
- Das Amazonasgebiet in Peru - Sabrina Zelezny
2009 ging ein Aufschrei durch Peru. Präsident Alan García sagte mit unverhohlener Verachtung vor laufender Kamera: „Es reicht mit Protesten, diese Personen haben keine Ahnung. Das sind keine Bürger erster Klasse.“ Er sprach von den streikenden Indigenen im Amazonasgebiet. Seine Äußerung macht deutlich, wie tief der Rassismus in der peruanischen Gesellschaft sitzt.
Peru – der Bettler auf der goldenen Bank
Peru ist durch seine enorme kulturelle und geografische Vielfalt gekennzeichnet, aber in der Gesellschaftsstruktur leben noch immer koloniale Machtverhältnisse fort. So ist die indigene Bevölkerung im Andenhochland sowie im Amazonasgebiet noch immer Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt – obwohl das per Gesetz unterbunden sein sollte.
Peruaner bezeichnen ihr Land gern als den „Bettler auf der goldenen Bank“: Etwa zwei Drittel des Landes sind vom Regenwald des Amazonas bedeckt – Experten vermuten dort reiche Erdölvorkommen. Diese Bodenschätze sollen nach dem Willen der peruanischen Regierung genutzt werden.
Erdöl um jeden Preis
2007 hatten Peru und die USA einen Freihandelsvertrag – den TLC – geschlossen. Weil Peru die Notwendigkeit sah, seine Gesetzgebung an den neuen Rahmen anzupassen, erkannte sich die Regierung im Jahr 2008 direkte Gesetzgebungskompetenzen zu – während eines Zeitraums von 180 Tagen erließ sie Legislativdekrete, die nicht mit den Indigenen im Amazonasgebiet abgesprochen wurden, obwohl sie massiv deren Landrechte beschnitten. Noch im gleichen Jahr regte sich Widerstand gegen die Dekrete, die den Zugang internationaler Konzerne zu den Ressourcen des Regenwalds erleichtern sollen. Doch im Juni 2009 kam es schließlich zur blutigen Eskalation.
Das Massaker von Bagua
Wegen anhaltender Straßensperren um die Kleinstadt Bagua im Amazonasgebiet hatte die Regierung den Ausnahmezustand verhängt. Am 5. Juni schritt eine fünfhundert Mann starke Polizeieinheit zur Auflösung der Straßenblockade, die sich bezeichnenderweise an der Curva del Diablo, der „Teufelskurve“, befand. Die peruanische Tageszeitung La República titelte folgerichtig: „Die Teufelskurve wurde zur Hölle.“ Was war geschehen? Die Polizei ging mit Schusswaffen und Tränengas vor, mindestens zehn Indigene und 23 Polizisten kamen ums Leben.
„Baguazo“ ist noch lange nicht aufgeklärt
Von Anfang an gab es jedoch widersprüchliche Angaben zur Zahl der Toten, ebenso wenig war klar, ob die Indigenen bewaffnet gewesen waren und wie alles genau ablief. Sicher ist: Die Regierung entzog dem unabhängigen Lokalsender Radio Bagua die Lizenz und erklärte in einem propagandistischen Werbespot die getöteten Polizisten zu Märtyrern, die rebellischen Indigenen jedoch zu Vaterlandsverrätern, zu gewissenlosen Wilden. Der Präsident der indigenen Organisation AIDESEP, Alberto Pizango, musste schließlich nach Nicaragua ins Exil. Und Alan García ließ sich zu oben zitiertem Ausspruch hinreißen: Die Amazonasbevölkerung, das seien keine Bürger erster Klasse.
Kritik an der Wahrheitskommission
Den Werbespot hat die Regierung zurücknehmen müssen, eine Wahrheitskommission sollte die Ereignisse von Bagua analysieren. Ihr Abschlussbericht wird von der AIDESEP scharf kritisiert. Ihre Anhänger werfen Alan Garcías Regierung nicht weniger als Völkermord vor. Sie verurteilen, wie der Präsident ihren Lebensraum kompromisslos dem wirtschaftlichen Profit unterordnet: Das Wort Nachhaltigkeit scheint es in Alan Garcías Regierungsplan nicht zu geben.
Gedenken an Bagua statt Feiern und Rum
In diesem Jahr fällt der 5. Juni ironischerweise auf den „Tag des Rums“, den Alan García für das erste Juniwochenende proklamiert hat. Doch auf sozialen Netzwerken wie Facebook wird klar: Viele Peruaner gedenken an diesem 5. Juni lieber der Ereignisse von Bagua, statt die Erinnerung in Rum zu ertränken. Indigene Gemeinden des Amazonasgebiets haben für den Tag einen 24-stündigen Streik angekündigt. „Geschichte, die vergessen wird, ist Geschichte, die sich wiederholt“, sagte Mamerto Maicúa, Vorsitzender eines Regionalverbandes.
Der „Baguazo“ war ein brutaler Warnschuss gegen Garcías Politik – doch noch muss sich zeigen, ob er nicht ungehört verklungen ist.
