Georg Ritter von Schönerer

Georg Ritter von Schönerer (1842- 1921) - Führer der Deutschnationalen in der Habsburger-Monarchie und Vorbild Adolf Hitlers.

Georg von Schönerer stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater war der Eisenbahnunternehmer Mathias Schönerer, der 1860 in den Ritterstand (niedriger Adel) erhoben wurde und ein großes Gut in Rosenau im Waldviertel besaß. Zwecks Übernahme des väterlichen Gutes betrieb Schönerer 1861 landwirtschaftliche Studien in Tübingen und besuchte 1861-63 die landwirtschaftlichen Akademien in Hohenheim und Ungarisch- Altenburg. Das Gut Rosenau führte er später äußerst erfolgreich. Als besonders fortschrittlich galten seine sozialpolitischen Leistungen für die Landarbeiter und die umliegenden Bauern.

Vom Liberalismus zum Deutschnationalismus

Schönerer wurde 1873 Reichsratsabgeordneter für die Liberalen, trat aber 1876 aus der Partei aus, weil er sich vor allem von der Sozial- und Nationalitätenpolitik des Liberalismus abwandte. Er beteiligte sich am Linzer Programm von 1882, in dem Politiker unterschiedlicher Richtungen (darunter auch Victor Adler!) eine Abkehr vom Manchester- Kapitalismus, staatliche Sozialpolitik und eine Stärkung des deutschen Elements innerhalb des Vielvölkerstaats forderten. Seit 1879 trat er als Führer der deutschnationalen Bewegung hervor, die sich aus einer Vielzahl an Parteien, Vereinen, Verbänden, Bünden und Studentenverbindungen zusammensetzte. Die Deutschnationalen traten für die Auflösung des österreichisch- ungarischen Vielvölkerstaats und den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich ein. Diese durchaus staatsfeindlichen politischen Ziele legitimierten die „Schönerianer“ mit einem völkischen Nationalismus, der vom Vorrecht der arisch- germanischen Rasse ausging und Juden, Slawen und Katholiken als Feinde von deutscher Nation und Rasse bekämpfte. Als Sprachrohre Schönerers können die Zeitungen Deutsche Worte (1881ff., später Unverfälschte Deutsche Worte), Alldeutsches Tagblatt (1903ff.) und Grazer Wochenblatt gelten.

Völkische Ideologie und Antisemitismus

Schönerers völkische Ideologie traf angesichts der zunehmenden Nationalitätenkonflikte den Nerv vieler Deutschösterreicher, die sich von den Ansprüchen der zahlenmäßig überlegenen slawischen Völker bedroht fühlten. Doch vor der Radikalität und Aggressivität des selbsternannten „Führers“ der Deutschnationalen und der Ablehnung des bestehenden österreichischen Staates schreckten viele zurück. Unter den Schönerianern gewann der Antisemitismus, den Schönerer 1885 eigenmächtig in das Linzer Programm aufgenommen hatte, immer mehr an Bedeutung. Beispielsweise beteiligte sich Schönerer 1880 an der Gründung des Deutschen Schulvereins, der deutsche Schulgründungen in ethnisch gemischten Regionen förderte. 1885 trat er jedoch wieder aus, weil der Verein sich weigerte, Juden die Mitgliedschaft zu verwehren. Daraufhin entstand als Konkurrenzorganisation ein rein ‚arischer’ „Schulverein für Deutsche“. Der paranoide Antisemitismus der Deutschnationalen schreckte auch vor Gewaltaktionen nicht zurück. Im März 1888 überfiel Schönerer mit seinen Gesinnungsgenossen die Redaktion des Neuen Wiener Tageblatts, weil es eine Falschmeldung über den Tod Kaiser Wilhelms I. gebracht hatte. Schönerer wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, er verlor das Abgeordnetenmandat und seinen Adelstitel. Während Schönerers Haft wanderten viele seiner Anhänger zu seinem innerparteilichen Rivalen Karl Hermann Wolf und zu Karl Luegers Christlichsozialen ab.

