Im Prinzip ist die Erschaffung der gewünschten Realität ganz einfach: Sie brauchen sich nur vorzustellen, im nigelnagelneuen Ferrari durch die Straßen zu düsen, und schon fühlt sich das Universum verpflichtet, Ihnen das Straßenprestigeobjekt ergeben zu beschaffen. Wie das Universum das macht? Das überlassen Sie am besten dem allwissenden Kosmos. – Klingt für Sie wie eine neue Science-Fiction-Weltwunschvorstellung? Da könnten Sie recht haben. Dennoch versprechen zahlreiche Drehbuchautoren, Buchautoren und sämtliche Seminarleiter der New-Age-Szene genau das. Zugegeben, sie machen es sich nicht ganz so einfach. Sie mischen noch ein, zwei, manchmal auch drei – und im Falle vom Prinzip sieben – kleine Regeln mit in die Lektüre. Wenn Sie diese "Gebote" dann aber befolgen, dann wird es mit der gewünschten Realitätserschaffung schon klappen; so versprechen es die Verfasser entsprechender Literatur zumindest.

Nach "Bleep", "The Secret" und "The Law Of Attraction" jetzt die neue – bessere? – Lektüre: "das Prinzip"

"The Secret" hat es vorgemacht: Man liefert einer breiten Mittelstandmasse ein Rezept dafür, wie sie ganz einfach dem Mittelstand in Richtung Oberschicht entfliehen können, und hofft, dass diese es schon nicht merken werden, wenn das "Reichtum-ganz-einfach-Rezept" doch nicht so einfach funktioniert. Und die Rechnung ging auf. "The Secret" kann sich mit einer Millionenauflage brüsten – und der Hype um das "Gesetz der Anziehung" scheint kein Ende zu finden. Und das, obwohl sich die Zahl derer, die sich dank dieser hoffentlich real wirkenden Gesetzmäßigkeit in den Reichtum katapultieren konnten, stark in Grenzen hält. Diesem Dilemma hat sich nun Andreas Campobasso angenommen. Er schrieb "Das Prinzip" und will damit all jenen unter die Arme greifen, bei denen "The Secret" nicht so recht funktionieren mag. Aber selbstverständlich sind auch die Neueinsteiger der Realitätserschaffung herzlich willkommen. Campobasso weiß, warum das Universum vom "Gesetz der Anziehung" nicht fehlerfrei arbeitet: Es nutzt nur eines der Lebensgesetze. Das Prinzip nutzt alle sieben. – So weit also die Werbeschleife. Aber liefert der Autor wirklich Neues?

Das Prinzip: Einführung in die fabelhafte Welt der Quanten

Eines vorweg: Der Autor hat eine überzeugende Schreibe. Das merken seine Leser gleich auf den ersten Seiten. Allerdings: Wer bei dem Wort "Quantenphysik" schon mit Zähneschlottern und eisigem Schaudern reagiert, der wird sich auch mit den Kapitelausführungen des ersten Teils der Lektüre (insgesamt sind es drei Teile) nicht anfreunden können. Alle anderen werden die Einführung in die Welt der Quanten vielleicht sogar genießen. Die Leser erfahren dabei etwas über das Doppelspaltexperiment (nicht wenige werden sich hier an die Ausführungen von "Bleep" erinnern), sie lernen den Wahrscheinlichkeitsschaum kennen, und sie bekommen neben quantenphysikalischen Grundlagen auch noch eine Grundausbildung in Sachen "geistreiche Zitate aus aller Welt". – Die Zitate sind mitunter so umfangreich, dass man sich fragen könnte, ob man einen Ratgeber oder ein Lebensweisheiten-Nachschlagewerk erworben hat. – Aber zurück zum Eigentlichen: Hat der Autor es bis hierher geschafft, Neues zu liefern? Nun ja, wer "Bleep" kennt, findet schon einmal nichts Neues. Aber vielleicht geben die Kapitel des zweiten Teils mehr her.

Das Prinzip: Es sind sieben wirksame Lebensgesetze

Während also im ersten Teil mehr oder weniger professionell (dieses Urteil sei den Quantenphysikern überlassen) über die Welt der Quanten schwadroniert wird, geht es beim zweiten Teil um die Offenbarung des Geheimnisses. Die Leser sollen das Ur-Prinzip mit seinen insgesamt sieben Lebensgesetzen näher kennenlernen. Ob diese Lebensgesetze neu sind? Für Kenner entsprechender Literatur sicher nicht. Die Gesetze haben einfach einen Namen bekommen. Dennoch: Die Gesetzmäßigkeiten werden vom Autor "benutzerfreundlich" erklärt. So kann es durchaus sein, dass bei dem einen oder anderen Anwärter der Realitätserschaffung endlich der Knoten aufgeht – das Gesetz der Anziehung wird vielleicht endlich so verstanden, wie es verstanden werden will. Ob das Verstehen der Gesetzmäßigkeit für die erfolgreiche Umsetzung ausreicht, bleibt abzuwarten.

Das Prinzip: CD mit Synchrowellen-Tracks

Im dritten und letzten Teil wird es praktischer. Und genau hier liefert Campobasso seinen Lesern wirklich Neues. Neben einem 21-Tage-Einsteiger-Programm für Neulinge im Bereich der unterschiedlichsten Entspannungstechniken stellt der Autor mehrere Übungen und dazu passende Lektionen vor, die allesamt ein Ziel haben: dem Lernwilligen das Umsetzen des gerade Erlernten zu erleichtern. Kurz: Der Leser soll erste Erfolge im "Realitätenwunschkonzert" verbuchen können. Und da Campobasso weiß, dass die Realitätserschaffung am besten in einem hypnotischen Zustand funktioniert, liefert er seinen Lesern auch gleich die passende CD, die insgesamt drei Tracks enthält, die den Hörer dank Synchrowellen (ähnlich der Hemispähren-Synchronisation) in den entsprechenden Hypnosezustand bringen sollen. Und tatsächlich: Die Stücke zeigen Wirkung. Alleine das Hören der Tracks genügt und der Zuhörer befindet sich schnell in einem angenehmen Entspannungszustand, der das Visualisieren erleichtern soll.

Das Prinzip: Altes gekonnt neu verpackt

Wirklich neues Wissen in Sachen "Realitätserschaffung" liefert auch "Das Prinzip" nicht. Dennoch hat Campobasso ein Lob verdient: Alles in allem hat er es geschafft, Altbekanntes so zu verpacken, dass es neu – weil verständlicher – ankommt. Wenn dann auch noch der Knoten aufgeht: Bingo! Als absolutes Highlight ist aber die mitgelieferte CD anzusehen, denn wenn es mit der Realitätserschaffung wieder schief gehen sollte, dann sorgen zumindest die Tracks für eine Beruhigung der aufgebrachten Gemüter.

Andreas Campobasso: Das Prinzip. Hans-Nietsch-Verlag, 2009. Gebunden mit CD, 248 Seiten. Euro 19,90