

Quellen und Literatur

[1] Goetz Briefs, Die Hauswirtschaft im Kriege, Beiträge zur Kriegswirtscahft, Berlin 1917, S. 34.

[2] Vgl. Stadtarchiv Oldenburg, Best. 262-1J, Nr. 219, OB an Stadtsyndikus, Aktennotiz, 21.09.1915.

[3] Vgl. Ebenda, Ausschuß für Kriegshilfe an Landwirt Wiemken, 17.11.1915.

[4] Vgl. Nachrichten für Stadt und Land (Nachrichten), 14.02.1916. Es wurden Flächen in Donnerschwee, an der Mars-La-Tourstraße, Margarethenstraße, am Weidedamm und an den Dobben bereitgestellt.

[5] Vgl. Best. 262-1J, Nr. 219, Ausschuss f. Kriegshilfe an Bewerber, 26.02.1916.

[6] Vgl. Nachrichten, 19.02.1917. Gekündigt wurde allen Anbauern, die als Mitglied eines Kleingartenvereins über eine weitere Parzelle verfügten und darüber hinaus auch all denen, deren gärtnerische Aktivitäten von mangelndem Erfolg gekrönt waren.

[7] Friedrich Aereboe, Der Einfluß des Krieges auf die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland, Stuttgart 1927, S. 78f.

[8] Vgl. Nachrichten, 19.02.1917. Die Stadt ließ auch Flugschriften und Anleitungen über den Gartenbau verteilen, von denen sie selbst eine Unzahl teils von entsprechenden Firmen, teils von privater Hand bekam. Darunter waren auch ausgesprochen militanter Blätter, die im Sinne eines totalen und umfassendsten Krieges die Nutzbarmachung jedes Quadratzentimeters Bodens für die Volksernährung forderten. Vgl. hierzu in Nr. 219, Arno Donath, Deutsche Selbsthilfe, Dresden 1917 (Selbstverlag).

[9] Vgl. Nachrichten, Nr. 51, 21.02.1918, S. 436. Die Kleingartenvereine konnten ihre Mitgliederanzahl von 393 auf 673 erhöhen.

[10] Vgl. Ebenda, Nr. 152, 07.06.1918, S. 590.

[11] Vgl. Ebenda, Nr. 216, 10.08.1918, S. 357.

[12] Vgl. Ebenda.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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