Gefahr für Weidepferde

Die atypische Weidemyopathie: Ungeklärter Tod nach Frostnächten

Kaltblut bei Frost an Heuraufe  - Sylvia K. Brehm
Kaltblut bei Frost an Heuraufe - Sylvia K. Brehm
Im Winterhalbjahr droht Weidepferden eine mysteriöse Erkrankung, die sich nicht ankündigt, nur sporadisch auftritt und meist tödlich endet: Die atypische Weidemyopathie.

Bei der atypischen Weidemyopathie, auch atypische Myoglobinurie der Weidepferde genannt, handelt es sich um eine Muskelerkrankung, die ebenso plötzlich und unerwartet auftritt, wie sie tödlich ist. Sie betrifft ausschließlich auf der Koppel gehaltene Pferde, unabhängig von der Rasse, dem Alter, Geschlecht oder Gesundheitszustand. Sie tritt nur in der kalten Jahreszeit auf und ist weitgehend unerforscht.

Wann tritt sie auf?

Die atypische Weidemyopathie tritt vorwiegend im Herbst auf, vereinzelt auch noch im Frühjahr, jedoch nicht im Sommer. Die meisten Fälle gab es nach frostigen, mit einem plötzlichen Kälteeinbruch einhergehenden Nächten, oder aber nach einem plötzlichen Wetterumschwung in den Kältebereich, vor allem in Jahren nach einem ungewöhnlich trockenen und heißen Sommer. Auch bei Plustemperaturen im niedrigen Bereich, bei hoher Luftfeuchtigkeit und nach Stürmen kann die atypische Weidemyopathie auftreten. Doch längst nicht in jedem Jahr. Es kommt durchaus vor, dass einige Jahre überhaupt nichts passiert und in dann innerhalb weniger Monate sehr viele Pferde erkranken.

Wo tritt sie auf?

Fälle von Muskelerkrankungen unbekannter Ursache gab es bereits 1976 in England und in den achtziger Jahren zudem in Schottland. Immer waren bei kalter Witterung vor allem ungerittene, meist junge Weidepferde betroffen, die die charakteristischen Symptome der Myopathie aufwiesen. 1984 wurde die Erkrankung erstmals als atypische Weidemyopathie beschrieben. Doch schon 1939 soll es in England Weidepferde mit den entsprechenden Symptomen gegeben haben.

Ende Oktober 1995 erreichten die ersten Fälle der so genannten „atypischen Myoglobinurie der Weidepferde“ die Tierärztliche Hochschule (TiHo) Hannover. In diesem Winterhalbjahr 1995/96 erkrankten mindestens 115 Pferde und Ponys, 111 von ihnen starben. Gehäuft trat die Krankheit dann erst wieder im Herbst/Winter 2004/2005, bei ähnlichen klimatischen Bedingungen auf.

Fälle atypischer Weidemyopathie gibt es außer in Deutschland besonders häufig in der Schweiz, aber auch in Österreich, England, Schottland und anderen europäischen Ländern. Häufig waren langjährig als Pferdeweide genutzte, wenig oder gar nicht gedüngte Flächen betroffen, die in Waldnähe oder am Waldrand liegen und dementsprechend schattig und feucht sind. Die Weiden wurden meist bis in die Wintermonate genutzt, wiesen einen relativ starken Verbiss einzelner Areale auf und zeigten einen überdurchschnittlichen Artenreichtum mit hohem Kräuteranteil. Die atypische Weidemyopathie ist bisher ausschließlich bei Pferden und Ponys diagnostiziert worden, die unmittelbar vor Auftreten der Erkrankung auf der Weide gehalten wurden. Fast alle der betroffenen Pferde befanden sich in sehr guter körperlicher Verfassung, wurden nicht gearbeitet und nicht oder nur wenig zugefüttert. Zwar erkranken oft mehrere, aber nicht zwingend alle Pferde einer Weide.

