Georg Büchner: Woyzeck

Der Zusammenhang von Nicht-Kommunikation und Gewalt

In Büchners Drama „Woyzeck" besteht ein Zusammenhang zwischen einer Nicht-Kommunikation der Figuren und psychischer wie physischer Gewalt, die sie einander antun.

In seinem Fragment gebliebenen Drama „Woyzeck“, an dem Georg Büchner im Winter 1836/37 arbeitete, setzt der Autor eine erschütternde These künstlerisch um: Dass der Mensch den sozialen Faktoren, in die er hineingeboren werde, hilflos ausgeliefert und so zu seinem Handeln determiniert sei. Diese Gedanken begegnen bereits in Büchners sogenanntem „Fatalismusbrief“, einem Brief an seine Braut vom 10. März 1834.

Das Phänomen des Pauperismus

In besonderer Weise beschäftigte Büchner das Problem sozialer Ungerechtigkeit, das zu seiner Zeit mit dem Pauperismus (= Massenarmut) äußerst brisant war. Eine ganze Volksklasse litt existentielle Not – vom massiven Bildungsmangel gar nicht zu reden –, was natürlich auch zu Kriminalität und Gewalt führte.

Aus eben diesem Milieu stammt Woyzeck, dessen Geschichte übrigens auf einen authentischen Kriminalfall zurückgeht. Auch er hat mit der Armut zu kämpfen, und auch er ist umgeben von Gewalt, die allerdings zu einem großen Teil psychischer Natur ist. Interessanterweise besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dieser Gewalt und einem auffälligen Mangel an der Fähigkeit beziehungsweise Bereitschaft zu kommunizieren. Diese Beobachtung lässt sich nicht nur für Woyzecks Verhältnis zum Hauptmann und zum Doktor nachweisen, sondern auch für seine Beziehung zu Marie.

Psychische Gewalt gegenüber Woyzeck: Respektlosigkeit und Spott

Der Hauptmann verhöhnt Woyzeck wegen seiner mangelnden Bildung; er nennt ihn „ganz abscheulich dumm“ (Szene 5 nach der unten aufgeführten Ausgabe). Ohne jedes Einfühlungsvermögen oder Mitleid weist er ihn in grausamer Deutlichkeit auf Maries Untreue hin (Szene 9). Dem Doktor dient er als lebendes Versuchsobjekt (Szene 8). Er wird nicht etwa als eigenständige und zu respektierende Persönlichkeit betrachtet, sondern nur als minderwertige Existenz, die ohne jeden Skrupel körperlich, aber auch seelisch, zerstört werden kann. Er darf zum Beispiel nichts als Erbsen zu sich nehmen, um die Versuchsreihen des Doktors nicht zu stören. Und bezüglich Woyzecks offensichtlich verwirrtem Geisteszustand empfindet der Doktor wahres Entzücken: Er freut sich, ein so seltenes medizinisches Phänomen vor sich zu haben.

Fehlende Bereitschaft zu angemessener Kommunikation

Zudem bemüht der Doktor sich zu keinem Zeitpunkt darum, mit Woyzeck auf einer angemessenen Ebene zu kommunizieren. Er bombardiert ihn mit wissenschaftlichen Fachtermini, ohne sie ihm zu erklären. Auch lässt er ihn nicht wissen, was er eigentlich in seinen Experimenten mit ihm vorhat. Woyzeck versucht zwar seinerseits, sich dem Doktor verständlich zu machen. Doch erstens fehlt es ihm hierzu an Eloquenz, und zweitens macht der Doktor keinerlei Anstalten, auf seine Gedanken einzusteigen oder ihm zuhören beziehungsweise ihn irgendwie verstehen zu wollen. All dies lässt die psychische Gewalt, die der Doktor Woyzeck durch seine Nicht-Kommunikation zufügt, deutlich werden.

Woyzecks Versuche, sich zu artikulieren

Interessant ist, wie stark Woyzecks Sprache an Passagen aus der Bibel angelehnt ist. Er ist nicht dazu in der Lage, seine Gedanken selbst zu formulieren, da er nicht über das nötige Vokabular verfügt und nicht stringent argumentieren kann. Wie auch Marie verwendet er deshalb lieber vorgefertigte Formulierungen.

Marie ist Woyzecks einziger Halt im Leben. Trotzdem bringt er sie um. Der augenscheinliche Grund hiefür ist natürlich ihre Untreue. Doch im Mord an seiner Geliebten entlädt sich nicht nur Woyzecks Wut und Enttäuschung über Maries Vertrauensbruch im Speziellen. Vielmehr ist ihre Untreue als Auslöser für die Entladung der gesamten aggressiven Energie zu betrachten, die sich in Woyzeck durch die Grausamkeiten seiner Umwelt angestaut hat. Seine Hilflosigkeit schlägt in Brutalität um.

Verpasste Chance zur Aussprache

Die Tragik besteht darin, dass auch zwischen Woyzeck und Marie Nicht-Kommunikation herrscht. Zu keinem Zeitpunkt findet zum Beispiel ein offenes Gespräch über Maries Beziehung zum Tambourmajor statt. Dabei bestünde spätestens in der Mordszene (Szene 19) eine letzte Chance für Woyzeck, Marie zur Rechenschaft zu ziehen. Sie hätte ihrerseits die Möglichkeit zur Entschuldigung. So könnte der Mord mithilfe von Kommunikation eventuell verhindert werden. Statt dessen ersticht Woyzeck Marie schließlich in wilder Raserei, was rationale Kommunikation natürlich völlig unmöglich macht.

Das Drama führt in drastischer Art und Weise vor Augen, wozu Menschen aufgrund von äußeren Faktoren wie Existenzangst, Bildungsarmut und Gewalt getrieben werden können. Der oben erwähnte Zusammenhang von Nicht-Kommunikation und Gewalt besteht im „Woyzeck“ darin, dass die psychische Gewalt, die der Titelfigur unter anderem durch Nicht-Kommunikation zugefügt wird, beim Mord an Marie in physische Gewalt umschlägt.

Zur Homepage der „Forschungsstelle Georg Büchner“ der Universität Marburg.

Zum Büchner-Archiv der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Georg Büchner: Woyzeck. Studienausgabe. Hrsg. von Burghard Dedner. Reclam 1999 (= UB 18007). Taschenbuch, 210 Seiten. Euro 4,60.

Julia Hartel, Julia Hartel

Julia Hartel - Julia Hartel M.A., Die Textkomponistin Freie Journalistin & Lektorin Als freie Journalistin bin ich für verschiedene ...

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