Geburt in Brasilien: Erfahrungen einer deutschen Hebamme

Als Hebamme in Brasilien - Verlag Freies Geistesleben
Als Hebamme in Brasilien - Verlag Freies Geistesleben
Hebamme Angela Gehrke da Silva beschreibt in ihrem Buch "Als Hebamme in Brasilien" Geburten in den Reichen- und den Armen-Krankenhäusern.

Brasilien ist ein Land der Gegensätze. Unvorstellbarer Reichtum existiert dicht neben größtem Elend. Die Weite des Landes ist kaum zu fassen. Dennoch hausen Großfamilien in den Favelas – den Elendsvierteln der brasilianischen Großstädte – an Steilhängen, die für normale Häuser ungeeignet wären, auf wenigen Quadratmetern zusammen. Das Leben in den Bretter- und Wellblechhütten unter mangelhaften hygienischen Umständen bringt häufig Unter- und Mangelernährung, eine Vielzahl von Infektions- und anderen armutsassoziierten Krankheiten mit sich – und es ist der Grund für die erschreckend hohe Säuglingssterblichkeit in Brasilien: 22 pro 1.000 (!) Lebendgeborenen. Und das, obwohl Brasilien die weltweit zweithöchste Kaiserschnittrate weltweit hat...

Einblicke in die Geburtshilfe Brasiliens

Die Hebamme Angela Gehrke da Silva hat zwar im bereits im Frühjahr 2000 im Alter von 44 Jahren den Kampf gegen eine Krebserkrankung verloren. In ihrem Buch „Als Hebamme in Brasilien“ hinterlässt die engagierte und mutige Deutsche jedoch sehr gute und lebhafte Einblicke, die sie während ihrer 14jährigen Hebammentätigkeit in Sao Paolo sowohl in den Reichen- als auch in den Armenkrankenhäusern gewonnen hat. Sie setzte sich jahrelang für mehr Menschlichkeit in der Geburthilfe Brasiliens ein.

Gesundheitsversorgung in Brasilien

Die starke Kluft zwischen Arm und Reich in einem Land spiegelt sich immer im Gesundheitsbereich besonders deutlich wieder: Von der Retortenbefruchtung über den perfekten Zahnersatz bis hin zur Herztransplantation gibt es in Brasilien einfach alles. Allerdings exisitiert eine (menschenwürdige) medizinische Behandlung nur für diejenigen, die es sich leisten können, teure Ärzte in Anspruch zu nehmen. Kostenlose Behandlungen sind mit ewigen Wartezeiten verbunden.

Kaiserschnitt-Geburt im Reichen-Krankenhaus

„Es gibt Krankenhäuser, die erinnern an Fünf-Sterne-Hotels“, schildert Angela Gehrke da Silva in ihrem Buch „Als Hebamme in Brasilien“. Teppichboden, gedämpfte klassische Musik, Kellner mit Tabletts, alle sprechen freundlich und leise, die Zimmer sind mit Fernseher und Begleitbett ausgestattet. Die Frauen kommen morgens zwischen sechs und neun perfekt gekleidet und geschminkt zur Aufnahme. Gegen Mittag sind alle Kaiserschnitte gemacht, und die Ärzte gehen in ihre Privatpraxen.“

Extrem hohe Kaiserschnitt-Rate in Brasiliens Städten

Für die urbane brasilianische Frau scheint es eine Selbstverständlichkeit zu sein, ihr Kind per Kaiserschnitt entbinden zu lassen. In Privatkliniken lag die Rate der Schnittentbindungen 2004 bei 82,4 %. Es gibt aber auch Häuser mit einer Rate von 95 %. Angela Gehrke da Silva, die in Brasilien hauptsächlich Hausgeburten machte, erzählt, dass sie einmal eine Frau, die sich nicht zur Hausgeburt entschließen konnte, ins Spital begleitete. Deren Geburt dort war eine der ersten Spontanentbindungen des Jahres und die einzige ohne Periduralanästhesie. „Die Schwestern können gar nicht mit Patientinnen umgehen, die sich bewegen können, und wir mussten eine schriftliche Erlaubnis hinterlassen, dass die Frau aufstehen und duschen durfte“, erzählt sie. Die Frauen würden natürlich gut behandelt, und doch stelle sich die Frage, ob es nicht auch eine Verletzung der Menschenwürde ist, ihnen die Möglichkeit einer natürlichen Geburt fast völlig zu nehmen.

Geburt in öffentlichen Kliniken Brasiliens

Selbst in öffentlichen Kliniken, in denen es an Platz, an Material, an Personal und dessen Bezahlung mangelt, kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Zunächst muss man als Frau froh sein, überhaupt aufgenommen zu werden. „Der Kreißsaal ist die Hölle“, schildert Angela Gehrke da Silva. „Überall liegen Frauen, fast immer ohne Matratze, auf Betten, Bahren, sogar auf Laken auf dem Boden. Bei zehn bis 30 Geburten pro Nacht nehmen sich die Schwestern nicht einmal die Zeit, den Müttern kurz ihre Kinder zu zeigen.“ Auf Verständnis und Feingefühl würden selbst Frauen, die ein Kind tot geboren haben, umsonst warten.

Einsatz für eine sanfte und natürliche Geburt

Die zunehmende Medizinalisierung in der Geburtshilfe ist typisch für Schwellenländer wie Brasilien. Die Bevölkerung orientiert sich in ihren Wünschen an den Industrieländern, wo den Medien zufolge die Kinder von Prominenten nur noch per Kaiserschnitt entbunden würden. Der Beruf der Hebamme wurde zu Beginn der 1980er Jahre abgeschafft. Die Ausbildung der Ärzte ist einseitig auf operative und pathologische Geburten ausgerichtet. Kaiserschnitte sind im Vergleich zu normalen Geburten auch mit geringerem Zeitaufwand verbunden – und sie werden wesentlich besser vergütet. Angela Gehrke da Silva setzte sich – im Rahmen eines Gesundheitsprojekts der „Associacao Comunitária Monte Azul“ jahrelang dafür ein, dass Eltern und Kinder wieder eine sanfte und natürliche Geburt erleben dürfen.

Angela Gehrke da Silva: Als Hebamme in Brasilien. Verlag Freies Geistesleben. 2005. 300 Seiten. Euro 14,50.

Karin Martin, Karin Martin

Karin Martin - ... geboren und aufgewachsen in Wien absovierte ich eben dort mein Romanistik- und Publizistik-Studium. Später zog ich mit meiner ...

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