
- George Augustus »Black« Robinson (1791 - 1866) - State Library of Tasmania
Die ersten Europäer, die die Inseln mit Namen Van-Diemens-Land an der Südostspitze Australiens in Beschlag nahmen, waren Robbenjäger und Walfänger – doch sie begnügten sich keineswegs mit der Jagd auf Meeressäuger. Denn die Frauen der Aborigines, die auf den abgelegenen Inseln lebten, sollten ihnen das raue Leben ein wenig erträglicher machen, für sie Nahrung beschaffen und zubereiten. Entführungen, Vergewaltigungen und Sklavenhandel nahmen im dem Maße zu, wie sich auch der Handel mit der tierischen Jagdbeute zu einem einträglichen Geschäft entwickelte. Der Bedarf an weiblicher Arbeitskraft und Gesellschaft konnte schließlich nur noch durch gewaltsame Raubzüge an den bislang ungestört an den Nord- und Ostküsten lebenden Aborigine-Gruppen gedeckt werden. Die Männer wurden getötet, die Frauen verschleppt. Doch dies war nur der Auftakt zu einem der dunkelsten Kapitel der australisch-tasmanischen Geschichte – den sogenannten Black Wars.
Die Ankunft George Augustus Robinsons in Hobart Town
Im Jahr 1824 lief in Sullivan’s Cove im Hafen von Hobart Town der Ozeankreuzer »Triton« ein, an Bord ein junger Handwerker aus London. Als ungebildeter Sohn eines einfachen Arbeiters erwartete George Robinson im heimischen England kein besonders reizvolles Leben, so dass er 1822 beschlossen hatte, auswandernd den Ozean zu queren – welchen entschied sich erst, als er von einer gebuchten Passage nach Nicaragua zurücktrat und sich stattdessen kurzerhand nach Australien einschiffte. Seine Tagebucheinträge ließen bereits reges Interesse am geschriebenen Wort erkennen, zunächst vornehmlich christlich-religiöser Natur. In Tasmanien angekommen, machte er sich gleich an die reichlich vorhandene Aufbauarbeit, brachte es in kurzer Zeit zu bescheidenem Wohlstand und beschäftigte seinerseits nach nur einem Jahr einige Angestellte. Seine Frau Maria Amelia und die fünf Kinder – Robinson war schon in der alten Heimat produktiv – sollten ihm 1826 auf dem Seeweg in die südlichste Kolonie des britischen Empire folgen. Robinson selbst blieb indes nicht untätig und engagierte sich als gutes Gemeindemitglied in Bibelgesellschaften sowie bei der Gründung einer Handwerkervereinigung.
Die brutale Kolonialmacht und die tasmanischen Aborigines
Doch nicht alle Angelegenheiten der jungen Kolonie liefen so reibungslos ab wie Robinsons erste Schritte Down Under, denn seit der europäischen Besiedlung Tasmaniens 1804 wuchsen die Spannungen zwischen Weißen und Aborigines. Die aus ihren angestammten Lebensräumen und Sozialstrukturen gedrängten Ureinwohner leisteten teilweise erbitterten Widerstand gegen die Verfolgung durch Siedler und koloniale Strafgefangene, während die Gouvernements-Regierung dem bewaffneten Widerstand am 01. November 1828 mit der Verhängung des Standrechtes über die Ureinwohner begegnete. Doch damit war der Konflikt keineswegs beigelegt, da sich die versprengten Gruppen rebellischer Aborigines mit einfachsten Waffen, und nicht ohne Erfolg, zur Wehr setzten. Ab 1830 setzte die Regierung stattliche Kopfgelder von £5 auf die wenigen überlebenden Aborigines aus und beauftragte die berüchtigten »Roving Parties« aus Strafgefangenen damit, sie auf abgelegenen Reservatsinseln zusammenzutreiben – allerdings nicht mehr, um sie auszurotten, sondern um den Frieden durch strikte räumliche Trennung zu gewährleisten. Doch eben das erwies sich als ungleich schwieriger, als die Reste der indigenen Bevölkerung kurzerhand abzuschießen. Im gleichen Jahr wurde das Interesse Robinsons am Schicksal der Ureinwohner entgültig mit seiner Beteiligung an der Untersuchung des Cape Grim-Massakers an 30 Aborigines geweckt.
