
- Lake of a Thousand Islands, Qiandaohu - Sonja Eliane Stenek
Liebesbekenntnisse wie „Ich will nur dich", „Ich werde dich nie verlassen" oder „Ich liebe dich bis ans Ende meiner Tage" werden oftmals als Ausdruck der wahren Liebe missverstanden. Gleichzeitig gibt es den vielleicht überzogenen Anspruch der All-Liebe oder transzendentalen Liebe, die dem Partner all das wünscht, das er für sich selber ersehnt. Wo und wie kann auf dem schmalen Grat der wahren Liebe gewandelt werden und welche Haltung verhilft zur Freiheit in der Liebe?
Die Geistesgifte in der Beziehung
Im Buddhismus gibt es drei mögliche Beeinträchtigungen des Geistes, die Leid mit sich bringen: Gier, Hass und Verblendung. Diese drei Geistesgifte zeigen sich vor allem in Beziehungen sehr deutlich. Die Gier oder auch Begierde wird in der sexuellen Ebene einer Partnerschaft in den Vordergrund rücken. Welche Bedürfnisse gibt es zwischen zwei Partnern und wer ist dafür „verantwortlich" auf die eigenen Bedürfnisse zu achten oder diejenigen, des anderen zu erfüllen? Wird die Begierde oder der persönliche Wunsch nach Nähe, Zuneigung oder Bestätigung nicht erfüllt, kommt es schnell zu einer Abwertung des Gegenüber, das dann in eine Hass-Dimension fallen kann. Je höher der Wunsch oder die Begierde an den Anderen ist, umso weniger können diese Bedürfnisse befriedigt werden und die Wahrscheinlichkeit einer hasserfüllten Reaktion erhöht sich massiv. Die Verblendung zeigt sich bereits in den Aspekten von Gier und Hass, da diese aufgrund der menschlichen Verblendung überhaupt erst entstehen können. Ansatzpunkt ist jedenfalls die Auseinandersetzung mit der Verblendung oder „Blindheit", die vor allem zu Beginn einer Beziehung in der Phase der Verliebtheit sehr offenkundig wird.
Verantwortung und Selbstverantwortung in der Beziehung
Auch in vielen esoterischen Büchern findet sich immer wieder, dass die Aufgabe in der Selbstverantwortung liegt und der Partner immer nur ein Spiegel der inneren Konflikte und Themen ist, die durch zunehmende Bewusstheit durchschaut und geklärt werden können. Im Buddhismus wird der Aspekt der Selbstverantwortung betont. Die Wünsche und Erwartungen, die nach außen gerichtet werden, sind jeweils nur Ausdruck der inneren Verblendung, da jeder nur für sich selber Sorge übernehmen kann. Natürlich ist es in einer Gemeinschaft immer auch ein gegenseitiges Aufeinander zugehen, das jedoch auf Freiheit basieren sollte. Jeder Mensch und vor allem auch der Partner darf sich selber entscheiden, wofür er bereit ist und wofür nicht. Diese Haltung wird in Beziehungen selten an den Tag gelegt, weil häufig glaubt man zu wissen, was für den Partner gut ist und wie er sich verhalten sollte.
Die Begegnung aus offenem Herzen
Um die Verblendung zu durchbrechen, was laut Buddha nur dem Erleuchteten gelingen kann, wäre es notwendig zu erkennen, welche Verhaltensweisen manipulativ wirken und wie versucht wird Kontrolle und Beeinflussung gegenüber dem Partner durchzusetzen. Eine Begegnung aus offenem Herzen (Bodhichitta) sieht es vor, weder sich noch den anderen in seiner Bedeutung zu überbewerten. Jeder Mensch hat den selben Wert und dies legt nahe, dass die eigenen Bedürfnisse immer Ausdruck des Ego sind. Das Erkennen, dass auch der andere Bedürfnisse und Werte hat, die er ausleben möchte, vereinfacht es, die Eigenständigkeit des Einzelnen zuzulassen. Jemandem mit einem offenen Herzen zu begegnen inkludiert die Fähigkeit, die positiven und negativen Eigenschaften in Gleichmut anzunehmen. Die Schwierigkeit liegt hier vor allem darin, dass die negativen Eigenschaften sofort bewertet werden und als Widerspruch zum persönlichen Wertsystem erlebt werden und somit bekämpft werden. Vielleicht kann die negative Eigenschaft des Gegenüber einem auch dazu verhelfen, eine wichtige Lernaufgabe zu lösen?
Der Wille kämpft mit dem Herz
Der westliche Mensch ist ein sehr verstandesdominierter Zeitgenosse, der versucht Probleme mit dem Kopf zu lösen. Durch die Verstrickung auf der kognitiven Ebene wird oftmals keine Lösung für das Problem gefunden, sondern vielmehr in einer Spirale gedacht, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Willentlich forcierte Lösungen funktionieren grundlegend nur kurzfristig und bringen Leid mit sich. Problematiken und schwierige Situationen, wie sie in Beziehungen immer wieder auftreten, dürfen ans Herz abgegeben werden. Die Weisheit des Herzens erkennt bei bewusstem Hinschauen und Hinfühlen nämlich, ob es sich gut anfühlt, sich für oder gegen eine Sache zu entscheiden. Sobald die Thematik auf der Ebene des Herzens betrachtet werden kann, ist es möglich, zuzulassen was ist und nicht zu ändern ist: der Konflikt, wie er jetzt besteht. Das Bekämpfen und Ausagieren von Emotionen kann zwar momentan für eine emotionale Entlastung sinnvoll sein, wird aber sicherlich beim Gegenüber Gefühle der Disharmonie auslösen.
Die Frage, die früher oder später in jeder Beziehung auftauchen wird, nämlich, ob das Selbst oder der Andere in einer Entscheidungssituation „wichtiger" sein darf, wird von Buddha eindeutig beantwortet: Es ist nicht möglich zu entscheiden, wer „wichtiger" ist, weil jeder Mensch dasselbe Recht auf Glück hat.
Quellen:
Stenek, Sonja Eliane: Beziehung und Partnerschaft im Buddhismus
Stenek Sonja Eliane: Das Prinzip der Leerheit im Buddhismus
Stenek, Sonja Eliane: Metta – liebende Güte als Möglichkeit der Begegnung im Alltag
Stenek, Sonja Eliane: Psychology of Vision – gelebte Spiritualität
Stenek, Sonja Eliane: Wege zum Glück - ein Blick auf die buddhistische Lebensphilosophie
