
- Der Caelius-Stein im LVR-LandesMuseum in Bonn - Christian Peitz
Er fiel in der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr.: Marcus Caelius. Sein Name ist berühmt unter allen provinzialrömischen Archäologen, denn sein 1620 entdeckter Grabstein war lange Zeit der einzige nichtliterarische Beweis dafür, dass die „Schlacht im Teutoburger Wald“ tatsächlich stattgefunden hat. Der Stein ist heute im LVR-LandesMuseum in Bonn ausgestellt.
Aussagekräftige Grabinschrift
Natürlich trägt der Grabstein neben dem Bildnis des Verstorbenen und seiner beiden Freigelassenen eine Inschrift. Sie lautet:
M(arco) CAELIO T(iti) F(ilio) LEM(onia tribu) BON(onia)
O(rdini) Leg(ionis) XIIX ANN(orum) LII S(emissis).
[ce]CIDIT BELLO VARIANO. OSSA
[---i]NFERRE LICEBIT. P(ublius) CAELIUS T(iti) F(ilius)
LEM(onia tribu) FRATER FECIT.
“Für Marcus Caelius, den Sohn des Titus, stimmberechtigt für den Bezirk Lemonia, aus Bologna, Hauptmann ersten Ranges der 18. Legion, 53 ½ Jahre alt. Er fiel im Krieg des Varus. Auch die Gebeine … dürfen hier beigesetzt werden. Publius Caelius, Sohn des Titus, stimmberechtigt für den Bezirk Lemonia, der Bruder, hat (den Grabstein) anfertigen lassen.“
Aufgewachsen in Bologna
Marcus Caelius stammte also aus der römischen Kolonie Bononia, dem heutigen Bologna. Aus dem Todeszeitpunkt im Herbst des Jahres 9 und dem Alter ergibt sich, dass Marcus in dieser Stadt das Licht der Welt im Jahr 44 v. Chr. erblickt haben muss. Das ist ein für das römische Reich bedeutsames Datum, denn in diesem Jahr fiel Julius Caesar einem Mordanschlag zum Opfer.
Der anschließende Bürgerkrieg zwischen Marcus Antonius und Octavian führte in Bologna zu tief greifenden Veränderungen. Denn Bologna war traditionell mit der Familie des Antonius verbunden. Um diese Stadt auf seine Seite zu ziehen, verlieh Octavian, der spätere Kaiser Augustus, der Stadt zahlreiche Privilegien. So gab er ihr dann auch im Jahr 27 v. Chr., dem Jahr seines Machtantrittes, eine neue Gründungsurkunde. Gleichzeitig wandelte sich die Stadt von einer Ziegel- in eine Marmorstadt. Zu diesem Zeitpunkt war Marcus etwa 17 Jahre alt. Den Beginn dieser Baumaßnahmen dürfte Marcus Caelius noch gesehen haben, denn das Mindestalter zum Eintritt in die Legion war 16 Jahre, das Höchstalter war 25.
Römischer Vollbürger
Marcus trat in die 18. Legion ein. Das konnte noch lange nicht jeder. Der Dienst in den Legionen war nämlich das Privileg der römischen Bürger. Ein solcher aber war Marcus Caelius, sogar Vollbürger mit Stimmrecht. Und das verdeutlicht sein Bruder, der den Grabstein des Marcus hat errichten lassen, auch in der Grabinschrift. Denn erstens weist er auf den gemeinsamen Vater hin: Titus. Einen solchen aber hatten offiziell nur römische Bürger. Sklaven hatten, zumindest rein rechtlich, keine Eltern. Und zweitens gibt Publius für sich und seinen verstorbenen Bruder den Tribus, den Stimmbezirk an, in dem beide in der Wählerliste eingetragen sind.
Aufstieg in der Legion
Für 25 Jahre hatte sich Marcus mit seinem Eintritt in die Legion verpflichtet. Der normale Soldat wäre nach 20 Jahren vom Dienst „sub aquila“, unter dem Legionsadler, in den Dienst „sub vexillum“, unter der Fahne eines Veteranenverbandes, versetzt worden. Nach dem Ende seiner Dienstzeit hätte er die missio honesta, die ehrenvolle Entlassung erhalten.
