Einige nachdenkenswerte Zeilen Stendhals (1783 bis 1842) seien zur Einstimmung dem Thema vorangestellt: "Ich werde bald fünfzig Jahre alt. Es wäre wohl Zeit, mich selbst kennen zu lernen: Was war ich? Was bin ich? Fürwahr, ich wäre sehr in Verlegenheit, es zu sagen".
20 Millionen Rentner/Pensionäre – 20 Millionen Schicksale
Unaufhörlich, unaufhaltsam: Die 20 Millionen Mitglieder der Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) bekommen regelmäßigen Zuwachs. Dabei ist jeder Einzelne in seinem Schicksal auf seine ihm spezifische Art und Weise gefangen: Eine Altersgruppe ist noch in den Arbeitsprozess integriert, die andere ausgegliedert und muss sich in einer neuen Lebenswelt orientieren. Als erste Nachkriegsgeneration, ab Mai 1945, wird sie in den Mangel und das Chaos geboren. Es ist die Zeit des Aufräumens, Verdrängens und Wertewandels. Eine Generation wird durch die Naturalwirtschaft am Leben erhalten. Die Sozialisierungen münden in dem Willen, das Korsett des Mangellebens zu sprengen. - Hier bereits wird der Kern zu einer universalen technologischen Revolution gelegt. Hier reifen die Fragen, die Ängste, die Hoffnungen heran, die Jahrzehnte später das politische System der Bundesrepublik ins Wanken bringen sollte.
Die Altersgruppen 50 plus, 60 plus und 70 plus suchen nach neuen Perspektiven
Im Folgenden soll der Fokus auf die mittlere Gruppe der Rentner und Pensionäre gerichtet sein: Per Gesetz der Arbeitswelt entnommen, sucht sie nun nach Orientierung. In einem Protokoll der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft zu einer Veranstaltung in Berlin vom 16. bis 18.11.2007 heißt es: "Die Lebenssituation alter und älterer Menschen im heutigen Europa ist ein generell selten diskutiertes Thema. Wenn überhaupt, dann wird über den demografischen Wandel und die Rentensicherheit referiert". Der Mensch als Sozialwesen, Leidender und Gestaltender ist kaum einer Erwähnung wert. "Wenn ich einmal in Pension bin, werde ich alles nachholen!" Mit dieser verzweifelten Rechtfertigung werden Wünsche und Träume oft in die Zukunft verschoben.
Der Rückweg in die offizielle Arbeitswelt ist versperrt
Der Bahnhof aufgestauter Hoffnungen stößt an seine Kapazitäts-Grenzen: Die Vergangenheit kann nichts mehr zur Zukunft beitragen, diese wiederum rückt näher an die Gegenwart und macht sie manövrierunfähig – der Mensch ahnt, dass er nach seiner Pensionierung nicht mehr viel Zeit zur Einlösung hat. Der Rückweg in die Arbeitswelt ist abgeschnitten, ein Gefühl der Vernichtung nistet sich ein – das ist der Moment der Besonnenen. Die Gesellschaft hat Charaktere mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten hervorgebracht – und alle werden jetzt benötigt.
Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist unterschiedlich stark ausgeprägt
Die Erfahrung mit dem Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsprozess ist eine grundlegend andere als die in den so genannten Ruhestand. Wer kommt mit dieser seelischen Belastung, nicht mehr gebraucht zu werden, zurecht? Die Führungskräfte im Ruhestand werden aller Beobachtung gemäß weiterhin nach Prinzipien leben wollen, die sich bereits in ihrer Arbeitsphase bewähren. Allerdings werden sie in der Familie auf Strukturen treffen, die ohne ihre Einflussnahme gewachsen sind. Konflikte sind voraussehbar. Die Austragungsorte werden das familiäre Umfeld oder auch der nähere Freundeskreis sein. Stoßen zum Beispiel die Vorstellungen des Pensionärs zum innerfamiliären Tagesablauf auf wenig Resonanz, brechen ganze Erfahrungs- und Befehlsstränge weg. Es droht der Absturz der bisherigen Führungskraft in die gefühlte und letztlich reale Bedeutungslosigkeit.
