Einser-Abitur mit 19 Jahren, nie sitzen geblieben, Drogenerfahrung so gut wie keine. Natürlich wusste sie, dass „nur" ein Studium heutzutage nicht ausreicht, um einen guten Job zu bekommen, und deshalb verbrachte sie ein Auslandsemester in Frankreich und paukte in den Semesterferien auch noch ordentlich Spanisch. Dass sie auch fließend Englisch spricht, ist heute so selbstverständlich, dass man es eigentlich nicht mehr zu erwähnen braucht. Anstatt sich an Wochenenden auf Studentenparties herumzutreiben, arbeitete sie in verschiedenen Redaktionen jahrelang als freie Mitarbeiterin - dies alles mit der Hoffnung, einmal ihrem Traumberuf als Journalistin nachgehen zu können. Doch irgendetwas ist schief gelaufen. Nun geht sie auf die 30 zu und hangelt sich von Praktikum zu Praktikum quer durch die Bundesrepublik durch. Familiengründung? Ein eigenes Haus bauen? Alles Wertvorstellungen, die sie mit Anfang 20 noch als spießig abtat. Doch wer auf die 30 zugeht, sehnt sich in der Regel schon nach einer eigenen Wohnung und nicht nach einem WG-Zimmer. Katharina ist kein Einzelfall. Tausende von Jungakademikern aus allen Studienrichtungen auf der Suche nach einer festen Stelle nehmen schlecht oder teilweise gar nicht bezahlte Praktikumsangebote an. Dafür spricht, dass die Lücke im Lebenslauf nicht so groß ist, Berufserfahrungen gesammelt werden können und jedes Praktikum die Hoffnung mit sich bringt, eventuell eine Festanstellung ergattern zu können. Dagegen spricht, dass die Praktikanten weder renten- noch arbeitslosenversichert und aufgrund der niedrigen Gehälter noch von den Eltern abhängig sind.
Eine neue Generation von Praktikanten
Der Begriff Generation Praktikum wurde 2005 von Matthias Stolz in einem Artikel der Wochenzeitung Die Zeit ins Leben gerufen. Seitdem hat sich von Frankreich aus europaweit eine Bewegung in Gang gesetzt, die versucht, die arbeitsrechtliche Situation von Praktikanten zu verbessern. Dabei geht es nicht darum, Praktika als solche zu disqualifizieren. Immerhin bietet die Form des Praktikums eine hervorragende Ausbildungsmöglichkeit für Berufsanfänger und Studenten und ermöglicht, praktische Erfahrungen mit dem theoretisch Erlernten zu kombinieren. Allerdings handelt es sich bei der auch genannten „Generation Prekär" um etwas anderes. Hier werden Arbeitsplätze in Praktikumsplätze umgewandelt und die Hoffnungslosigkeit junger Studienabgänger wird ausgenutzt, um sie kostengünstig und kompromisslos für Zeitspannen von drei bis zwölf Monaten zu beschäftigen. Laut einer Studie der Hans Böckler Stiftung in Zusammenarbeit mit dem DGB absolvieren fast 40 Prozent der Absolventen nach Beendigung ihres Studiums noch ein Praktikum, davon fast die Hälfte ein unbezahltes (www.boeckler.de/pdf/fof_praktikum_2007.pdf).
Soziale Ungleichheiten
Ein Drittel der Berufsanfänger findet durch ein Praktikum den Einstieg in das Berufsleben. Die niedrige Vergütung während des Praktikums führt jedoch dazu, dass ein Großteil der Absolventen auch nach Studienabschluss noch von den Eltern abhängig ist. Von Gehältern wie 500 Euro monatlich kann heutzutage in Hamburg oder München wohl kaum jemand seinen Lebensunterhalt bestreiten. Demnach kann es sich also nur die soziale Oberschicht leisten, nach dem Studium weitere praktische Qualifikationen zu erwerben und somit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Nach dem Motto: Bildung für alle, Praktika nur für wenige!