Sprachenreform

Erst 1897 betrat Schönerer wieder die politische Bühne. Der Streit um die Sprachenreform des Ministerpräsidenten Badeni gab ihm die Möglichkeit, sich wieder an die Spitze einer deutschnationalen Protestbewegung zu setzen. In Böhmen sollte Tschechisch neben Deutsch gleichberechtigte Amtssprache werden, was viele Deutschösterreicher als ein weiteres Indiz für eine „slawische Bedrohung“ einstuften. Massendemonstrationen und eine Blockade des Reichsrats brachten das Gesetz und den Ministerpräsidenten zu Fall. 1901 erzielte Schönerers Alldeutsche Partei ihren größten Erfolg und zog mit 21 Abgeordneten in den Reichsrat ein. Doch die Erfolge beschränkten sich fast ausschließlich auf Böhmen, und die Partei zerbrach schnell an Führungsstreitigkeiten zwischen Schönerer und Wolf.

„Los-von-Rom-Bewegung“

Viele Sympathien kostete Schönerer auch die Initiierung der „Los-von-Rom-Bewegung“. Angeblich habe die katholische Kirche in den Nationalitätenkonflikten für die Slawen Partei ergriffen, deshalb warben Schönerer und seine Gesinnungsgenossen für den Kirchenaustritt bzw. den Übertritt zum Protestantismus. Schönerer selbst konvertierte 1900, woraufhin eine protestantische Kirche in seinem Heimatort seinen Namen erhielt. Obwohl die „Los-von-Rom-Bewegung“ logistisch und finanziell vom deutschen Evangelischen Bund unterstützt wurde, erfolgten nur einige Tausend Übertritte, zumal auf der Hand lag, dass die Bewegung primär politisch und nicht religiös motiviert war. So vertrat Schönerer statt protestantischer eher krude germanisch- neuheidnische Positionen, die sich mit seiner völkischen Ideologie besser vereinbaren ließen.

Schönerer in Deutschland

Nationalistische und antisemitische Parteien, Vereine und Verbände bauten Schönerer im Reich zu einer nationalistischen Heldenfigur auf und veranstalteten ganze Tourneen mit ihm als „Stargast“. Als Redner scheint Schönerer fast häufiger auf deutschen als auf österreichischen Versammlungen aufgetreten zu sein. Ohnehin erblickte er seine Vorbilder in Deutschland, insbesondere im „Reichsgründer“ Bismarck. Dass dieser Schönerers völkische Ideologie stets abgelehnt hatte, ignorierte er. Auf seinen Wunsch hin ließ sich Schönerer 1922 in Aumühle in der Nähe von Bismarcks Gut Friedrichsruh bestatten. Sein Grabstein trägt die Inschrift „ein Kämpfer für Alldeutschland“.

Schönerer und Hitler

Adolf Hitler zeigte sich bereits in seiner Linzer Schulzeit von Schönerer und seinen politischen Zielen begeistert. In Mein Kampf schildert er ihn als Vorbild und lobt die völkische Ideologie der Deutschnationalen, betont aber, dass der charismatische und volksnahe Stil des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger ihn stärker geprägt habe. (Mein Kampf, S. 107ff.) Während des NS- Regimes galt Schönerer als einer der wenigen offiziell anerkannten völkischen Vorläufer der Bewegung. Ihm wurden Bücher und Ausstellungen gewidmet. Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt.

Literatur

Hamann, Brigitte, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 2006.

Trauner, Karl- Reinhart, Die Los- von- Rom- Bewegung. Gesellschaftspolitische und kirchliche Strömung in der ausgehenden Habsburgermonarchie, Szentendre 1999.

Whiteside, Andrew G., Georg Ritter von Schönerer. Alldeutschland und sein Prophet, Graz/ Wien 1981.

Wladika, Michael, Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie, Wien 2005.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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