Gehirnforschung und Pädagogik: Aufklärung 2.0

Prof. Dr. Dr. Spitzer erklärt Laien wissenschaftliche Zusammenhänge

Neue Gehirnzellen wachsen durch Lernen und Bewegung. Durch die Umsetzung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse können wir alle unsere Kinder schlauer machen.

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (*1958) ist Direktor der psychiatrischen Uniklinik Ulm, Neurobiologe und promovierter Philosoph. Er gründete 2004 das »Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen«, das die beiden Bereiche Neurowissenschaft und Pädagogik zusammenbringt. Sein Vortrag "Aufklärung 2.0 - Gehirnforschung" ist unter anderem auf DVD erhältlich. Dieser Artikel fasst ein paar Aussagen aus diesem einstündigen Vortrag kurz und knapp zusammen.

Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen und Synapsen, die sozusagen Schaltstellen zwischen den Nerven sind. Ganz einfach ausgedrückt. In etlichen Versuchen haben Wissenschaftler herausgefunden, dass neue Nervenzellen wachsen, wenn wir beispielsweise joggen. Also Bewegung lässt neue Nervenzellen wachsen. Vor nicht allzu langer Zeit lernte man in der Schule noch, dass Nervenzellen mit der Zeit absterben und so weniger werden, je älter man wird. Dem ist aber nicht so. Bei jedem von uns können bei geeigneter Stimulation neue Nervenzellen wachsen.

Hard- und Software in unseren Köpfen

Nun müssen die Nervenzellen noch mit Inhalt gefüllt werden, was geschieht, wenn wir uns mit der Welt befassen und lernen. Hieraus ergibt sich schon die erste Konsequenz für die Pädagogik. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer vergleicht das Wachsen der neuen Nervenzellen mit der Hardware und bezeichnet den Stoff, den wir lernen, mit dem die Nervenzellen gefüllt werden, als Software. Ideal für Schüler wäre es demnach, in der Zeit vor dem Unterricht Sport zu machen um dann die neu entstandenen Nervenzellen im theoretischen Unterricht mit Inhalt zu füllen.

Die Beeinflussbarkeit unserer Handlungen

Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer bringt es in seinem Vortrag "Aufklärung 2.0 Gehirnforschung" auf den Punkt: Den Erkenntnissen der Neurowissenschaft müssen für die Pädagogik im Speziellen und für die Gesellschaft im Allgemeinen Konsequenzen folgen. Nachstehende Beispiele verdeutlichen, wie wichtig Raumgestaltung, eine positive Grundhaltung und der richtige Einsatz von Verstärkern ist um unsere Kinder zu guten Schülern werden zu lassen und die Zukunft unserer Gesellschaft positiv mitzugestalten.

Das Briefkasten-Experiment

Beispielsweise wird durch ein Experiment deutlich, wie wichtig die Gestaltung der Umwelt für das Handeln der Menschen ist. In dem Versuch wurde in ein Briefkastenschlitz ein Umschlag so platziert, dass der darin enthaltene 5 Euro Schein deutlich zu sehen war. Man wollte herausfinden, wie viele Leute den Umschlag im Vorbeigehen mitnehmen. Es waren 13 % der Passanten, die der Versuchung nicht widerstanden. In einer zweiten Runde wurde um den Briefkasten herum Müll gelegt. Durch diese Veränderung stieg der Anteil der Leute, die den Briefumschlag an sich nahmen, auf das Doppelte. Gleiches Ergebnis wurde erzielt, indem der Briefkasten mit Graffiti besprüht wurde. Die Moral sank also simultan mit der Ordnung und Ästhetik der Umgebung. Hieraus ergeben sich in der Pädagogik weitreichende Konsequenzen für die Gestaltung der Umgebung von Lernenden.