Robinsons »Friendly Mission« und die Reservatsinseln
Der Ruf nach militärischer Unterstützung blieb in London ungehört. Auch die reichlich hilflosen Versuche der Regierung, den Aborigines mittels naiver Bildergeschichten (auf Plakaten in den Wäldern angeschlagen) ihren Anspruch auf Recht und Überleben zu erklären, scheiterten ebenso wie der Versuch des Einfangens mittels ausgelegter Nahrungsmittelköder. Schließlich wurde mangels besserer Ideen 1829 ein Vorsteher für die kleine Reservatsinsel Bruni Island gesucht, der sich als »Protector of Aborigines« des leidigen Problems mit den Ureinwohnern annehmen sollte, welches die Regierung bereits weit über £30.000 und viele Siedlerleben gekostet hatte. Die Wahl viel auf George Augustus Robinson, der tatsächlich einige »gezähmte« Aborigines überzeugte, ihn in die Wildnis zu begleiten, um möglichst viele der nur noch 300 Überlebenden im Zuge seiner »Friendly Mission« in sein sicheres Reservat zu retten. Und tatsächlich, nur mit seinen Überzeugungen bewaffnet, spürte Robinson die letzten lebenden und in die Enge getriebenen Aborigine-Gruppen in der Wildnis auf, in die sie sich als letzte Zuflucht zurückgezogen hatten – darunter auch der von den weißen Siedlern so gefürchtete, wehrhafte Big River Tribe. Nach fünf Jahren entbehrungsreichen Lebens in der Wildnis des tasmanischen Hinterlandes hatte Robinson alle Aborigines, die die ständigen Verfolgungen und Anfeindungen seit dem Jahr 1804 überlebt hatten, dazu bewegt, sich freiwillig in die Obhut des neuen Inselreservats auf Flinders Island zu begeben.
Nicht mehr als ein Aufflackern von Humanität beim Conciliator?
Zweifellos stellte diese friedliche Lösung des jahrzehntelang ungelösten krigerischen Konfliktes eine humanitäre Leistung jenes jungen Einwanderes dar, der sich dabei auf nicht viel mehr als zwei einfache und doch überaus erfolgreiche Werkzeuge verlassen konnte: Sein Verständnis der Sprache und Kultur der Aborigines, die ihm überhaupt erst friedliche Verhandlungen ermöglichte und seine reichhaltigen ethnologischen und biographischen Aufzeichnungen für die Nachwelt so wertvoll machte. Und zum Zweiten seine Überzeugung, es nicht mit wilden Kreaturen, sondern mit vernunftbegabten Menschen zu tun zu haben. George »Black« Robinson, genannt The Conciliator, verlor allerdings in den nach 1834 folgenden drei Jahren seiner Verwaltung des Reservats das Vertrauen der Aborigines, deren Lebensumstände nun eher denen gefangener Tiere glich.
Das Ende der tasmanischen Ureinwohner war nicht mehr abzuwenden
Wie die Geschichte belegt, war die indigene Kultur der Aborigines bereits dem Tode geweiht. Die einst in enger Symbiose mit ihrer natürlichen Umwelt lebenden Ureinwohner vegetierten weitgehend unbeachtet auf ihren abgelegenen tasmanischen Inseln dahin und starben schließlich aus – wie es Mark Twain bei seinem Besuch Down Under Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb, an gebrochenem Herzen: »The Whites always mean well when they take human fish out of the ocean and try to make them dry and comfortable in a chicken coop; but the kindest-hearted white man can always be depended on to prove himself inadequate when he deals with savages.« (Mark Twain: Following the Equator)
