
- Fälschung - Schwehn
Die Meldung vom 15. Juli 2011 , datiert aus dem kalabrischen Catanzaro, war kurz, knapp und leicht zu übersehen: „In Kalabrien wurden 23 Tonnen falscher Tropea-Zwiebeln beschlagnahmt, jener roten Zwiebeln, die für die Region typisch sind. Beschlagnahmt wurden sie vom Zentralinspektorat, das für Qualitätsschutz zuständig ist und Produktfälschung in der Landwirtschaft verhindern soll. Die Behörde ist dem italienischen Agrarministerium untergeordnet“. Punkt und Schluss und etliche Fragen. Wer kommt auf die Idee, Zwiebeln zu „fälschen“ und warum? Und bei Tropea, dem malerischen Ort auf einem Felsen oberhalb des Tyrrhenischen Meeres, von wo aus man einen weiten Blick bis hin zu den Eolischen Inseln hat?
Eine Zwiebel auch für Marmelade und Speiseeis
Die Erklärung kommt auf den zweiten Blick: Hier unten, an der Stiefelspitze der Apennin-Halbinsel, sind Mikroklima und Boden sehr speziell. Und hier – und nur hier – wächst die „Cipolla Rossa di Tropea“ seit 2000 Jahren. Diese roten und leicht süßlich schmeckenden Zwiebeln sind nicht nur in ihrer „Heimat“ sehr beliebt; sie werden als Rarität auch exportiert – und darum auch gefälscht. Sie finden vielfache Verwendung. Sogar Marmelade wird daraus gekocht, auch Speiseeis hergestellt. In der kalabresischen Küche findet sich dieses süße Zwiebel in vielen Variationen. Sie schmeckt roh in Salaten, sie kann zu einem Pesto verarbeitet werden – der nicht nur zur Pasta schmeckt. Ein besonderer Leckerbissen ist die „Gratinata al forno“; das sind mit Pecorino-Käse überbackende Tropea-Zwiebeln. Last but not least: Die Tropea-Zwiebel ist besonders gesund. Sie fördert die Verdauung, stabilisiert das Herz-Kreislauf-System mehr noch als die normale Zwiebel und regt die Arbeit der Bauchspeicheldrüse an. Sie ist insgesamt sehr gut bekömmlich und verursacht weniger „Ausdünstungen“. Diesen Vorzug hatten die jetzt beschlagnahmten nicht; sie waren zugleich auch Tränen-fördernd. Nicht nur für die ertappten Gauner.
Als eingetragene Warenbezeichnung geschützt
All diese Eigenschaften der roten Zwiebel haben schon der Vergangenheit dazu geführt, dass sich die Landwirte in und um Tropea gegen unlautere Konkurrenz wehren mussten. Bislang zumeist gegen eingeschleuste Billigware – vor allem aus Ägypten. Das führte dazu, dass die italienischen Bauern ihre „Cipolla Rossa di Tropea Calabria“ als eingetragene Warenbezeichnung gesetzlich hatten schützen lassen. Die Gesetzgebung der Europäischen Union macht dies auch für Lebensmittel und Agrarprodukte möglich. Und dies erlaubte nun den Zugriff der Agrarinspektoren.
Rosa Zwiebelchen wachsen auch wild
Mit Zwiebeln hat es in Kalabrien insgesamt eine ganz besondere Bewandtnis. So werden wild wachsende rosa Zwiebelchen von den Frauen in den Bergen und Wäldern gesammelt. In Öl und Essig eingelegt sind diese Cipudazzi nicht nur eine Vorspeise für den eigenen Tisch. Sie kommen ebenfalls in den Export und werden hierzulande – nicht gerade billig, aber preiswert – in Gläsern angeboten.
Weiterführende Informationen: Die echte italienische Küche
