
- Stilmittel für die Gedichtinterpretation - Thomas Schmid
Wer Gedichte interpretiert, will hinter die Fassaden eines sprachlichen Kunstwerkes schauen. Möchte man wissen, wie die sprachlichen Zahnräder ineinandergreifen, muss man sich mit den Stilmitteln auseinandersetzen. Sie bilden das Grundgerüst der formalen Analyse eines Gedichts. Man unterteilt hier ganz grob in Stilmittel, die Bildlichkeit hervorrufen, Stilmittel der Wiederholung und Stilmittel, die ihre Wirkung durch verschiedene Satzanordnungen wie Umstellung, Aufzählung oder Auslassung erzielen. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Es gibt jedoch einige, die relativ häufig vorkommen. Eine Auswahl soll hier vorgestellt und erläutert werden.
Formen der Wiederholung
Wiederholungen geben Gedichten eine eigene Form und Ästhetik. Sie betonen Inhalte und erzeugen Lesedynamik. Einige wichtige Stilmittel im Überblick:
Die Alliteration: Bei Wortfolgen, die immer mit dem gleichen Buchstaben beginnen, spricht man von einer Alliteration:
Beispiel: Milch macht müde Männer munter.
Die Alliteration ist eng verwandt mit dem sogenannten Stabreim. Sie wird aber punktueller eingesetzt und zieht sich nicht, wie der Stabreim, als Strukturelement durch dein Gedicht.
Die Anapher: Bei der Anapher ist das Wort am Versanfang immer das Selbe und wird wiederholt.
Beispiel:
Stark muss er sein!
Stark im Geiste und
Stark im Herzen
Die Epipher: Befindet sich die Wortwiederholung am Ende spricht man von einer Epipher.
Beispiel:
Sein Herz ist stark
Der Geist, so stark
Die Hand des Himmels so blau – so stark
Die Epanalepse: Bei der Epanalepse werden Worte oder Wortgruppen unmittelbar aufeinander wiederholt.
Beispiel: Lauft, lauft, ihr Narren!
Die Anadiplose: Bei der Anadiplose wird die Letzte Worteinheit des Verses am Anfang des nächsten Verses wiederholt.
Beispiel: Heute war es schöner Frühling
Schöner Frühling hier im Land
Stilmittel der Aufzählung:
Aufzählungen verstärken einen Sachverhalt und können diesen auch steigern.
Asyndeton: Werden Aufzählungen ohne Konjunktionen verwendet, ist das ein Asyndeton:
Beispiel: Die Pest voll Leid, Tod, Furcht, Hass!
Polysyndeton: Werden Aufzählungen mit Konjunktionen verwunden, ist das ein Polysyndeton:
Beispiel: Die Pest, voll Leid und Tod und Furcht und Hass.
Klimax: Wird eine Aufzählung inhaltlich gesteigert, spricht man von einem Klimax. Sind die Inhalte fallend angeordnet, nennt man dies Antiklimax.
Beispiel für einen Klimax: Ich kam, sah, siegte! (Cäsar)
Beispiel für einen Antiklimax: Ich rannte, dann ging ich, dann fiel ich.
Stilmittel, die Gegensätze erzeugen:
Sehr starke Wirkung erzählen Gegensätze, die sich eigentlich ausschließen und in ihrem Zusammenspiel eine starke Wirkung erzielen.
Das Oxymoron: Begriffe, die sich inhaltlich ausschließen werden hier bewusst verwendet, um Gegensätze zu erzeugen.
Beispiel:
Die helle Nacht,
die warmen Winter,
dort in den flachen Bergen
schwieg unser Schrei
eine Stunde lang zeitlos.
Die Antithese: Hier werden gegensätzliche Worte gegenübergestellt. Sie müssen sich aber nicht ausschließen. Beispiel:
Wir rannten schnell,
langsam kamen sie uns entgegen.
Stilmittel besonderer Anordnungen im Satzbau
Die Ellipse: Werden für Worte, die für einen vollständigen Satz wichtig sind einfach ausgelassen, spricht man von einer Ellipse. Ein sehr starkes Stilmittel, weil das, was man nicht sagt, oftmals noch stärker betont wird, als das, was man ausspricht oder niederschreibt.
Beispiel:
Wie er dort am Bahnhof
die Hände die in die Zeitung
Dort am Bahnhof, den Bus
und voller Ruhe, lachend
die Zigarette
Der Parallelismus: Hier weist der Satzbau eines Verses Parallelen zum Satzbau eines anderes Verses auf. Beispiel:
Es jubelten die Jungen voller Freude
Es schwiegen die Alten voller Scham
Der Chiasmus: Hier werden ähnliche Satzglieder nicht parallel wie beim Parallelismus angeordnet, sonder über Kreuz gestellt.
Beispiel:
Ich trete in die Stille, in die Stille trete ich ein.
Die Kunst ist lang und kurz ist unser Leben.
Enjambement: Wird ein Satz auf mehrere Verse verteilt, kommt es zu Zeilensprüngen, die kleine Pausen im Lesefluss hervorrufen.
