Gegenwartsphilosophie von Heinrich Rombach bis Judith Butler

Philosophie, Philosophiegeschichte, Gegenwart - Bild: Grace Winter / PIXELIO
Philosophie, Philosophiegeschichte, Gegenwart - Bild: Grace Winter / PIXELIO
Weitere in diesem Artikel vorgestellte zeitgenössische Philosophen sind Foucault, Luhmann, Habermas, Derrida, Rorty, Nagel, Agamben und Sloterdijk.

In der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die westliche Philosophie zwar noch immer vor allem eine europäische, aber immer mehr maßgebliche Hochburgen philosophischen Denkens haben sich in den USA etabliert. Dem zollt auch die vorliegende Auswahl ihren Tribut.

Heinrich Rombach, ein Denker der Struktur

Der Heidegger-Schüler Heinrich Rombach (1923-2004), in Freiburg geboren, in Würzburg gestorben, unterscheidet seinsgeschichtlich die Epoche der Substanz (Antike, Mittelalter) von der Epoche der Funktion (Neuzeit, Gegenwart). Im Spätmittelalter (Ockham, Cusanus) ging die funktionale Ontologie aus der Substanzenontologie hervor. Innerhalb der funktionalen Ontologie geht die zu enge Systemontologie schließlich in die Strukturontologie über, die Rombachs Spielart der Phänomenologie ausmacht. Im Anschluss entwickelt er eine Bildphilosophie und eine philosophische Hermetik (Weltenkunde), womit er ein interkulturelles Philosophieren befruchtet.

Michel Foucault, ein Denker der Macht

Der philosophische Zeitdiagnostiker Michel Foucault (1926-1984), in Poitiers geboren, in Paris gestorben, führt das genealogische Denken Nietzsches weiter aus, indem er verschiedene "zivilisatorische Errungenschaften" (Wissenschaft, Klinik, Psychiatrie, Gefängnis und andere) historisch auf Akte des Willens zur Macht zurückführt, die sich zu immer rationelleren Machtmechanismen verfeinern. Seine Kritik am "Mythos des Subjekts" bringt er unter anderem einmal dadurch zum Ausdruck, dass er anonyme Interviews gibt - in Solidarität mit den vielen Namenlosen, die ähnlich denken wie die wenigen aufs Podest gestellten Namhaften. Foucaults letztes Werk, ehe er dem Aids-Virus erliegt, ist eine Sinn-Geschichte der Sexualität seit der griechischen Antike.

Niklas Luhmann, ein Denker sozialer Systeme

Der Soziologe Niklas Luhmann (1927-1998), geboren in Lüneburg, gestorben bei Bielefeld, ist ein Hauptvertreter der Systemtheorie. In deren Verständnis sind Systeme nur in einer Hinsicht, der operativen, geschlossen, in einer anderen, der strukturellen, aber durchaus offen. So kommt es zu der paradoxen Definition: Ein System ist eine Differenz von System und Umwelt. Luhmann behandelt vor allem soziale Systeme (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion und andere), außer denen auch von organischen und psychischen Systemen gesprochen werden kann. Allesamt zeichnen sie sich - im Gegensatz etwa zu technischen Systemen - durch Autopoiesis (Selbstkonstititution) aus. So rückt die Systemtheorie in die Nähe der Phänomenologie.

Jürgen Habermas, ein Denker der Interessen

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas, 1929 in Düsseldorf geboren, ist heute der namhafteste Vertreter der Kritischen Theorie, auch Frankfurter Schule genannt. Habermas entwickelt eine Konsenstheorie der Wahrheit, wobei er besonderen Wert auf die nicht selbstverständliche Voraussetzung legt, dass der Konsens in herrschaftsfreier Kommunikation zustande kommt. Ein bedeutendes Handicap bei der Wahrheitsfindung besteht darin, dass jede Erkenntnis interessegeleitet ist. So kommt es darauf an, ob partikularen Interessen verschiedener Art oder dem fundamentalen Interesse an sozialer Gerechtigkeit der Vorrang eingeräumt wird. Mit Luhmann streitet Habermas über die Systemtheorie: Taugt sie zu einer profunden Theorie der Gesellschaft, oder handelt es sich um eine bloße "Sozialtechnologie"?

Jacques Derrida, ein Denker der Differenz

Der "poststrukturalistische" Denker Jacques Derrida (1930-2004), geboren in Algerien, gestorben in Paris, ist der wichtigste Vertreter der über die Philosophie hinaus Schule machenden Dekonstruktion. Dekonstruktion ist nicht mit Destruktion zu verwechseln. Während diese die Struktur zerstört, baut jene bloß Konstruktionen ab, das heißt, sie legt die Struktur gerade wieder frei. Insbesondere mit Texten kann derart verfahren werden, so dass die Dekonstruktion am stärksten in der Literaturwissenschaft (Paul de Man) aufgegriffen worden ist. Nicht von ungefähr ist Derrida als Autor Philosoph und Literat in einem. Mehr noch: er hebt die Schrift (écriture) gegenüber der Rede (parole) hervor und bekämpft dergestalt den gesamten abendländischen "Logozentrismus".

