
- Mädchen in Kerala - Monique Kroll
Eine Sache fällt in Indien sofort ins Auge: Es gibt mehr Männer als Frauen. Auf den Straßen sieht man Scharen von Jungen und seltener ein Mädchen. Das liegt nicht daran, dass diese zu Hause bleiben müssen, sondern es gibt sie einfach nicht so oft. Der Grund dafür ist nicht etwa ein indischer Gendefekt, sondern Mädchen werden oftmals bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt getötet. Laut UNICEF wurden in den Jahren 2001 bis 2005 etwa 682.000 weibliche Föten abgetrieben. Die Eltern glauben, es bleibe ihnen nichts anderes übrig, um finanziell nicht ruiniert zu werden. Paradoxerweise kann man sich Mädchen finanziell nicht leisten, während sie gleichzeitig aufgrund ihres Geschlechts weniger wert sind als Jungen.
Gender-selektive Abtreibungen und Kindstötungen
Töchter werden als Last betrachtet. Ein indisches Sprichwort heißt: „Abort your daughter now, save dowry later”, also: „Treibe deine Tochter heute ab und spare dir später die Mitgift”. Gemäß dem religiösen Glauben kann nur ein Sohn die Bestattungszeremonie der Eltern durchführen. Die Tochter verlässt das Elternhaus nach der Hochzeit und steht fortan in den Diensten der Familie ihres Mannes. Die Brauteltern müssen die Kosten der Hochzeitsfeier tragen und eine umfangreiche Mitgift bereitstellen. Das kostet Geld, das man sich gerne spart, indem man bei einer Ultraschalluntersuchung das Geschlecht des Kindes ermitteln lässt und bei der Antwort „Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen ein Mädchen“, entsprechende Maßnahmen ergreift. Laut Gesetz ist diese Praxis verboten und Ärzte sind angehalten, das Geschlecht des Kindes den Eltern nicht mitzuteilen, aber manch ein Arzt macht ein gutes Geschäft, indem er für diese Informationen unter dem Behandlungstisch die Hand auf hält.
Statt einer Abtreibung kann es auch vorkommen, dass das neugeborene Mädchen getötet wird, beispielsweise durch mit Pflanzengift versetzte Milch. Man kann sich vorstellen, wie verzweifelt Eltern sein müssen, die zu solch einer Handlung fähig sind. Ein wichtiger Schritt zur Verhinderung dieser Verbrechen wäre der Verzicht auf die Mitgiftpraxis.
Die Mitgiftpraxis wird trotz Verbot weiterhin praktiziert
Für jeden indischen Vater ist es eine heilige Pflicht, seine Tochter zu verheiraten und dafür muss er bezahlen. Für die Familie des Bräutigams ist das wie ein Lottogewinn und sie erhält Sachgegenstände, wie Fernseher, DVD-Player, Motorroller, Schmuck und dergleichen sowie eine ausreichende Menge Bargeld. Nachforderungen sind nicht unüblich und können eine Hochzeit auch zum Platzen bringen. Es gibt zwar eine wachsende Mittelschicht, der Großteil der Bevölkerung jedoch lebt in tiefer Armut. Deshalb können neugeborene Mädchen eine Familie finanziell ruinieren, während ein Junge Wohlstand verspricht.
Wenn man eine indische Zeitung aufschlägt, liest man immer wieder von „Küchenunfällen“. Oft hat bei diesen Unfällen die Familie des Ehemanns ihre Hand im Spiel und die Schwiegertochter wird beispielsweise mit Kerosin überschüttet und angezündet. Die verbrannte Ehefrau hat dann entweder keine Nachzahlung geleistet oder der Mann möchte erneut heiraten, um eine neue Mitgift zu erhalten.
Um die Mitgift aufbringen zu können, leihen sich viele Familien Geld, das sie später nicht zurückzahlen können. Die Rückzahlung erfolgt dann durch Abarbeiten zum Beispiel in Steinbrüchen oder im Straßenbau. Es ist keine Seltenheit, dass man an einer Straßenbaustelle vorbeikommt und Frauen und kleine Kinder beobachten kann, wie sie große Steine mit Hämmern in Schotter verwandeln.
Quelle: UNICEF
