Ein Skandal, dieses Bild! Ein weibliches Geschlechtsteil, dicht behaart, die Andeutung einer rosafarbenen Spalte, üppige gespreizte Schenkel, die von feinen blauen Adern durchzogen sind. Ein leicht gerundeter Bauch, wie am Beginn einer Schwangerschaft, und eine Brust sind zu sehen. Der Rest der Porträtierten ist unter weißem Stoff verborgen.

Der Blick des Betrachters wird unweigerlich auf diese dunkel bewucherte Vulva gelenkt. "Der Ursprung der Welt" nannte der französische Maler Gustave Courbet sein 1866 entstandenes Gemälde, eine Auftragsarbeit für den türkischen Diplomaten und Kunstsammler Halil Serif Pasa. Es löste einen der größten Skandale in der Kunstgeschichte aus. Inzwischen hängt es im Pariser Musée d'Orsay und ist über jeden Pornografie-Verdacht erhaben.

Kulturgeschichte der Vagina

Was man von den Fotografien der amerikanischen Künstlerin Dian Hanson nicht unbedingt behaupten kann. Sie hat unter dem unmissverständlichen Titel "The Big Book of Pussy" dem weiblichen Geschlechtsteil einen voluminösen und großformatigen Bildband gewidmet, in der Frauen begeistert eben jenes zur Schau stellen. Nebenbei ist das Buch eine Kulturgeschichte der Vagina, die mit den Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen beginnt.

Sie haben diesen "Ursprung der Welt" auf ein schlichtes Dreieck mit einem Strich in der Mitte reduziert und somit die ersten bildlichen Darstellungen des gleichermaßen begehrten wie gefürchteten Teils der weiblichen Anatomie geschaffen. Darstellungen von Vulven finden sich in den prähistorischen Kulturzeugnissen Nordamerikas ebenso wie in Australien, Europa, Indien, Afrika und auf den Osterinseln.

Der Akt - ein eigenständiges Genre

Darstellungen des nackten menschlichen Körpers gibt es seit den frühen Hochkulturen. Aktgemälde sind ein eigenständiges Genre in der Kunst. Kaum ein berühmter Fotograf, der nicht eine Reihe von Aktaufnahmen in seinem Portfolio hat. Einige Beispiele haben Eingang in Hansons Band gefunden, wo es um die Geschichte der Aktfotografie geht – etwa Hans Bellmer, Man Ray oder Edward Weston. Auch Gerhard Riebecke ist mit zwei Beispielen seiner Frauenakte vertreten, mit denen er (Nackt-)Kultur in Zusammenhang mit sportlicher Ertüchtigung im Deutschland der 1920er Jahre dokumentiert.

Die Reduzierung des Menschen auf seine Genitalien dagegen führt auf kürzestem Weg von der Erotik zur Pornografie. Viele der von Hanson fotografierten Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt als "Vagina-Künstlerinnen" in der Sex-Industrie und haben sich zum Teil bizarre Shownummern erarbeitet, die ihnen auf ihrem Gebiet mittlerweile sogar einen gewissen Kultstatus gesichert haben. Sie berichten freimütig von ihrer Arbeit und ihrem "Werkzeug", das sie in erfrischender Schamlosigkeit ablichten lassen – mal kokett, mal aufreizend, mal in lolitahafter Unschuld. Auch eine Art von Vagina-Monologen – allerdings ohne die Gewalterfahrungen, die manchen Frauen im Theaterstück von Eve Ensler widerfahren sind. Im Gegenteil: Die porträtierten Frauen sind sich durchaus der Macht bewusst, die sie auf Männer ausüben, und sie genießen es, sie mit Hilfe ihres Körpers auszuspielen .

Die Angst des Mannes vor der Kastration

Mithin ist "The Big Book of Pussy" zu einem Bildband von entwaffnender Direktheit geworden, in dem auch der Humor nicht zu kurz kommt. Abraham Lincoln etwa lugt zwischen den Schenkeln einer Frau heraus, die Augen nach oben (!) gerichtet, und auf einem Schwarzweiß-Foto dient die Vagina einer Frau, die ihren Körper quasi zusammengefaltet hat, als Kerzenhalter, damit ein in sein Buch vertiefter Mann im Schein der Kerzenflamme – ausgerechnet! – William S. Haas' philosophische Betrachtungen über die Einstellung zur Realität in Ost und West ("The Destiny of the Mind") von 1956 lesen kann.

Skurrile Arrangements von Requisiten spielen, durchaus provokant, mit den Bildikonen von Kunst- und Filmgeschichte (etwa "King Kong"), und manche Foto-Inszenierungen treiben ihren Spott mit den Mythen, die sich um das weibliche Geschlechtsteil ranken. So wird die Angst des Mannes vor Kastration durch eine "vagina dentata" mit einem zwischen die Schamlippen geschobenen Gebiss dargestellt, zwischen dessen Zähnen eine Zigarette klemmt, und auf einem Foto des tschechischen Künstlers Jan Saudek läuft ein Mann mit einem kleinen Jungen an der Hand durch eine Scheide hinaus – oder hinein? – in eine unbekannte Welt.

Grenzen zwischen Erotik und Pornografie verschwimmen

Auf diese Weise entwickeln die Fotografien eine durchaus eine eigene Ästhetik, bei der die Grenzen zwischen Erotik und Pornografie mehr und mehr verschwimmen. Sicherlich kein Buch, das die Sympathien von Alice Schwarzer und ihren Schwestern im Geiste gewinnen kann. Aber das lag wohl auch nicht in der Absicht der Autorin, die mit viel Witz ein – immer noch als Tabu geltendes – Thema erschöpfend aufarbeitet.

Dian Hanson: The Big Book of Pussy. Text deutsch, englisch und französisch. Taschen Verlag 2011, 374 Seiten, ca. 400 Abbildungen, 39,99 €