Generalisten gefragt. Ein Plädoyer für das Studium Universale

"Universalität ist am besten" - Inga Ganzer
Der Bologna-Prozess sowie fortschreitende berufliche Differenzierungen verfestigen das Spezialistentum. Doch die globalisierte Welt braucht Generalisten.

Globalisierung ist das Schlagwort der Gegenwart und meint einerseits die immer weiter fortschreitende Verzahnung von Nationalstaaten zu einer Weltgesellschaft durch globalen Austausch von Dienstleistungen, Gütern, Personen und Kapital und andererseits die immer stärkere Verknüpfung und gegenseitige Beeinflussung von Teilsystemen wie Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur.

Der Aufstieg des Spezialistentums durch die Industrialisierung

Seit Beginn des 19. Jahrhundert haben sich die Arbeitsteilung und damit das Spezialistentum durch die Industrialisierung herausgebildet, um die sich immer weiter ausdifferenzierenden vor allem ökonomisch geprägten Sphären mit entsprechenden Fachkräften zu besetzen. In der Vergangenheit hat dies eine Fortentwicklung garantiert. Kritik an der Spezialisierung wurde allerdings schon von Max Weber (1864–1920) und Karl Marx (1818–1883) geübt, die das Individuum durch Ökonomisierung einer Entfremdung ausgesetzt gesehen haben. Der Nationalökonom Adam Smith (um 1723–1790) war bereits vor über 200 Jahren in der Lage vorherzusagen, dass eine Spezialisierung beim Individuum immensen Schaden wie geistige Abstumpfung oder regressive Zufriedenheit hinterlässt. Die Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gegenwart stellt und weiterhin auch stellen wird, können nur gemeistert werden, wenn Menschen lernen, über ihre Disziplin hinaus über den Tellerrand zu schauen. Der sukzessive Aufbau von interdisziplinär ausgerichteten Exzellenzclustern an deutschen Universitäten und der ständig gesuchte Dialog auf (meist politisch motivierten) Podiumsdiskussionen zeigt das Bedürfnis nach Überblick und Verzahnung von Einzeldisziplinen an.

Studium Generale versus Spezialistentum

Die Lösung liegt auf der Hand: die Etablierung von Bachelorstudiengängen, die eine Gesamtschau ermöglichen und sich unter Umständen auf technische, naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Zweige konzentrieren können. Diese Ausrichtungen sollten durch einzelne Seminare und Vorlesungen aus dem Bereich der sieben freien Künste (Trivium: Grammatik, Rhetorik und Dialektik bzw. Logik; Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) ergänzt werden. Neben dem Rundblick besteht ein weiterer Vorteil darin, dass Studierende weitere drei Jahre Zeit haben, sich in Ruhe zu überlegen, was sie wirklich interessiert und vor allem, was ihnen liegt, um sich mit einem Master zu vertiefen. Denn hohe Abbrecherquoten, ein rapider Anstieg von Burn-Outs oder Depressionen und hohe Unzufriedenheitsraten bei Arbeitnehmern auch unter jungen Leuten zeigen an, dass der Neigung selten der Vortritt gelassen wird. Die Entscheidung folgt oft ökonomischen Aspekten. Einige Universitäten haben bereits obligatorische Studium-Generale-Reihen etabliert, wie beispielsweise die Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Mit Vorlesungsreihen möchte sie eine „wissenschaftsgeleitete Auseinandersetzung in Gegenwartsfragen“ anstoßen, „Grundfragen der menschlichen Existenz“ erörtern und Gespräche „über die Grenzen der Einzeldisziplinen hinaus“ anregen. Die Universität möchte über „Sachfragen von allgemeinem Interesse“ informieren. Und auch die Universität Leipzig beruft sich mit einer ähnlichen Reihe auf das Humboldt’sche Bildungsideal und sucht den „Dialog zwischen Universität und Öffentlichkeit“.

Was bedeutet das Humboldt’sche Bildungsideal?

