
- Cover Vyleta, Crime, Jews and News - Berghahn
Es fällt schwer, dem Thema Wien im fin-de-siècle noch eine neue Seite abzugewinnen, gerade was die Bereiche deutsch- jüdische Geschichte und Antisemitismusforschung anbelangt. Daniel M. Vyleta ist dies mit einer Studie über Diskurse um „jüdische“ Kriminalität gelungen. Die bisherige Forschung zur Kriminologie des 19. Jahrhunderts steht nach wie vor ganz im Banne Cesare Lombrosos (1835- 1909) und seines legendären Buches über den „geborenen Verbrecher“ (L’uomo delinquente 1876). Das geschulte Auge könne, so Lombroso, den Kriminellen an Merkmalen körperlicher wie geistiger Abnormität und Degeneration erkennen. Das Bild vom „geborenen Verbrecher“, so Sander Gilman und Klaus Hödl, sei in antisemitischen Diskursen auf die Juden übertragen worden, mit dem Ziel ihrer gesellschaftlichen Pathologisierung.
Kriminologie und Kriminalistik
Vyleta gelingt es, Gilmans und Hödls These aus den Quellen zu widerlegen. Erstens hat nicht einmal Lombroso selbst seinen Merkmalskatalog des „geborenen Verbrechers“ auf die Juden angewandt. Zweitens war Lombrosos Kriminologie unter den zeitgenössischen Wissenschaftlern umstritten. Die von Hans Gross (1847- 1915) begründete Schule der Kriminalistik gewann zunehmend an Bedeutung. Sie ging nicht vom „Wesen“ des typisierten Kriminellen, sondern von der Tatbegehung aus. Der Verbrecher unterscheide sich geistig und körperlich in der Regel nicht vom Durchschnittsmenschen, ja im Gegensatz zur Masse der Bevölkerung sei er nicht instinktgesteuert, sondern ein Experte seines „Faches“, der auch nur von Experten unter Anwendung moderner kriminalistischer Techniken entlarvt werden könne. Ganz im Sinne von Gross erblickte die Kriminologie im „jüdischen“ Kriminellen nicht den von rassenbiologischer Degeneration angetriebenen Untermenschen, sondern den modernen, rational planenden Wirtschaftskriminellen, der die Naivität ungebildeter (christlicher) Zeitgenossen ausnütze. (S. 52) Die Verbindung von rassischer Degeneration und Kriminalität prägte eher den Diskurs über das „Zigeunerunwesen“.
Prozessberichterstattung in der Tagespresse
Der zweite Teil von Vyletas Buch wendet sich vom wissenschaftlichen Spezialdiskurs ab und der breiteren medialen Öffentlichkeit Wiens zu. Der Autor untersucht das Judenbild in der Prozessberichterstattung von acht Zeitungen mit einer Massenauflage: Deutsches Volksblatt (1888ff.), Reichspost (1895ff.), Vaterland (1860ff.), Kikeriki (1860ff.), Illustrierte Kronenzeitung (1900ff.), Illustriertes Wiener Extrablatt (1872ff.), Arbeiter Zeitung (1889ff.), Neue Freie Presse (1864ff.).
Spezifisch “jüdische” Kriminalität stellte in den Gerichtsreportagen der Wiener Massenpresse nur einen kleinen, aber dauerhaft präsenten, Ausschnitt der Berichterstattung dar. In der Regel ging es um Betrugsfälle, kaum hingegen um Gewaltdelikte, die - in Übereinstimmung mit der zeitgenössischen Kriminalitätsstatistik - nicht jüdisch konnotiert wurden. Sprachlich und bildlich (Gerichtszeichnungen) verwandelte die Presse den Gerichtssaal in eine Theaterbühne, auf der die Angeklagten in der Regel die Rolle des geschickten, die Öffentlichkeit täuschenden Profikriminellen spielten. Selbst bei Fällen, wie dem Polnaer “Ritualmordprozess” 1899, in denen es nahe gelegen hätte, den Diskurs auf das Thema rassische Degeneration zu lenken, geschah dies kaum. Stattdessen kriminalisierten die antisemitischen Blätter Justizwesen und Presse, die angeblich - weil jüdisch unterwandert - die Aufdeckung der Wahrheit hintertrieben.
Dabei weist Vyleta auf erhebliche Unterschiede zwischen antisemitischen und nicht- antisemitischen Zeitungen hin. Während das deutschnationale Volksblatt und die christlich- sozialen Reichspost, Vaterland und Kikeriki über die exzessive Rede von “jüdischer” Kriminalität versuchten, alle Juden zu kriminalisieren, interessierten sich die übrigen Zeitungen allenfalls beiläufig für die Konfession der Prozessbeteiligten. Ihnen ging es eher um den Sensationscharakter der Verfahren und nicht um eine politische Botschaft.
Fazit
Einziger Kritikpunkt an Vyletas gut recherchierter Studie ist der häufig zu lockere Umgang mit den komplexen sprachlichen, ethnischen und religiösen Identitäten der Habsburgermonarchie. Die Rede von “den Deutschen” und der “deutschen Presse” unterschlägt die Fragmentierung in ein katholisch- pro-habsburgisches, ein deutschnational anti-habsburgisches und ein proletarisch-sozialistisches Milieu. Den „Ritualmordfall“ Polna schildert Vyleta ausschließlich als Medienereignis, wobei auf das angespannte Verhältnis zwischen Deutschen, Tschechen und Juden in Böhmen zu wenig eingegangen wird. Das ändert nichts daran, dass es dem Autor gelungen ist, fundierte medienhistorische Einblicke in den Wiener Antisemitismus zu bieten. Angesichts der “Ostjudenfrage” und der zunehmenden rassentheoretischen Unterfütterung des Antisemitismus überrascht es, dass von einer rassebedingten und erblichen kriminellen Disposition der Juden selbst in der antisemitischen Presse kaum die Rede war. Dies sollte für die Antisemitismusforschung Anlass sein, zu hinterfragen, ob der Rassenantisemitismus im späten 19. Jahrhundert wirklich die vorherrschende Form der Judenfeindlichkeit war. Vyletas Studie legt jedenfalls nahe, dass sozioökonomische Motive zumindest in der Massenpresse die größere Rolle spielten.
