In der Zeit vom letzten Schmiedemeister Jakob Much – von 1912 bis 1965 – war die kleine Dorfschmiede von Gelting, ein Ortsteil von Geretsried im Tölzer Land, Mittelpunkt im täglichen Leben der Dorfgemeinde, so wie sie es immer war. Dort beim Schmied, gleich neben der Kirche St. Benedikt, kam man zusammen, ließ die Pferde grasen bevor sie zum Beschlagen an die Reihe kamen, und redete miteinander. Immer im Hintergrund der vertraute Klang des im Takt geführten Hammerschlags am Amboss.

Ochsen in der „Zwangsjacke“

Aus Erzählungen weiß Rudolf Mörtl, ehemaliger Lehrer und Bürgermeister von Gelting: „Die Schmiede war damals die Attraktion bei den Kindern. Denn dort ging es oft rund her und manchmal wurde es richtig gefährlich. Immer dann, wenn ein besonders störrischer Ochse niemanden an seine Klauen ließ.“ Ochsen waren früher als Arbeitstiere bei der Ernte und beim Transport im Einsatz. Wenn es nicht anders ging, seien die Ochsen in den Notstand gekommen, erzählt Mörtl. Wie in eine Zwangsjacke gesteckt, hatte man sie mit einem Lederriemen um den Bauch in einen Unterstand eingespannt, fest gebunden und leicht angehoben, so dass man sicher an die Klauen kam. Der Notstand ist im Original an der Außenwand der Schmiede heute noch zu sehen.

Die Dorfschmiede in Gelting wurde erstmals als „Gmein-Schmiede“ 1671 erwähnt und gehörte zum Gotteshaus der Filialkirchenstiftung Gelting. Georg Schmid aus Lenggries wurde 1804 als erster Schmied in Gelting beurkundet. Nach ihm setzte sich eine lückenlose Reihe von Besitzern fort bis 1912 Jakob Much als letzter Schmied den Betrieb übernahm und ihn bis zu seinem Tod 1965 führte. So lautet die Chronik aus dem Gemeindebuch von Gelting.

Der letzte Zugochse

Vielseitig und anspruchsvoll war die Arbeit eines Schmiedes. Die Zugtiere – Ochsen und Pferde – mussten in regelmäßigen Abständen beschlagen werden. Eisenreifen für Wagengestelle wurden hergestellt und im Winter Kufen für Schlitten. Im Frühjahr hatte der Schmied mit den Pflugscharen für die Arbeit auf dem Feld zu tun.

Am 1. Oktober 1961 wurde der letzte Zugochse verkauft. Er gehörte dem Schmied Much selbst. 1962 hatten nur noch zwei Bauern je zwei Arbeitspferde. Die Ära des Geltinger Schmieds ging langsam zu Ende. Mörtl erzählt: „Als der Notstand nicht mehr gebraucht wurde, war der Lederriemen, der früher um den Bauch des Ochsen kam, von den Kindern schnell zur Schaukel umfunktioniert worden.“

Heute gehört die ehemalige Hof- und Wagenschmiede der Stadt Geretsried. Sie wurde 2001 generalsaniert und mit einer Temperierungsanlage ausgestattet, die das Raumklima optimal steuert. Die Schmiede wurde mit dem umfangreichen Originalbestand in das Museumskonzept von Geretsried aufgenommen.