Humboldts Ideal verbindet den Erwerb einer umfassenden Allgemeinbildung in verschiedenen Künsten mit dem Spezialwissen der eigenen Disziplin. Dies impliziert also nicht nur das Fachwissen eines Betriebswirtschaft- oder Literaturstudiums, sondern unter anderem auch Grundlagen von Soziologie, Recht oder Naturwissenschaften. Dieses ganzheitliche Verständnis stimuliert nicht nur die Formulierung eigener Forschungsfragen, sondern führt auch zu der Fähigkeit, Phänomene in einen Makrokontext zu setzen und die vielfältigen Verknüpfungen einzelner Teilsysteme zu verstehen. Einige der bedeutendsten deutschen Denker der Vergangenheit sind diesem Ideal gefolgt, darunter beispielsweise Vertreter der Naturwissenschaft wie Albert Einstein, sozialpolitische Meisterköpfe wie Marx oder Adorno oder Philosophen wie Hegel oder Nietzsche. Doch der Universalgelehrte (oder auch Polyhistor) ist leider eine Erscheinung der Vergangenheit. Dass Geistesakrobaten wie Humboldt, Goethe, Leibniz oder da Vinci in der Gegenwart nicht mehr zu finden sind, liegt nicht nur daran, dass das bereitgestellte (Spezial-)Wissen nahezu täglich anschwillt und nicht mehr zu überblicken ist, sondern auch am Status des Spezialisten, der dem Generalisten längst den Rang abgelaufen hat. Vor allem bei der Suche nach einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit ist Universalismus von Nachteil und wird oft als mangelnde Geradlinigkeit interpretiert.

Wo liegen die Tätigkeitsfelder des universal Gebildeten?

Die Industriegesellschaft brauchte Fachkräfte, die Wissensgesellschaft wird ohne Generalisten mit einem ganzheitlichen Verständnis für das Zusammenspiel einzelner Disziplinen in eine Sackgasse geraten. Natürlich sind hoch spezialisierte Kräfte vor allem in der Wissenschaft weiterhin vonnöten, um in die Tiefen einzelner Disziplinen vorzudringen. Die Kooperation von verschiedenen Teildisziplinen ist allerdings oft mit inhaltlichen oder methodischen Verständnisproblemen sowie mit hohen Koordinations- und Transaktionskosten verbunden. Der Generalist kann hier als Moderator und Vermittler eine bedeutende Rolle spielen. Auch im Bereich des Journalismus ist eine sehr breit gefächerte Bildung eher von Vorteil als ein Fachidiotentum, um dem Leser die Komplexität von Gegenwartsfragen möglichst anschaulich und vor allem transparent darlegen zu können. Die Politik braucht ganzheitlich denkende Köpfe, die nicht nur Kenntnisse über den eigenen Nationalstaat, sondern darüber hinaus auch anderer Weltregionen haben. Sie hat einen Bedarf an vielseitig gebildeten Menschen, die beispielsweise den Einfluss der Wirtschaft oder von Veränderungen der gesellschaftlichen Wertvorstellungen auf die Politik begreifen.

Der Nutzen des Universalismus für das Individuum

Die Möglichkeit, in einem Studium oder einer Ausbildung einen Blick auf das Ganze zu erhalten, erhöht zum einen die Wahrscheinlichkeit, sich für den passenden Beruf zu entscheiden und führt langfristig zu mehr Lebenszufriedenheit. Die Auseinandersetzung mit universalen Fragestellungen entfacht die Lust am philosophischen Diskurs und kreiert somit neue Denkansätze. Eine stark ausgeprägte Allgemeinbildung erleichtert die Kommunikation mit anderen Menschen und erzeugt wiederum neue Blickwinkel auf fremdes Terrain. Und nicht zuletzt wusste der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) bereits: „Es ist weitaus besser, etwas über alles zu wissen, als alles über eine Sache zu wissen. Universalität ist am besten.“

Quellen: Industrialisierung, Universität Tübingen, Universalgenies

Inga Ganzer - * 1978 in Dessau; Kulturwissenschaftlerin mit kaufmännischer Ausbildung; Fotografin, Lyrikerin und Autorin; Veröffentlichungen ...

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