
- Goethe und Eichendorff - Rafael Michalczuk
Die Dichter Joseph von Eichendorff und Johann Wolfgang von Goethe geben in ihren Gedichten „Wünschelrute“ und „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ kompakte Lyriktheorien wider:
„Wünschelrute“
Laut dem Grimmschen Wörterbuch ist der Begriff „Wünschelrute“ seit dem 13. Jahrhundert belegt. Im Mittelhochdeutschen sei eine Wünschelrute gleichbedeutend mit einem „stab, mit dessen hilfe auszerordentliches geleistet werden kann“. Diese Definition lässt auf das nahe iunctim zwischen „Wünschelrute“ und „Zauberwort“ deuten. Dem Gebrauch des Begriffs „Zauberwort“ im Gedicht kommt das Begriffsverständnis des 16. Jahrhunderts nahe: „auch als zauber- und vor allem wahrsagestab im gebrauch älterer zeiten vorgestellt“. Die Wünschelrute als Zauber- oder Wahrsagestab stellt das Gedicht in einem einheitlicheren Licht dar. Durch die Wahrung des zeitgenössischen Kontextes entsteht eine kohärente literarische Isotopie, die von „Zauber“ und „Magie“ durchsetzt ist.
Das „Zauberwort“ von Eichendorff
Das „Zauberwort“ kann man nach den Gebrüdern Grimm folgendermaßen definieren: „das zauberkräftige wort, meist eine anzahl formelhaft zum zauberspruch gehöriger worte“. Auf die Rolle des „Zauberwortes“ für den Dichter weist der Dichterfürst Goethe selbst hin. Demnach könne das Zauberwort des Dichters Wunden heilen. Die Kunst besteht jedoch darin, das Zauberwort zu „treffen“ und die Welt damit singen zu machen. „[S]eine wunden weisz er (der dichter) auszukühlen, mit zauberwort die tiefsten auszuheilen.“ (Grimmsches Wörterbuch) Die Lyriktheorie, die in der Wünschelrute enthalten ist, erscheint als eine Innenansicht des Dichters auf die Poesie, die vom lyrischen Ich vorgetragen wird. Nur mithilfe der Wünschelrute kann man das Zauberwort treffen und das Lied, das in allen Dingen schläft, wecken. Einleuchtend scheint, dass das Zauberwort jenes Mittel ist, das dem Dichter selbst zur Verfügung steht. Das lyrische Wort schöpft demnach aus sich selbst Lyrik.
„Philister“
Johann Wolfgang von Goethe führt in „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ den Philister vor, er belustigt sich über sein Unverständnis für Poesie, das auf seiner missgünstigen (lies: engstirnigen) Betrachtungsweise beruht. Ursprünglich entstammt der Begriff „Philister“ dem Alten Testament, so wird in der Bibel ein Nachbarvolk der Israeliten genannt. Der Begriff „Philister“ als Studentenausdruck geht auf eine Leichenpredigt über den Text „Philister über dir Simson“ zurück.
Eichendorffs Drama „Krieg den Philistern"
Literarisch taucht der Begriff bei niemand anderem als Goethe zum ersten Mal auf: 1774 im „Werther“. Seitdem erscheint er immer wieder „als satirische Waffe im Kampf der literarischen Bewegungen“ (A. Hillach und K.-D. Krabiel, Eichendorff-Kommentar, Bd. 1, München 1971, S. 169-170). Die Frage, wer denn der „Philister“ nun endlich sei, beantwortet – wortgewandt wie gewohnt – natürlich der Dichter selbst: „was ist ein phlilister?/ein hohler darm,/mit furcht und hoffnung ausgefüllt,/ dasz gott erbarm!“
Im Kampf gegen die Philister ist Goethe keineswegs allein. Auch Eichendorff wehrte sich dagegen, von der Welt der Spießbürger verschlungen zu werden. Immer wieder griff er den „Philister“ an. Das wohl beste Exempel für den Kampf gegen die Philister ist Eichendorffs Drama „Krieg den Philistern“.
Polarität zwischen Licht und Dunkelheit
Die lyrische Umschreibung der Poesie Goethes in „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ ist in ein vielschichtiges Weltbild eingebettet, das bei näherer Betrachtung zu einer komplexen und zugleich kompakten Lyriktheorie wird. Goethe skizziert in Licht- und Schattennuancen eine Weltanschauung, die man das Antiphilistertum nennen könnte. Auffällig scheint die in den zwei Strophen aufgebaute Polarität zwischen Licht und Dunkelheit, die sowohl mit der Innen- und Außenperspektive sowie auch den negativen und positiven Eigenschaften des Philisters gekoppelt ist.
Die Transparenz des Gedichts
Die Transparenz der „bemalten Fensterscheiben“ ermöglicht den optischen Verkehr zwischen Innen- und Außenraum. Das Fenster fungiert im Gedicht als Vehikel der Magie und/oder des Zaubers. Hierbei handelt es sich keineswegs um ein gewöhnliches Fenster, sondern um die prächtigsten aller Fenster – „bemalte Fensterscheiben“ einer heiligen Kapelle. Es ist das Gedicht, das die Kommunikation zwischen Licht und Dunkel, das Verständnis von innen her ermöglicht und erlaubt, die Beschränktheit des äußeren Betrachters zu überwinden – mit Eichendorff gesprochen: Es erlaubt, das Zauberwort zu treffen.