Das Assoziations-Experiment

Unser Gehirn besteht aus Modulen, die miteinander vernetzt sind. So gibt es etwa Module für die Sprache und für die Motorik. Die Vernetzung zeigt sich zum Beispiel so, dass man, wenn man das Wort "treten" hört, auch gleichzeitig das Gefühl hat, dass zu dieser Bewegung passt. Das folgende Experiment zeigt deutlich, wie Bewegung und Sprache miteinander vernetzt sind.

Personen wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Beide Gruppen bekamen Sätze diktiert, die sie auf einen Zettel schreiben sollten. Die zweite Gruppe erhielt jedoch zwischendurch immer mal wieder Sätze, die etwas mit dem Alter zu tun hatten, wie sinngemäß etwa "Hugo trägt eine Brille." oder "Anna hat einen Gehstock." Am Schluss des Experiments sollten alle Teilnehmer ihre Zettel in einen Kasten am Ende eines langen Flures stecken. Es wurde die Zeit gemessen, die die Teilnehmer brauchten um die Strecke bis zum Kasten zurückzulegen. Die Teilnehmer der Gruppe, die die Sätze mit der Alters-Assoziation erhielten, gingen diese Strecke 17 % langsamer als die Leute aus der anderen Gruppe.

Hier zeigt sich, wie der Körper mit einer messbaren Leistungsschwäche auf die Wörter, die mit dem Thema "Alter" zu tun haben, reagiert. Dieses Ergebnis belegt nochmal die Wichtigkeit einer positiven Motivation für Lernende, um sie darin zu unterstützen, gute Leistungen zu bringen.

Wie Eigenmotivation Leistungen verbessert

Bei dieser Studie wurden Schüler in zwei Gruppen geteilt. Beide Gruppen erhielten eine Liste mit Werten wie "sportliche Fähigkeiten, Kreativität, mit Freunden zusammen sein, Musikalität, gut in der Schule sein". Die erste Gruppe bekam die Aufgabe, sich einen Punkt aus der Liste heraus zu suchen, der für sie persönlich ganz besonders wichtig ist. Zusätzlich sollten sie begründen, warum gerade dieser Wert für sie von so großer Bedeutung ist. Die zweite Gruppe bekam die Aufgabe, sich aus der Liste einen Punkt heraus zu suchen, der ihnen ganz unwichtig ist, sie sollten aber überlegen und aufschreiben, warum der Wert für jemand anderen wichtig sein könnte. Die Studie erstreckte sich über einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit wurde den Schülern diese Aufgabe vier Mal im Schuljahr gestellt.

Das erstaunliche Ergebnis ist, die Schüler der ersten Gruppe verbesserten ihre Schulnoten und hielten die besseren Noten auch über die zwei Jahre. Bei den Werten aus der Liste war es übrigens völlig egal, welchen sich die Schüler aussuchten. Die Verbesserung stellte sich ein, egal ob sie den Punkt "mit Freunden zusammen sein" oder "gut in der Schule sein" wählten. Der letzte Punkt wurde sogar nach einer Zeit von der Liste genommen und stand nicht mehr zur Auswahl. Die Leistungsverbesserung fand nach wie vor statt. Schüler, die sich auf ihre Stärken besinnen und sich mit ihnen auseinander setzen, sind selbstbewusster und trauen sich mehr zu. Das führt dazu, dass sie auch tatsächlich bessere Noten nach Hause bringen.

Fazit

Wie Dr. Manfred Spitzer es in seinem Vortrag "Aufklärung 2.0 - Gehirnforschung" sinngemäß ausdrückt: Wir können aus jedem das Maximum herausholen, was sowieso schon in ihm drinsteckt. Und es ist nicht egal, wie wir über uns denken! Es hat große Auswirkungen auf unsere Erfolge.

Quellenangabe: Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer DVD "Aufklärung 2.0 - Gehirnforschung" ASIN: B002WVDLU6

Birgit Schüler, Birgit Schüler

Birgit Schüler - Birgit Schüler wohnt und arbeitet in Schleswig-Holstein. Sie ist Erzieherin und schreibt unter anderem über pädagogische ...

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