Besinnung auf die eigene Leistungsfähigkeit hat Priorität
Doch da schälen sich schon die Praktiker unter den Senioren heraus. Sie legen weniger Wert auf das Führenwollen, dafür suchen sie permanent nach neuen Lebensinhalten und -aufgaben. Das ,,selfnessforum’’ berichtet in seinem Magazin vom Dezember 2009 unter dem Motto Vom alten Eisen keine Spur über den Einsatz von Senioren in der Entwicklungshilfe. Pragmatisch und fachlich orientiert, wenden sich viele von ihnen an den deutschen Senior-Experten-Service (SES) zum Einsatz in unterentwickelte Weltregionen.
15 Rentenjahre sind ein Gottesgeschenk
Unter dem Titel Altern wie ein Gentleman beschreibt der ehemalige ARD-Journalist Sven Kuntze seine ersten Erfahrungen mit dem Alter - zwischen Müßiggang und Engagement. Dabei kristallisiert sich heraus: Die Rentenjahre sind ein Gottesgeschenk! Waren dem Arbeiter früher nach dem Renteneintritt noch etwa drei Jahre Lebenszeit vergönnt, so sind es heute zum Beispiel dank verbesserter Lebensumstände und moderner Gesundheitsvorsorge bereits 15 Jahre. Und die sollten genutzt werden, nicht verbrämt durch ständiges, ängstliches Hinterfragen. Alle, die sich mit diesem ,,Carpe diem’’anfreunden können, wandeln eher leichtfüßig durch die letzten Jahre.
Die Fragen des Sokrates hinterlassen Spuren
Ein anderer Teil der Altersgruppe wird durch die großen Philosophen der Antike inspiriert. So hinterlässt Sokrates (469 bis 399 vor Christus) auf manchen modernen, nachdenklichen Zeitgenossen einen großen Eindruck; so intensiv, dass nicht einmal die ständige Aufforderung, über sein bisheriges Leben Rechenschaft abzulegen, die gute Laune eintrüben könnte. Die dem Rentner/Pensionär zur Verfügung stehende Zeit verleitet zwangsläufig, über die Sinnhaftigkeit eines guten Lebens nachzudenken. Die Suche nach der Glück verheißenden Formel ist anstrengend, produziert jedoch so ganz nebenbei neue Erkenntnisse und manchen Standortwechsel.
40.000 Rentner sind an Universitäten und Akademien eingeschrieben
Überhaupt: Der Wunsch nach Weiterbildung zur Horizonterweiterung ist unter den Senioren ungebrochen. Viele schreiben sich an Präsenz-Universitäten und Fern-Akademien ein. Die FAZ vom 20. 10. 2011 geht in einem Artikel auf das Gasthörer-Studium von über Sechzigjährigen ein und schildert darin die bisherigen Erfahrungen. Laut Feststellung des Bundesamtes für Statistik hat sich der Anteil dieser Gruppe unter den 40.000 studierenden Senioren in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt. Neben den beschriebenen engagierten Senioren, das darf nicht unterschlagen werden, verhalten sich andere phlegmatisch und resignieren. Neue Perspektiven, Aufbruch? Fehlanzeige! Dabei sind noch nicht die problematische zukünftige Rentenentwicklung und die zu erwartende umfangreiche Altersarmut berücksichtigt – inklusive drohender psychischer Erkrankungen. Dieses real zu werdende Szenario kann sich keine Gesellschaft leisten – weder intellektuell noch materiell. Die Angst vor der Angst, nicht mehr gebraucht zu sein, kann nur durch intensive Lernbereitschaft und Erkenntnis gelindert werden; auch um die kollektive Lebensleistung der älteren und alten Menschen zu würdigen – Frauen wie Männern, die in ihren Beurteilungen und Lebensentwürfen jeweils andere Prioritäten setzen mögen. Stendhals anfangs gestellte Fragen nach dem Sein und dem Gewesensein verlieren somit erst ihren Schrecken, wenn eine neue Identität akzeptiert ist.
Quellen
- selfnessmagazin, Senioren in der Entwicklungshilfe, Dezember 2009
- Sven Kuntze, Altern wie ein Gentleman, Bertelsmann, SWR 2011
- Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, 16.-18. 11. 2007, Berlin
- eigene Erfahrungen