Nicht so Marcus. In diesen 20 Jahren hatte er sich „ex caliga“, aus den Sandalen heraus, vom einfachen Soldaten bis zum „optio ad spem“, übersetzbar mit „Leutnant mit Aussicht auf Beförderung“, hochgedient. Mit der freiwilligen Verlängerung seiner Dienstzeit wurde er nun Centurio. So zumindest sah der normale Aufstieg aus.
59 dieser Hauptleute gab es in einer Legion, die untereinander in einer klar gegliederten Hierarchie standen. Der Dienstgrad des Marcus Caelius ist mit „Ordinus“ angegeben. Die primi ordines waren die Centurionen der ersten Kohorte, deren fünf Centurien doppelte Mannschaftsstärke, also 160 statt 80 Mann, hatten. Diese fünf Offiziere waren allen anderen Centurionen vorgesetzt.
Militärische Ehrenzeichen
Marcus Caelius ist auf seinem Grabstein nicht nur mit dem Zeichen seiner Befehlsgewalt, der vitis, dem Rebenzweig, abgebildet, sondern auch mit all seinen militärischen Ehrenzeichen. Dazu zählen die Medaillen – die phalerae –, die torques – ursprünglich die Halsreifen keltischer Krieger –, und die armillae – das Paar Armreifen.
Die höchste Auszeichnung ist gleichzeitig auch die Unscheinbarste: die corona civica, die Bürgerkrone. Dieser aus Eichenzweigen geflochtene Kranz war die Auszeichnung “für die Rettung eines römischen Bürgers aus höchster Lebensgefahr unter Tötung des Feindes in gewonnener Schlacht“. Damit waren erhebliche Privilegien verbunden. Betrat Marcus so gekrönt das Theater, so mussten sich alle anwesenden vom Platz erheben. Zudem hatte er Anspruch auf einen Sitzplatz in der Senatorenloge.
Materieller Wohlstand, soziales Prestige
Gemeinsam mit Marcus Caelius sind auch seine beiden liberti, die Freigelassenen auf dem Grabstein des Marcus bildlich dargestellt. Marcus Caelius war also Patron, er hatte Clienten, die rechtlich von ihm abhängig waren. Denn die Freigelassenen waren in der römischen Gesellschaft Bürger zweiter Klasse. Doch nicht nur das. Die Tatsache, dass er zwei Freigelassene hatte, zeigt gleichzeitig, dass er mindestens noch zwei Sklaven besaß, denn man konnte nur die Hälfte seiner Sklaven in die Freiheit entlassen. Diese beiden Sklaven mussten natürlich auch angemessen versorgt werden – nicht für sie persönlich angemessen, sondern angemessen für Sklaven eines Offiziers.
Ein Scheingrab
Wohin überall der Dienst Marcus verschlagen hat, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen. Zur Zeit der Varusschlacht jedenfalls dürfte die 18. Legion in Xanten stationiert gewesen sein, denn dort in der Nähe wurde der Grabstein des Caelius gefunden. Dabei markierte der Grabstein, den Publius Caelius für seinen gefallenen Bruder hat setzen lassen, noch nicht einmal das Grab des Soldaten. Das nämlich liegt weit entfernt von römischem Siedlungsgebiet, denn Marcus fiel im „bellum varianum“, dem Krieg des Varus. Möglicherweise gibt Tacitus einen Hinweis auf die Todesumstände des Marcus Caelius. Er berichtet, dass Germanicus, als er im Jahr 15 n. Chr. den Ort der Varusschlacht fand, in den benachbarten Wäldern noch Altäre der Germanen fand, „an denen sie die Tribunen und die Centurionen ersten Ranges geopfert hatten“.
Dennoch war es Publius wichtig, einen Ort des Gedenkens zu errichten. Er stellte einen Stein auf. Dieser Stein markiert jedoch eben kein Grab, sondern ein Kenotaph, ein Scheingrab. Möglicherweise enthält die Inschrift daher den Hinweis, dass „die Gebeine … bestattet werden dürfen“ – wahrscheinlich die der auf dem Grabstein mit abgebildeten Freigelassenen, die Inschrift ist an dieser Stelle beschädigt – um so den Ort zu einem „locus religiosus“ zu machen, einem religiösen Ort, der dann erst vor Zerstörung und Überbauung geschützt war.
