Früher war es selbstverständlich: Ein Familienbetrieb wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute finden nur noch 41,2 Prozent der Übergaben familienintern statt – und dieser Anteil sinkt kontinuierlich. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) hat das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) zusammen mit zwei weiteren Instituten und dem Stiftungslehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensnachfolge der Universität Siegen den Generationswechsel im Mittelstand vor dem Hintergrund des demografischen Wandels untersucht. Die Ergebnisse der Studie und erste Schlussfolgerungen daraus wurden jetzt im Rahmen einer Tagung vorgestellt.
Eine Betriebsübernahme sei mit einer Neugründung zu vergleichen, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke: „Ins gemachte Nest setzen, ist das gleichwohl nicht.“ Der Übernehmer brauche ein schlüssiges Konzept, und es komme sowohl auf Übernehmer- als auch auf Übergeberseite auf frühzeitige Planung, kompetente Beratung und Unterstützung durch die Handwerksorganisation an. Schwannecke äußerte die Sorge, dass Selbstständigkeit bei jungen Leuten heutzutage kein erstrebenswertes Lebensziel mehr sei.
Unternehmergeist positiv bewerten
Der Parlamentarische Staatssekretär im BMWi, Ernst Burgbacher sagte: „Alle Hilfen und Unterstützungen, die wir geben können, funktionieren nur, wenn Unternehmergeist als etwas Positives gesehen wird. Ich halte es für eine wichtige Motivation unserer Wirtschaft, dass Familien ihre Unternehmen an die nächste Generation weitergeben.“ Burgbacher warnte: „Wenn es nicht gelingt, für die über 22.000 jährlich zur Übernahme anstehenden Unternehmen einen neuen Chef zu finden, gehen zu viele Unternehmen und Arbeitsplätze verloren. Hier müssen wir gegensteuern.“
Die in Berlin vorgestellte Studie kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass bis 2020 weder gesamtwirtschaftlich noch im Handwerk eine demografisch bedingte Nachfolgelücke entstehen wird. Allerdings können regionale und branchenbezogene Probleme im Hinblick auf die abnehmende Erwerbsbevölkerung nicht ausgeschlossen werden. Nach 2020 dürfte es erheblich schwieriger werden, für alle übergabefähigen Unternehmen einen qualifizierten Nachfolger zu finden.
In die Zukunft schauen können die Wissenschaftler allerdings nur im Hinblick auf den demografischen Wandel. Eine amtliche Nachfolgestatistik gibt es nicht. Die Zahl aller mittelständischen Unternehmen, die in Deutschland zur Übernahme anstehen, wird von mindestens 103.600 in diesem Jahr kontinuierlich ansteigen auf maximal 130.700. Damit sie ohne volkswirtschaftliche Reibungsverluste übergeben werden können, müssen viele Erfolgsfaktoren greifen.
Umfangreiche Unterstützungsleistungen
Eine passgenaue Vermittlung, wie etwa auf dem Arbeitsmarkt, kann es nicht geben. Jeder Betrieb ist einzigartig und stark geprägt von der Unternehmerpersönlichkeit des Inhabers. Und der potenzielle Übernehmer braucht eine Haltung der Wertschätzung gegenüber dem Lebenswerk des Übergebers. Es müssen Hindernisse überwunden werden, die einer Übertragung im Wege stehen, nicht nur rechtliche und wirtschaftliche, sondern auch persönliche. Egal, ob das Unternehmen von einem Familienmitglied, einem Mitarbeiter oder einem externen Interessenten übernommen werden soll: Es muss ein Vertrauensverhältnis vorhanden sein oder aufgebaut werden, das dem Inhaber den Rückzug leicht macht.
Die Beziehungen auf der persönlichen Ebene als Schlüssel zur Lösung aller Probleme wurden im Rahmen der Veranstaltung von den meisten Diskutanten herausgestellt. Für die Unternehmensbewertung, die rechtliche und finanzielle Gestaltung des Übergangs ist das Angebot an Unterstützungsleistungen insgesamt sehr umfangreich. Und die Multiplikatoren sind gut vernetzt, insbesondere in den meist regional aufgestellten Gründungsnetzwerken, denen fast alle Kammern, ein Großteil der Wirtschaftsförderungseinrichtungen und die Hälfte der Kreditinstitute angehören. Mit seiner Unternehmensnachfolgebörse „nexxtchange“, bei der die Kammern als wichtigste Ansprechpartner vor Ort mitwirken, trägt auch das BMWi dazu bei, dass Menschen, die ein Unternehmen übertragen oder übernehmen wollen, leichter zusammen finden. Ganz wichtig ist dabei der Zeitfaktor: Gerade in kleinen Handwerksbetrieben verdrängt das Tagesgeschäft zuweilen das strategische Denken. Mit der Nachfolgeplanung sollte man jedoch frühzeitig beginnen. Denn ein sorgfältig abgewickelter Übergabeprozess dauert in der Regel mehrere Jahre.
