Genitalverstümmelung – Abhilfe nicht ohne die lokale Gemeinschaft

Bericht des Innocenti Zentrums zu FGM/C - UNICEF-IRC
Bericht des Innocenti Zentrums zu FGM/C - UNICEF-IRC
Die Beschneidung weiblicher Genitalien lässt sich nicht gewaltsam von außen abstellen, sondern der Wille dazu muss von den ethnischen Gruppen selbst kommen.

Als die Regierung des kleinen westafrikanischen Staates Sierra Leone im Jahre 2007 die dort weit verbreitete rituelle Verstümmelung oder Beschneidung der Genitalien heranwachsender Mädchen per Gesetz verbieten wollte, erhielt die Gesetzesvorlage nicht die erforderliche Mehrheit im Parlament. Erstaunlicherweise waren es besonders die Frauen unter den Abgeordneten, die gegen die Verabschiedung eines solchen Gesetzes stimmten. Energisch und selbstbewusst verwiesen sie in den teils hitzigen Diskussionen auf jahrhundertealte kulturelle Bräuche und traditionelle Rituale, die für Jugendliche beim Übergang von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen wichtig wären. Diese wollten sie sich – auch im Interesse ihrer Wähler in den Dörfern - nicht so einfach nehmen lassen, bloß weil sie mit der westlichen Kultur nicht vereinbar sind.

Tatsächlich versprechen Bemühungen, afrikanische Stämme zur Aufgabe der weiblichen Genitalverstümmelung oder Beschneidung anzuregen, nur dann Erfolg, wenn langfristige Entwicklungsprojekte dabei gleichzeitig die positiven Seiten traditioneller Kulturen stärken und Vertrauen aufbauen. Dies belegt nunmehr auch eine Studie der Vereinten Nationen, die am 18. November 2010 vorgestellt wurde.

Lange Traditionen nicht voreilig verdammen

“Anstatt die Stammeskultur zu bekämpfen und traditionelle Bräuche negativ darzustellen, schlagen effektive Hilfsprogramme alternative Mechanismen vor, um das Festhalten an gemeinsamen Werten dieser Kommunen zu signalisieren und die Diskussion über das Problem der Genitalverstümmelung ohne Drohgebärden zu führen“, heißt es in dem Bericht. Unter dem Titel „Die Dynamik sozialer Veränderung: Auf dem Weg zur Aufgabe der weiblichen Genitalverstümmelung/Beschneidung in fünf afrikanischen Staaten“, wurde die Analyse vom italienischen Innocenti Forschungszentrum des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen (UNICEF) durchgeführt.

“Die Entscheidung einer Familie, diese Prozedur durchzuführen oder zu unterlassen, wird von mächtigen sozialen Würdigungen oder Sanktionen beeinflusst“, sagte der amtierende Direktor des Zentrums, Gordon Alexander. „Das Verständnis für die breit gefächerte soziale Dynamik, die jene blutige Zeremonie des Genitaleingriffs hartnäckig weiter bestehen lässt, verändert den Weg zu ihrer Abschaffung. Da gibt es nicht nur eine Antwort, einen Weg oder eine fixe Lösung . Aber es gibt Fortschritte. Diese Anstrengungen müssen erweitert werden, um zu Veränderungen im Leben der Mädchen zu führen“, schreibt er in der Studie.

Genitalverstümmelung mit lang anhaltenden Folgen

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung/Beschneidung, die im Englischen oft mit dem Kürzel FGM/C (für: Female Genital Mutilation/Cutting) bezeichnet wird, handelt es sich um das teilweise oder vollständige Entfernen der äußeren Genitalien und der Klitoris aus kulturellen oder anderen nicht-medizinischen Gründen. Dieser Eingriff wird von traditionellen Beschneiderinnen meist an abgelegenen Orten mitten im Busch häufig mit rostigen Rasierklingen bei vollem Bewusstsein der Kinder durchgeführt. Er verursacht heftige Schmerzen und kann zu anhaltenden Blutungen, Infektionen, Schwangerschafts- und Entbindungskomplikationen, Unfruchtbarkeit und sogar zum Tod führen.

Auch die sexuelle Erlebnisfähigkeit der Frauen wird dadurch vielfach zeitlebens eingeschränkt, was in einigen Kulturen sogar ein wichtiger Zweck dieser Handlungen ist. Stämme, die FGM/C praktizieren, betrachten dies als notwendigen Schritt, Mädchen aufzuziehen und sie für die Ehe zu berechtigen. Die Weigerung, sich an dem Ritual zu beteiligen, kann nicht nur für das Mädchen, sondern für seine gesamte Familie soziales Abseits und Verachtung bedeuten, was besonders in kleinen abgeschiedenen Dorfgemeinschaften verheerende Wirkung für die Betroffenen hat.

Die Studie hebt hervor, dass erfolgreiche Programme gegen diese rabiate Praxis anerkannte Mitglieder der betroffenen Gemeinschaften wie religiöse und lokale Führer ebenso einbeziehen wie soziale Netzwerke und Einrichtungen. Die Projekte nutzen auch rechtliche Reformen, die nationale Politik und die Medien, um den Verdrängungsprozess von FGM/C zu unterstützen. In dem UNICEF-Bericht werden die Strategien zur Hilfe von Kommunen in Ägypten, Äthiopien, Kenia, Senegal und im Sudan verglichen.

Aversion gegen Verstümmelungs-Rituale wächst

Dabei zeigt sich, dass besonders in Senegal Fortschritte erzielt wurden, aber Fallzahlen in Ägypten, Äthiopien und Sudan weiterhin hoch bleiben. Erste Anzeichen gibt es aber auch in diesen drei Ländern dafür, dass die Bewohner die Vorteile der Verstümmelungs-Rituale anzweifeln und es unter günstigen Voraussetzungen vorziehen würden, ihre Töchter, Ehefrauen, Schwestern und andere Verwandte nicht beschneiden zu lassen. Schätzungen über die Anzahl von Frauen, die sich der Tortur aussetzen mussten, schwanken zwischen 70 und 140 Millionen.

Allein in Afrika besteht jährlich für geschätzte drei Millionen Mädchen und Frauen das Risiko, einer Beschneiderin ausgeliefert zu werden. Die Praxis ist auch in einigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens zu finden und wird zu einem geringeren Grad von Immigranten-Gemeinden in Europa, Australien, Kanada, Neuseeland und den Vereingten Staaten ausgeübt.

Eine Linderung des Leidens wird sich nur in geduldiger gemeinsamer Arbeit mit den praktizierenden Gemeinden erreichen lassen. Wenn ihre Wähler in den Kommunen überzeugt sind, dass sich Genitalverstümmelung und –beschneidung junger Frauen in einer aufstrebenden Entwicklungsgesellschaft überlebt haben, dann werden sicher auch die Parlamentarier in Sierra Leone ihre Gesetzesentscheidung noch einmal überdenken.

Der Autor an der UNO-Mission in Sierra Leone, Foto: UNIOSIL

Christian Holger Strohmann - Mehr als 20 Jahre lang habe ich für die Vereinten Nationen (United Nations Organisation - UNO) auf allen Kontinenten als Journalist, ...

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