Seine Stadtlandschaften, seine Kriegs- und Revolutionsvisionen, die er in seinen Gedichten ausdrückte, sollten sich ein Jahrzehnt später bewahrheiten. Im Stile Rimbauds dichtete Georg Heym in einer bildreichen Sprache über Tod, trostlose Vorstädte, Wahnsinn oder auch Landschaften. Vielleicht könnte man seine Sprache mit den Bildern eines George Grosz der 1920er Jahre vergleichen.

Viel Zeit für ein großes Werk hatte er nicht, doch umso bedeutender markieren seine visionären Gedichte den Expressionismus in der deutschen Literatur. Ob er diesen erstmals 1911 verwendeten Begriff gekannt hatte, bleibt anzuzweifeln.

Baudelaire, Verlaine, Rimbaud – und nicht die Juristerei

1887 wurde Georg Heym im schlesischen Hirschberg (Jelenia Góra) in eine preußische Beamtenfamilie hinein geboren. Die Karriere seines Vaters brachte die Familie nach Berlin. Dem Metier seines Vaters in tiefster Abneigung verbunden, begann er 1907 in Würzburg sein Jurastudium. Mal möchte er sein juristisches Curriculum, "…das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen ", mal sieht er sich in seinen Fantasien als Danton oder als einen Mann mit einer Jakobinermütze auf der Barrikade. Doch statt dieser trägt er die Mütze der schlagenden Verbindung Rhinania.

Georg Heym wird von seiner Umgebung als robuster Jüngling geschildert. Rudernd, schwimmend, boxend und leicht stotternd, schlecht rezitierend, stets den von ihm gefürchteten Frauen hinterher, soll er seine innere Gebrechlichkeit mit Rauheit und Zoten kaschiert haben. Mit Mühe bestand er sein Referendarsexamen und wurde an das Amtsgericht von Wusterhausen verwiesen. Heym wollte diesem Schicksal entfliehen. Er versuchte sich im Dolmetschen und spielte mit dem Gedanken, Offizier zu werden. 1909 strebte der junge Dichter in die Öffentlichkeit und las das erste Mal in Berlin, wo ihn der einflussreiche Karl Kraus erlebte. Schließlich übernahm Ernst Rowohlt, als Entdecker und Förderer vieler Begabungen, die Herausgabe des ersten Gedichtbandes Georg Heyms. Es sollte, abgesehen von einer Würzburger Veröffentlichung, das einzig gedruckte Werk zu seinen Lebzeiten bleiben. 1912 folgte die Herausgabe eines weiteren Gedichtbandes und schließlich 1913 die Novelle „Der Dieb“. Zehn Jahre nach Heyms Tod erschienen seine gesammelten Verse und Prosa unter dem Titel „Dichtungen“ in München. 1960 begann schließlich die Publikation einer vierbändigen Gesamtausgabe, durch einen Schweizer Verlag. Bis dahin waren nur 21 Gedichte von Georg Heym bekannt. Er hinterließ jedoch 500. Kurze Prosastücke, in denen er das Leben und das Sterben eines Irren beschrieb, oder Motive aus der Französischen Revolution kamen hinzu.

Seine Zeit erschien ihm verlogen und morsch

Während die Ästhetik seiner Zeit die Industrialisierung in ein manieriertes, vergangenheitsverklärendes Idyll tauchte und im noch jungen 20. Jahrhundert ästhetisch der Pomp des 18. und 19 Jahrhunderts verkitscht am Leben gehalten wurde, schilderte Heym Irre, Außenseiter und Mörder in einer präzisen, schonungslosen Sprache. Die Sehenden und Gesunden waren die Selbstmörder, Irren und Außenseiter. Während das Gros der deutschen Bürgerlichkeit hinter dem Ideal des Reserveleutnants zurücktrat, dräute Heym dieser Welt der Untergang. So schrieb er in seinem Gedicht „Die Nacht“:

Fenster schlagen mit Macht. Und Mauern, die alten,

Reißen die Tore auf wie zahnlose Munde.

Aber die Brücken fallen über dem Schlunde,

Und der Tot stehet draußen, der Alte.

„Es ist immer das Gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts, nichts.“ Dieser Tagebucheintrag aus dem Jahre 1910 entspricht der Grundstimmung vieler junger Deutscher. So ließe sich auch ein kriegsbegeisterter Heym denken. Wie viele andere dieser Generation hätte er sich vielleicht auch als Totengräber dieser „fauligen Langeweile“ gesehen, deren Stimmungen Erich Maria Remarque in seinem vor 80 Jahren erschienen Buch „Im Westen nichts Neues" schilderte. Als der Krieg vielen Deutschen eine den langweiligen Fesseln des Alltags befreiende, abenteuerliche Vorstellung war, schrieb Heym in seinem Gedicht „Der Krieg“ prophetisch:

In der Nacht er jagt das Feuer querfeldein,

Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.

Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,

Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Am 16. Januar 1912 ertrank Georg Heym bei einem Rettungsversuch, der seinem Freund Ernst Balcke galt, in der Havel. Vier Tage später wurde seine Leiche geborgen. Die eintreffende Nachricht über seine Annahme als Fahnenjunker im Feldartillerieregiment Nr. 72 konnte ihn nicht mehr erreichen. Heyms früher Tod in der Havel ersparte ihm die Todesacker des Ersten Weltkrieges, doch seine schaurigen Visionen sollten sich bewahrheiten.

Weit an dem Stromtal zieht das Hügelland

Sich fern hinab, mit bunten Wäldern voll

Und voll von Sonne, bis es hinten weit

Verschwimmend tief in blaue Schatten taucht.

(aus „Autumnus“ – Wannsee vom Wasser aus)

Quelle:

Georg Heym: Gedichte. Herausgegeben von Stephan Hermlin. Reclam 1987. Taschenbuch, 118 Seiten. Gebraucht erhältlich.