Beispiel:
Er stand dort im Garten, dort
Einsam und verlassen ohne
Mütze. Kinder schlugen
ihm die Mütze ab.
Hüllwörter, Wortneuschöpfungen, Übertreibungen und Vergleiche
Der Euphemismus: Unschöne Sachverhalte können durch einen Euphemismus beschönigt werden. Dieses Stilmittel wurde im Nationalsozialismus auf schlimmste Weise missbraucht, um Grausamkeiten propagandatauglich zu machen.
Beispiel: Die Endlösung anstatt Massenmord
Auch heute sind Euphemismen gängig, wenn es darum geht, politische oder wirtschaftliche Entscheidungen zu verschleiern oder zu beschönigen:
Beispiel: „Beiträge werden angepasst“ anstatt „Beiträge werden erhöht.“
Neologismen: Wortneuschöpfungen sind Ausdruck eines stetigen Sprachwandels. Sprache ist nie statisch sondern immer Ausdruck seiner Zeit.
So ist das Verb „hartzen“ nach der Einführung von Arbeitslosengeld 1, 2 und Hartz 4 entstanden. Im Zuge der Streitigkeiten um das Bahnprojekt Stuttgart 21 entstand der Neologismus „Wutbürger“.
Der Archaismus: Hier werden Worte, die eigentlich schon lang nicht mehr gebraucht werden, weil sie altbacken klingen, bewusst wieder aufgegriffen.
Beispiele: Knabe anstatt Junge, Velo anstatt Fahrrad, Hochwürden anstatt Pfarrer
Vergleiche: Vergleiche werden immer mit eine „wie“ eingeläutet und schreiben einem Subjekt damit Eigenschaften zu, die eigentlich zu einem anderen Subjekt oder Objekt gehören.
Beispiel: Er ist stark wie ein Löwe, sieht so gut wie ein Adler und steht so fest wie ein Berg!
Die Hyperbel: Wird bewusst übertrieben, spricht man von einer Hyperbel.
Beispiel: Ich habs dir tausendmal gesagt! Oder: Er schwamm durch ein Meer von Tränen.
Stilmittel, die Bildlichkeit erzeugen
Das uneigentliche Sprechen in Bildern ist typisch für Lyrik. Stilmittel, die diese Bildlichkeit erzeugen, subsumiert man unter den Begriff der Tropen.
Die Metapher: Hier steht ein Bild für einen Sachverhalt. Die Verbindung vonBild und Sachverhalt sind aber nicht durch das Wort „wie“ kenntlich gemacht und unterscheiden sich deshalb vom Stilmittel des Vergleichs. Der metaphorische Ausdruck wird als Bildspender bezeichnet, das was ausgedrückt werden soll, wird als Bildempfänger bezeichnet. Beispiele: Das Auge der Welt, Tochterunternehmen, Wüstenschiff, Stuhlbein, das Herz der Stadt.
Die Metapher ist sehr komplex und die literaturtheoretischen Positionen zum Thema verschieden. Die Ansätze reichen bis zu Aristoteles zurück und sprengen den Rahmen dieser Übersicht. Mehr zu Metapher hier.
Personifikation: Die Personifikation ist eng mit der Metapher verbunden und wird manchmal auch anthropomorphisierte Metapher genannt. Leblosen Objekten oder abstrakten Sachverhalten werden menschliche Eigenschaften zugeordnet, um sie zu veranschaulichen.
Beispiele: Frühling lässt sein blaues Band wieder Flattern durch die Lüfte. (Mörike, Er ist's)
Das Symbol:
Aus dem griechischen von symbolon: „Wahrzeichen“ oder „Merkmal.“ Einem Wort werden über die eigene Bedeutung hinaus kulturell festgelegte Attribute zugeschrieben. Die eigene Bedeutung wird Denotation genannt, wohingegen der Bedeutungsmehrwert der Konnotation zuzuordnen ist.
Ein Beispiel: Taube als Symbol für den Frieden.
Denotat: Taube (=weißer Vogel)
Konnotat: Frieden.
Ein Symbol kann nur verstanden werden, wenn man die dazugehörigen kulturellen Übereinkünfte kennt.
Die Allegorie:
Währen die Metaphern punktuell genutzt werden, ist die Allegorie eine einzige große Metapher, die sich über mehrere Verse oder gar ein ganzes Gedicht ziehen. Beispiel für eine Allegorie sind C.F. Meyers zwei Segel. Sie sind eine Allegorie auf die Interaktion zweier sich liebender Menschen.
Synästhesie: Werden in einem Gedicht mehrere Sinne gleichzeitig Angesprochen und verknüpft nennt man dies Synästhesie.
Beispiel: Süße wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land (Mörike, Er ist's)
Tipp für Schüler: Versucht nicht, die Stilmittel stur auswendig zu lernen, sondern übt an konkreten Gedichtbeispielen. Vor allem Gedichte der Romantik, des Barocks und der Klassik eigenen sich auf Grund ihrer hohen formalen Strukturiertheit sehr gut zum Üben. Überlege dir für jedes Stilmittel selbst eigene Beispiele. Sei kreativ, denn wer kreativ ist, lernt leichter.
