
- Bernstein: Gegenüber die andere Welt - List Verlag
Harry Bernstein ist 1910 geboren und hat erst in diesem Jahrtausend, also mit über 90 Jahren, sein Buch über die Jahre zwischen seinem vierten und zwölften Lebensjahr vorgelegt. Vier Jahre alt ist er im Jahr des Kriegsbeginns 1914, und an die Perspektive des Vierjährigen hält sich der greise Autor konsequent. Nur langsam erweitert sich das Blickfeld, während der Erzähler heranwächst. Bis auf die Ausnahmen Prolog und Epilog verwehrt sich der Autor Kommentare aus Erwachsenensicht. Manches Mal wünscht man sich als Leser ein aktiveres Handeln oder auch nur Denken des erzählenden Kindes, kann seine Passivität, sein eingeschränktes Verständnis des Erlebten kaum aushalten. Aber Bernstein lässt seine Leser unbarmherzig mit seinem zwar ungemein genau beobachtenden, aber wenig verstehenden, kindlichen Erzähler leiden.
Das Leben im kleinstädtischen Arbeitermilieu
Der kleine Harry wächst in der tristen Arbeitersiedlung einer Kleinstadt nahe Manchester auf. „Seine Straße“ ist zudem durch eine unsichtbare Mauer zweigeteilt. Er wohnt auf der Seite der Juden, mit wenigen Ausnahmen vor den Pogromen geflüchtete, russische Immigranten. Auf der anderen Straßenseite leben englische Fabrikarbeiter, zumeist ebenso arm wie die Juden. Das Leben ist in weiten Teilen streng getrennt. Die englischen Arbeiter gehen in englische Fabriken, die Juden arbeiten in jüdisch geführten Schneidereimanufakturen. Jede Seite hat ihre eigenen Geschäfte, nur selten wird in denen auf der anderen Seite gekauft. Die jüdischen und die englischen Kinder spielen getrennt, die jüdischen gehen nachmittags in die jüdische Schule, den „Cheder“, lernen beim Rabbi jüdische Sitten und Gebräuche und studieren die „Haggada“.
Berührungspunkt unter den Kindern ist die Schule, die sie gemeinsam mit den englischen Kindern besuchen, der Schulweg, den die jüdischen Kinder nur in der Gruppe gefahrlos bewältigen können, weil sie sonst immer Übergriffe englischer Jugendlicher oder sogar antisemitischer Erwachsener gewärtig sein müssen. Berührungspunkt sind auch die Forshaws, eine der englischen Familien, die ein Grammophon besitzen und seine Musik bei offener Tür mit beiden Straßenseiten teilen. Und auch die Liebe schafft manchmal den Sprung über die unsichtbare Mauer in der Mitte der Straße. Das wird von beiden Seiten nicht gern gesehen, von den gläubigen Juden aber als völlige Katastrophe erlebt, gleichzustellen mit dem Tod des betroffenen Familienangehörigen.
Alltäglicher Antisemitismus
Der Antisemitismus ist allgegenwärtig im täglichen Leben und bricht in Extremsituationen immer wieder aus, bis hin zu Übergriffen. Immer, wenn es Grenzverletzungen zwischen den beiden Seiten gibt, unter Alkoholeinfluss oder auch in der besonders patriotischen Situation des beginnenden ersten Weltkrieges.
Der Krieg fegt aber auch erstmals Schranken zwischen den Parteien auf den beiden Straßenseiten hinweg. Das Leid und die Trauer macht vor keiner Seite halt, und diese gemeinsame Erfahrung bringt die beiden Seiten einander näher. Diese Nähe allerdings endet abrupt, als sich nach dem Krieg die wirtschaftliche Lage verschlechtert, weder die Fabriken der Engländer noch die Schneidereien der Juden Arbeit haben, nachdem sie in Kriegszeiten auf Hochtouren gelaufen waren. Sofort setzen die alten Reflexe wieder ein. Die jüdische Seite wird für das Elend verantwortlich gemacht, als Händler und Kriegsgewinnler beschimpft. Die Juden wiederum igeln sich ein in ihrer eigenen Kultur, befassen sich, trotz des im Krieg bewiesenen Patriotismus, kaum mit der Politik und Gesellschaft ihres Gastlandes.
Harry, die Schreibung im Buch ist `arry, Ausdruck für den auf beiden Seiten der Straße gesprochenen Slang, ist das fünfte Kind in seiner Familie. Selbst schon in großem Abstand von seinen Geschwistern geboren, bekommt er mit zehn Jahren noch einen kleinen Bruder. Seine Brüder geben sich eher widerwillig mit ihm ab, stört er doch ihre Spiele. Die unnahbare Schwester Rose erlebt der kleine Harry nur in ihrer Verbitterung, die sie im Konflikt mit ihrer klügeren und schöneren, älteren Schwester Lily austrägt. Die wiederum packt ihre ganze Energie in ihre Schullaufbahn und hat so auch wenig Zeit für Harry, obwohl sie neben der Mutter die einzige in der Familie ist, zu der Harry eine spürbare emotionale Bindung aufbaut. Die Mutter hält die Familie mit ihrer Energie, ihrer Liebe und Güte, auch mit ihrem Glauben zusammen. Sie schöpft Kraft aus ihren Träumen von einem besseren Leben in Amerika und den Chancen, die sie für ihre Kinder zu erarbeiten sucht.
Bleibt der Vater, über weite Strecken des Buches eine Unperson, von der sich nur das Bild einer wiederkehrenden Situation tief in die Psyche des kleinen Harry eingegraben hat: Das scharrende Geräusch beim Zurückschieben des Stuhles, wenn der Vater allein und wortlos seine Mahlzeit verschlungen hat und „... zur Spülküchentür ging und seinen Mantel holte. Er zog ihn halb an und stampfte hinaus, während der eine Ärmel hinter ihm herbaumelte ...“. Dieser allabendliche Aufbruch des Vaters ins Pub, wo er den allergrößten Teil seines Lohnes versäuft, ist Bernsteins Leitmotiv für die Unabänderlichkeit des Elends, in dem Harrys Familie steckt.
Lakonischer Blick auf ein Kapitel englischer Arbeitergeschichte
Bernsteins Beschreibung seiner Kinderjahre endet nicht ohne den Ausblick auf einen Silberstreif am Horizont, allerdings sogleich wieder relativiert durch die im Epilog skizzierte weitere Entwicklung der Familie und vieler Menschen aus Harrys Straße.
Bernsteins Sprache ist geprägt von der Lakonik und Leidensfähigkeit, mit der die jüdische Seite alle Anfechtungen, Anfeindungen und Übergriffe zumeist aufnimmt. So berichtet er praktisch ohne Wertung von dem schrecklichen Vater, lässt kaum einmal eigene Gefühle erkennen, nur die Liebe zu seiner Mutter und zu seiner Schwester Lily durchbrechen diesen Panzer aus Emotionslosigkeit, mit dem er sich gegen die Ungerechtigkeit seiner Umwelt schützt. Bernsteins Biographie seiner Kinderjahre lässt einen faszinierenden Blick in eine kaum bekannte Welt zu. Bei aller Hoffnungslosigkeit und Unabänderlichkeit, mit der er diese Welt beschreibt, zeigt er, dass Einzelne in der Lage sind, Schranken zu durchbrechen und Schritte in die richtige Richtung zu gehen.
Harry Bernstein: Gegenüber die andere Welt. List 2009. Taschenbuch, 332 Seiten. Euro 9,95.
