Geliebtes Leben auf Zelluloid

Fern von Guido Knopp: Geschichte erzählen mit Privataufnahmen

Guido Knopp. Der Name steht für Geschichte im TV. Zeitzeugen, nachgespielte Szenen, Musikuntermalung. Dass es auch anders geht, beweist Michael Kuball. Eine Kritik.

Wir kennen das: Ein Mann sitzt vor einem schwarzen Hintergund. Von links oben fällt ein schwacher Lichtstrahl ins Bild. Der Mann hat Tränen in den Augen. Er erzählt zum Beispiel von der Ermordung seiner jüdischen Eltern und den Gräueln, die sie und er im Deutschland der dreißiger Jahre vorher erlebt hatten. Die Kamera hält jede noch so winzig kleine Bewegung des Interviewten fest. Jeder Gesichtsausdruck ist auf Zelluloid gebannt ...

Zeitzeugen und ihre Erinnerungen sind wichtig. Vielleicht sind sie sogar der wichtigste Bestandteil einer Dokumentation, weil sie die vom Sprecher kommentierte, von der Musik untermalte, vom Filmmaterial veranschaulichte und durch technische Hilfsmittel verdeutlichte Geschichte erst menschlich machen. Durch ihre Erzählung helfen sie dem Zuschauer, sich auch ein Bild von der menschlichen Seite zu machen. Tränen verdeutlichen die Verzweiflung und die Trauer, ein Grinsen erzeugt mitunter Freude und Spaß. Guido Knopp hat diese Art der Erzählweise mit seinen Dokumentationen salonfähig gemacht.

Man könnte denken, dass kein Dokudrama mehr und erst recht keine historische Dokumentation ohne Zeitzeugen auskommen kann.

Private Amateuraufnahmen

Michael Kuball, der Autor von „Geliebtes Leben", verzichtet jedoch auf dieses Element. Und nicht nur auf das: In seinem Werk fehlen auch die für eine moderne Dokumentation „benötigten" fiktiven Szenen.

Der Autor geht einen anderen Weg: Er reiht Amateuraufnahmen von Privatpersonen aneinander, die in der Zeit von 1940 bis 1980 entstanden sind. Als Kommentatoren dienen ihm, neben zwei „echten" Off-Sprechern, die Filmer und Gefilmten, die auf den Aufnahmen zu sehen sind. Sie erinnern sich, angeregt durch die Filmausschnitte, und bestimmen so den Fortgang des Films. Die Protagonisten erzählen und übermitteln Geschichte, ohne jemals selbst im Bild zu erscheinen (abgesehen von den Aufnahmen).

Zum Beispiel: Der zweite Teil von „Geliebtes Leben" mit dem Untertitel „Was ist" hat die Jahre 1940 bis 1980 zum Inhalt, die Kriegsjahre 1940 bis 45 werden in überproportionalem Maß gezeigt.

Die Dokumentation erzählt das Leben von 25 verschiedenen Filmern. Alltag, Familie und die Kinder sind in den Originalaufnahmen aus dieser Zeit ebenso Themen wie Krieg und Vertreibung. Allerdings werden diese negativen Erlebnisse nur nebensächlich behandelt. Klar, für das Heimkino, aus dessen Material der Film zusammengeschnitten ist, waren eher spaßige und familiäre Themen wichtig.

„Geliebtes Leben" ist eine Kompilationsfilmserie, d. h. dass in diesem Dokumentarfilm Amateurfilme zusammengetragen und zu einem großen Ganzen verwoben wurden. In chronologischer Reihenfolge aufbereitet entsteht eine Geschichte des Alltags, ein Mosaik der Geschichte. Voneinander unabhängige Bilder hat Kuball so zusammengeschnitten, dass sie den Eindruck vermitteln, als ob sie in direktem Zusammenhang stehen würden.

Keine Zeitzeugen

Fiktionale, also nachgestellte Szenen fehlen völlig. Zeitzeugen kommen nur in dem Sinn vor, dass sie das Gezeigte aus dem Off kommentieren. Zu sehen sind sie nie. Zwei Kommentatoren im Wechsel ergänzen sie in ihren Aussagen mit knappen inhaltlichen Überleitungen. Neben ihnen kommen auch Musik und nachträglich eingefügte Geräuschuntermalungen vor, z. B. das Summen der Fliegen um einen gedeckten Tisch in der afrikanischen Wüste. Die Musik wirkt je nach Situation bedrohlich, erheiternd oder angespannt. Sie ist es, die die Atmosphäre hauptsächlich beeinflusst. Was in Amateurfilmen noch schön anzusehen ist, kann durch die Musikunterlegung schockierend wirken.

„Geliebtes Leben" ist ein mit der Filmkamera geschriebenes Filmtagebuch. Anders, aber ansprechend.

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