Symptome

Die atypische Weidemyopathie ist eine durch akute Muskeldegeneration gekennzeichnete Erkrankung, die sehr plötzlich auftritt und einen schnellen Verlauf nimmt. Selbst bei regelmäßigen Weidekontrollen werden die Pferde häufig schon tot oder sterbend vorgefunden. Die Todesrate ist selbst bei schnell eingeleiteten und intensiven Therapien ausgesprochen hoch, sie beträgt mehr als neunzig Prozent. Das Krankheitsbild ähnelt anderen, beispielsweise durch Belastungen hervorgerufenen Myopathien. Erkrankte Tiere zeigen plötzliche Steifheit, Muskelzittern, schwankenden Gang, Schweißausbrüche, gering- bis hochgradig gerötete Schleimhäute und erhöhte Puls- und Atemfrequenz. Die Atmung kann erschwert sein. Typisch ist auch der dunkelrote oder braune Harnabsatz, verursacht durch den mit dem Urin ausgeschiedenen Muskelfarbstoff. Die Pferde sind oft apathisch. Ihr Appetit bleibt jedoch erhalten, wobei sie aber meist nicht mehr kauen und schlucken können. Die Schmerzen sind unterschiedlich stark ausgeprägt, manche Pferde zeigen überhaupt keine Schmerzsymptome. Bei rektalen Untersuchen fällt die hochgradig gefüllte Harnblase auf. Die Pferde kommen meist innerhalb von ein bis drei Tagen zum Festliegen und zeigen dabei oft Streckkrämpfe oder Ruderbewegungen. Der Tod tritt innerhalb von drei Tagen ein. Die Symptome ähneln häufig denen der Kolik und es kam auch schon vor, dass an atypischer Weidemyopathie erkrankte Pferde aufgrund ihrer dramatischen Koliksymptome in Klinken überwiesen wurden. Bei der atypischen Weidemyopathie wird die gesamte Muskulatur, einschließlich der Kau- und Herzmuskeln zerstört. Bei vielen der sezierten Pferden wurde zudem ein erniedrigter Blutkalziumspiegel und eine Veränderung der Magenschleimhaut festgestellt.

Ursachen

Die Ursache der atypischen Weidemyopathie ist nach wie vor unbekannt. Es gibt diverse Spekulationen, aber keine Gewissheit. Botanische Untersuchungen der betroffenen Weiden ergaben keinen Hinweis auf Giftpflanzen oder schädigende Stoffe, die mit dem Erscheinungsbild der Erkrankung in Zusammenhang stehen könnten. Auch Bodenanalysen und Wasserproben brachten keinen Aufschluss. Da die Krankheit bisher stets nach einem Kälteeinbruch auftrat, ist ein Zusammenhang mit den Witterungsverhältnissen ziemlich sicher. Weil meist mehrere Pferde einer Weide erkranken, wird vermutet, dass es sich um eine Art Vergiftung durch Weidepflanzen handelt. Möglicherweise ruft der Wetterumschwung Stoffwechselveränderungen in Pflanzen oder Mikroorganismen hervor, die zu einer Toxinbildung führen oder abrupt vorhandene Toxine freisetzen. Auch ist nicht auszuschließen, dass bestimmte klimatische Bedingungen giftige Pflanzen schmackhaft oder zugänglich machen, die normalerweise nicht vom Pferd gefressen werden. So könnte es ein Mykotoxin (Pilzgift) sein, das infolge plötzlich auftretender Kälte von eigentlich harmlosen Pflanzen gebildet wird oder sich darauf entwickelt. Bei Untersuchungen des Magen- und Darminhaltes der verendeten Pferde konnten jedoch keinerlei toxische Stoffe nachgewiesen werden. In der Schweiz wird eher die Clostridientheorie vertreten, wonach sich darmeigene Bakterientoxine bei erhöhter Aufnahme bestimmter Substanzen zu stark vermehren. Auch dies konnte bisher nicht bestätigt werden. Obwohl das klinische Bild der atypischen Weidemyopathie dem der ernährungsbedingten Myopathie (Vitamin E-/Selenmangel) ähnelt, lies sich auch hier kein Zusammenhang feststellen.

Was kann man vorbeugend tun?

Es gibt keinen sicheren Schutz vor der atypischen Weidemyopathie. Trotzdem ist vor unnötiger Panik zu warnen, denn obwohl in manchen Jahren die Fälle gehäuft auftreten, ist dies im Hinblick auf die Gesamtzahl der robust gehaltenen Pferde kein hoher Prozentsatz. Die Zahl der Pferde die bedingt durch die Boxenhaltung an Kolik eingehen ist höher. Robust gehaltene Pferde sollten also auf jeden Fall weiterhin draußen bleiben. Aufstallen über Nacht und Zufüttern mit Heu kann das Risiko mindern. Wichtig sind regelmäßige Kontrollen. Frühzeitig aufgefundene und sofort therapierte Pferde haben zumindest eine kleine Überlebenschance. Bei den geringsten Anzeichen unverzüglich den Tierarzt informieren. Um der Dehydration des Pferdes entgegen zu wirken, ist vor allem eine massive Infusionstherapie wichtig. Ein längerer Transport kann die Symptome verschlimmern und sollte nur durchgeführt werden, wenn die Versorgung vor Ort nicht möglich ist. In Zweifelsfällen bringt eine Blutuntersuchung Gewissheit. Bei der atypischen Weidemyopathie sind die Muskelenzymwerte im Blut um ein vielfaches erhöht. Alle anderen Pferde sind dann sofort von der betroffenen Koppel zu nehmen.

Sylvia K. Brehm , Sylvia K. Brehm

Sylvia K. Brehm - Sylvia Kirsten Brehm ist am 16. Januar 1965 in Rotenburg a.d. Fulda geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und einem ...

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