Richard Rorty, ein Denker der Kontingenz

Der "nachphilosophische" Philosoph Richard Rorty (1931-2007), geboren in New York, gestorben in Palo Alto, stellt die Kontingenz (Nicht-Notwendigkeit) in den Mittelpunkt seines Denkens. Diese betrifft nicht nur die Unerkennbarkeit der Dinge an sich (Kant), sondern auch die Vorläufigkeit jedes intersubjektiven Einvernehmens (Habermas). Diese Relativierungen bringen eine eher demokratisch als philosophisch zu nennende Haltung der Ironie mit sich: trotz des Wissens um die Kontingenz einen Standpunkt zu vertreten. Immerhin in pragmatischer Hinsicht für fundamental hält der Ethiker Rorty das Unterlassen mutwilliger Verletzungen, über dessen Notwendigkeit uns Romane und Spielfilme besser belehren könnten als jede Moraltheorie.

Thomas Nagel, ein Denker mentaler Zustände

Der Amerikaner Thomas Nagel, geboren 1937 in Belgrad, ist in der internationalen philosophischen Diskussion vor allem mit seinem "Fledermaus"-Aufsatz (1974) bekannt geworden. Er zeigt in diesem Beitrag auf, dass es unmöglich ist, naturwissenschaftlich Probleme nach Art der Frage zu lösen: "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?" Obwohl andererseits kein Naturwissenschaftler die Tatsache bestreiten wird, dass "es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein". Man kann nach eingehender empirischer Forschung zwar herausfinden, wie es für uns als Menschen wäre, eine Fledermaus zu sein, aber nicht, wie es für eine Fledermaus ist. Nagel vertritt mit dieser Argumentation innerhalb der Philosophie des Geistes (Philosophy of Mind) den erkenntnistheoretischen Standpunkt, dass zwischen physiologischem und phänomenalem Wissen unterschieden werden muss.

Giorgio Agamben, ein Denker des Menschenlebens

Der Jurist und Philologe Giorgio Agamben, geboren 1942 in Rom, ist ein Philosoph des Lebens - aber des bloßen, des nackten Lebens, das im altrömischen Recht jenem vogelfreien Menschen blieb, den man zum "homo sacer" erklärte. "Homo sacer" heißt auch eine ganze Reihe von Schriften, die Agamben seit Mitte der 1990er Jahre publiziert. Leib und Seele des Menschen denkt er nicht traditionell-metaphysisch als mystische Einheit, sondern ihm geht es darum, "das praktische und politische Geheimnis der Trennung zu erforschen". Geistig stark angeregt ist er von Heidegger, bei dem er um 1967 an zwei Seminaren teilnimmt, und von Walter Benjamin - er gibt die italienische Ausgabe von dessen Schriften heraus.

Peter Sloterdijk, ein Denker der Sphären

Der Essayist Peter Sloterdijk, geboren 1947 in Karlsruhe, erwirbt mit einem Philosophiestudium, einer Psychoanalyse, einer gewissen revolutionären Praxis und einer Morgenlandfahrt die "vollständige Bildung" eines "68ers". Freilich hält ihn sein musisches Talent vom allzu aktivistischen politischen Engagement ab. Er versteht sich auch nicht als Fachphilosoph, dessen wissenschaftliche Arbeiten aus langen Referaten mit daraufhin entwickelten kleinen Abweichungen bestehen, sondern als "setzungsfähiger" und im phänomenologischen Beschreiben geübter Autor. Sein Schrifttum - mit dem dreibändigen Hauptwerk "Sphären" - umfasst mehr als zehntausend Seiten. Unter anderem erscheint im neu gegründeten Verlag der Weltreligionen "Gottes Eifer", das "vom Kampf der drei Monotheismen" handelt. Der in die Jahre Gekommene beginnt indessen seine "Autorenungeduld" zu mäßigen und den Dialog mit den Lebenden dem mit den großen Toten an Bedeutsamkeit anzunähern.

Judith Butler, eine Denkerin der Geschlechter

Die Amerikanerin Judith Butler, geboren 1956 in Cleveland (Ohio), lehrt Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft. Anfang der 1990er Jahre belebt sie die feministische Philosophie mit den Schriften "Gender Trouble" (Das Unbehagen der Geschlechter) und "Bodies that Matter" (Körper von Gewicht). Nach ihr ist die Rede von genau zwei Geschlechtern - dem weiblichen und dem männlichen - eine Festlegung, zu der es durch "performative" Sprechakte und deren quasi rituelle Wiederholung kommt, also eine durchgesetzte soziale Konvention oder auch Konstruktion. Das gilt sowohl für die Festlegung auf das biologische (sex) als auch für die auf das soziale Geschlecht (gender).

Quellen

Alois Halder (2000): Philosophisches Wörterbuch (Herder)

Julian Nida-Rümelin (1991): Philosophie der Gegenwart (Kröner)

Sjoerd van Tuinen (2006): Peter Solterdijk. Ein Profil (UTB)

Hannelore Bublitz (2002): Judith Butler zur Einführung (Junius)

Bildquelle: Grace Winter / pixelio.de

Leo Allmann, Foto Sauter (München)

Leo Allmann - Für die Welt (ALL) ein offener Mensch (MANN) sein Aus meinen Jahren (*28.3.1952) Kindheit, Volks-, Real- und ...

rss