Gedicht-Interpretation – Jandls Rilke-Gedichte

Was hat Rainer Maria Rilke mit Jandl zu tun?

Rainer Maria Rilke in jungen Jahren - zeno
Rainer Maria Rilke in jungen Jahren - zeno
Autoren inspirieren sich oft gegenseitig. So muss dies auch mit Rilke gewesen sein, der Jandl zu siebzehn Gedichten angeregt hat.

Knapp eineinhalb Jahre überschnitten sich ihre Leben, und auch wenn sie auf ähnlichem Breitengrad lebten in dieser kurz gemeinsam verbrachten Erdenzeit (Rilke lebte die letzten Jahre in der Schweiz und starb am 29. Dezember 1926 in einem Sanatorium bei Montreux), so hat der eineinhalbjährige Jandl in Wien sicher auf andere Weise mit der Sprache experimentiert als in seinen späteren Jahren. Nichtsdestotrotz war der Erwachsene Jandl von Rilke sehr beeindruckt, denn er hat ihm gleich siebzehn Gedichte gewidmet.

In der Einfachheit der Rilke-Gedichte spürt man die Achtung vor dem Lyriker

Über allen Gedichten steht die Überschrift „Der gewöhnliche Rilke“. Damit wird schon deutlich, hier geht es nicht ausschließlich um den Dichter Rilke, sondern um den Menschen hinter den Gedichten. Schon das erste Gedicht „rilkes trennung / der ungewöhnliche rilke / und der gewöhnliche rilke / steckten im gleichen“ macht dies auf Jandl’sche Weise klar. Und klar wird damit auch die Achtung vor dem großartigen Dichter Rainer Maria Rilke, der in vielen Werken, wie zum Beispiel den Duineser Elegien, eine Stufe der sprachlichen und menschlichen Reife erreicht hat, die nur sehr wenigen Dichtern zuteil wird. Umso wichtiger scheint es Jandl zu sein, sich Rilke als „normalen“ Erdenbürger vorzustellen.

Rilke atmet, hat ein Fenster, Schuhe, eine Nase, einen Namen und ein Boot

Und so tastet sich Jandl an Rainer Maria Rilke von verschiedenen Seiten heran, überlegt, was in dessen Leben eine Rolle gespielt hat und lässt auch das Alltägliche nicht aus, wie Rilkes Atmen. „rilke / atmete / die luft // die gute luft // rilke / atmete / pausenlos“ schreibt Jandl bereits im zweiten Gedicht. Gerade dieses normale Verhalten, das jeden Menschen am Leben hält, wird in der Wortwahl Jandls zu etwas Ungewöhnlichem und lässt einen trotzdem schmunzeln. Doch wie so oft, wenn einfache Worte einen einfachen Sinn vortäuschen, enthält auch dieses kurze Gedicht weit mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Das Wort „pausenlos“, das er für das regelmäßige Atmen gewählt hat, zeigt einen rastlosen Menschen, einen Getriebenen. Ersetzt man nun „atmen" gedanklich mit „arbeiten" und setzt „die gute luft“ mit einem höheren geistigen Entwicklungsstand gleich, dann sieht man einen getriebenen Menschen vor sich, der um der Literatur und des Wortes willen ständig mit sich selbst haderte, sich keine Ruhe gönnte. Betrachtet man den Umfang von Rilkes hinterlassenem Werk aus knapp dreißig Jahren Schaffenszeit, dann scheint diese Deutung sehr passend.

Jandl hat sich ausgiebig mit Rilkes Leben und seinem Werk beschäftigt

So lassen sich viele dieser Gedichte – vor dem Hintergrund von Rilkes Leben – ganz anders interpretieren, als sie auf den ersten Blick wirken. Gerade die Einfachheit der Sprache, die Knappheit und die gewählten symbolhaltigen Worte wie „boot“ lassen viele Interpretationen zu. „ruderschlagend / tagend // tagend / ruderschlagend“ – da ist alles gesagt, und man sieht einen Menschen in einem Boot haltlos treiben. Rilke, der viele traumatische Erlebnisse zu bewältigen hatte, wie den ersten Weltkrieg oder in der Kindheit das Leben als „Ersatzmädchen" der Mutter für die früh gestorbene Schwester, hat sicherlich oft das Gefühl der Ohnmacht empfunden, das einen in einem dahintreibenden Boot heimsucht. Auch Rilkes Schuhe „rilkes schuh / war einer / von zweien“ vermittelt den Eindruck, dass hier über einen Menschen geschrieben wird, der ganz und gar nicht sicher im Leben stand, wie man dies in Schuhen normalerweise tut.

„rilke in schuhen / trug immer / zwei“ kann ein ähnlicher Hinweis wie das erste Gedicht sein, auf die „zwei Menschen“ in Rilke, den hochgestimmten Poeten und den unsicheren Menschen, der mit den eigenen Schwächen zu kämpfen hat. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Schuhe, die sich in dem Gedicht als „Stiefel“ beim Lesen aufdrängen, einen Hinweis auf die militärischen Zeiten (Militärschule und seine Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg) Rilkes geben. Nach dem Lebensabschnitt als Soldat brauchte Rilke Jahre, um wieder literarisch arbeiten zu können und die letzte Strophe des Jandl'schen Gedichtes zeigt diese äußere Beeinflussung und die Hilflosigkeit Rilkes, festen Stand zu gewinnen: „wade an wade / stand rilke / aus den beiden schuhen heraus“.

Jandl dichtet über die Gefühlswelt Rilkes

Diese Ohnmacht dem Leben gegenüber wird auch in dem Gedicht „rilkes lohn“ beschrieben. „dies nun / sei sein lohn // keiner war sich gewiß / was er damit meinte // rilke weinte“. Wieder dieses Empfinden, dass etwas von außen über Rilkes Leben gestülpt wird. „sei sein lohn“ wirkt sehr überheblich, und es ist auch von keinem Menschen die Rede, der dies gesagt hat. Vernehmbar ist nur eine allgemeine Verwunderung über die gedichteten Worte, und wer sich da wundert, das erscheint als anonyme Masse („keiner“), die nicht versteht was „er“ (ein höheres Wesen?) meint. So kann Rilke nur mit einem dagegen leise wirkenden Weinen reagieren. Diese starke Beeinflussung von einer unbekannten Macht wird im letzten Rilke-Gedicht „rilkes gewicht“ mit „die erde“ ausgedrückt. Erde steht für Wachstum, aber auch für Bodenständigkeit und für das Vergehen – Asche zu Asche, Staub zu Staub. „rilke wird um sein / gewicht erleichtert // so rauh erzieht / die erde ihren sohn“ – ein großartiges Abschiedsgedicht an einen Dichter, der oft das irdische Gewicht als Schwere empfunden und in dem Geistigen Erfüllung gesucht hat.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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