Gemeinsam auf dem letzten Weg

Sterbebegleitung im Krankenhaus

Nicht immer gewinnt der Mensch gegen die Krankheit. Doch trotz ihrer hohen Arbeitsbelastung kümmern sich Pfleger und Schwestern liebevoll um Sterbende und Angehörige.

Es ist Montag früh und auf der Krebsstation im Sankt Georg Krankenhaus gerade hat die Frühschicht ihren Dienst begonnen. Pfleger wecken Patienten auf, waschen sie und bereiten sie auf die kommende Visite vor.

Zur Zeit gibt es auf Station einen besonderen, einen sterbenden Patienten. Zu ihm geht die stellvertretende Stationsschwester Susanne Bachmann so oft sie kann. Er liegt in einem Einzelzimmer mit gedämpftem Licht, ab und zu wird leise Musik für ihn eingeschaltet. Er soll so viel Ruhe und Pflege wie möglich bekommen. Doch das ist nicht immer einfach.

„Wir Schwestern wünschten uns eigentlich viel mehr Zeit für die Patienten“, so Schwester Susanne. „Wir haben hier sehr viel zu tun und so einen fordernden Patienten. Das lässt sich nicht immer vereinbaren. Wir können uns mal für eine halbe Stunde zu dem Patienten ans Bett setzen, aber mehr Zeit gibt es da nicht.“

Hospitz und Krankenhaus arbeiten zusammen

Damit der sterbende Patient trotzdem gut betreut wird, arbeitet die Krebsstation mit dem Hospizverein Leipzig zusammen. So oft wie es nötig ist, kommt nun ein ehrenamtlicher Helfer aus dem Hospiz und sitzt bei dem Patienten. Dabei geht es nicht nur darum den Patienten optimal zu pflegen, sondern er soll viel mehr merken, dass er nicht allein gelassen wird. Er hat so immer einen Ansprechpartner und die Pfleger versuchen alle Wünsche des Sterbenden zu erfüllen.

Doch häufig sitzen nicht Pfleger sondern Angehörige an den Betten der sterbenden Patienten. Und ab und zu helfen die auch bei der Pflege ihrer sterbenden Verwandten. Das hat Ulrike Nieß, Pflegedienstleiterin im Brandverletztenzentrum schon oft beobachtet.

Sie erklärt, „dass es häufig so ist, dass die Angehörigen da am Bett stehen und sagen: Ich kann ihm nicht helfen. Ich kann ihm die Schmerzen nicht nehmen, ich kann das Sterben nicht verhindern, ich kann nichts tun. Aber dann schlagen wir ihnen vor, dass sie den Mann noch rasieren können oder die Haare kämmen, oder etwas zu trinken geben. Das sind so kleine Sachen, die nicht ganz so hilflos machen.“

"Der Tod gehört zum Leben"

Diese Situation ändert das Klima auf der Krebsstation. Es ist nicht leicht jemanden beim Sterben zuzusehen, den die Schwestern seit über einem Jahr kennen. „Das ist eine traurige Geschichte“, erzählt Schwester Susanne. „Aber man muss das akzeptieren. Der Tod gehört zum Leben dazu und man braucht dann sein Team, das einen abfedert und wo man sich aussprechen kann.“

Das Team auf der Krebsstation federt sich gegenseitig ab. Sie sprechen zusammen über die sterbenden Patienten und über ihre Gefühle. Jeder hat seine eigene Methode um mit dieser Situation fertig zu werden. Schwester Susanne tankt Kraft beim Sport und in ihrem Garten. Die Pfleger und auch die Angehörigen können sich an einen Psychologen wenden, der ihnen dann hilft, mit dem Sterbenden und ihren eigenen Gefühlen umzugehen.

Offen über den Tod reden

Der Tod ist ein Tabuthema, und über den Tod im Krankenhaus wird schon gar nicht gesprochen, denn schließlich soll das Krankenhaus ein Ort der Heilung und nicht des Sterbens sein. Und dennoch sterben mehr als die Hälfte der Menschen in Sachsen in Krankenhäusern. Deshalb wird es Zeit, dass man über dieses Thema offen redet, meint Ulrike Nieß vom Brandverletztenzentrum. Deshalb arbeitet sie in einer Arbeitsgruppe des Sankt Georg Krankenhauses, die sich um den die Betreuung von Sterbenden und Angehörigen kümmert. „Wir in der Arbeitsgruppe möchten, dass der Tod kein Tabuthema mehr ist, sondern dass man offen darüber spricht. Auch anderen Patienten gegenüber. Ja es wird hier auch gestorben.“

Ulrike Nieß möchte mit den Sterbenden und Verstorbenen würdevoll umgehen. So werden Patienten zum Sterben nicht ins Bad geschoben und auch der Verstorbene nicht dort abgestellt. Es gibt im Sankt Georg Krankenhaus einen Abschiedsraum, in dem sich die Angehörigen so lange sie wollen von ihrem Toten verabschieden können.

Im Gegensatz zum Brandverletztenzenrum wird auf der Krebsstation den Patienten nicht gesagt, wenn jemand auf der Station im Sterben liegt „weil wir den Eindruck haben, dass dies den Optimismus des Patienten beschränkt“, begründet dies Schwester Susanne. „Es ist sehr wichtig für die Krebsbehandlung, dass man optimistisch ist und dass man von sich aus den Willen hat, gegen diesen Krebs zu kämpfen. Und wenn man sieht, dass um einen herum gestorben wird, vermittelt das keinen Optimismus. Deshalb versuchen wir, das etwas zu verbergen.“

Intensive Pflege, trotz fehlender Zeit

Und auch wenn der Strebende von den anderen Patienten nicht bemerkt werden soll, gehen die Schwestern so oft wie möglich zu ihm. Es werden Duftlampen für ihn angezündet und er wird mit Ölen eingerieben. Sämtliche Sinnesorgane sollen noch mal angesprochen werden. Die Schwestern versuchen auf seine Wünsche einzugehen.

Diese intensive Pflege kostet sehr viel Zeit, aber Ulrike Nieß findet, dass eine Krankenschwester in solch einer Situation Prioritäten setzten muss. „Wenn man sagt, 'wir haben keine Zeit', kann ich das nicht respektieren im Pflegealltag“, erklärt sie. „Denn ich behaupte, dass wir alle Zeit der Welt haben, nur der Sterbende hat keine Zeit nicht mehr.“