
- The Beatles - c Apple Corps Ltd
Als der jüngste der vier Beatles stand er meist im Schatten von John Lennon und Paul McCartney und wurde von ihnen teilweise auch von oben herab behandelt. George Harrison war weder Kunststudent (wie John) noch ein guter Schüler gewesen (wie Paul), und während seine Freunde die Schule besuchten, machte er eine Lehre. Als Gitarrist spielte er die beiden anderen allerdings an die Wand, und das war auch der Grund, wieso Lennon trotz aller Vorbehalte den um zweienhalb Jahre jüngeren Harrison überhaupt in die Band genommen hatte.
George Harrison brillierte als Gitarrist im Hintergrund
Harrisons kompositorisches Talent entfaltete sich langsam, aber stetig. Es fand auf dem Album „Revolver“ einen ersten Höhepunkt und mündete in Beatles-Klassiker wie „Here Comes The Sun“ oder „Something“. Als Sänger besaß er nicht dasselbe Charisma wie Lennon/McCartney, und so war es meist seine Aufgabe, sich im Hintergrund zu halten und auf seiner Gitarre zu brillieren – ungewöhnlich für einen Leadgitarristen. So entstand sein Image als stiller, introvertierter und angeblich „schwieriger“ Beatle.
Fernöstliche Philosophie ist wichtiger als die Beatles
Harrison war immer derjenige, der es am allerwenigsten mochte, ein Beatle zu sein. Durch seine intensive Beschäftigung mit fernöstlicher Philosophie und den damit verbundenen spirituellen Ansichten (niemand in der Band beschäftigte sich derart intensiv mit dem Thema) entfernte er sich im Laufe der Jahre zunehmend von der Band. 1967 sagte er zu Beatles-Biograf Hunter Davies: „Ich persönlich mache mir nicht mehr das geringste daraus, ein Beatle zu sein. Diese ganze Beatle-Sache ist trivial und unwichtig. Ich habe genug von all diesem Zeug. Ich und wir und all die sinnlosen Dinge, die wir treiben. Ich versuche Lösungen für die wichtigeren Dinge im Leben zu finden. Darüber nachzudenken, ein Beatle zu sein, ist ein Rückschritt. Mich interessiert mehr die Zukunft… die philosophischen Systeme des Ostens, die Wiedergeburt und die transzendentale Meditation. Wenn man erst einmal diese Dinge zu begreifen beginnt, wird einem bewusst, wie sinnlos alles andere ist“. Damals war Harrison gerade einmal 24 Jahre alt und arbeitete mit den Beatles an „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“.
George Harrison brachte den Beatles indische Musik näher
Die Beschäftigung mit indischer Musik motivierte Harrison dazu, bei Ravi Shankar Unterricht zu nehmen und die Sitar zu erlernen. Bereits auf „Rubber Soul“ (1965) machte sich der indische Einfluss bemerkbar, nicht nur bei „Norwegian Wood“, wo Georges Sitar zum Einsatz kam, sondern auch bei „If I Needed Someone“, einer Eigenkomposition von Harrison. In diesem Song kommen zwar keine indischen Instrumente zum Einsatz, der indische Einfluss ist jedoch deutlich in den Harmonien zu hören; dasselbe gilt für die zweite Harrison-Komposition auf „Rubber Soul“, das ebenfalls indisch angehauchte „Think For Yourself“. In den Songtexten jedoch scheinen Harrisons neue Interessen und Ansichten vorerst noch nicht durch.
Harrison war weniger Pop als Lennon/McCartney
Meist wurde Harrisons Songs (und es waren nicht allzu viele) wenig Aufmerksamkeit im Aufnahmeprozess geschenkt: Harrison hatte keine Singles, nur Album-Tracks, meist irgendwo in der Mitte versteckt und wurde von den Kritikern meist übergangen. Dabei unterschieden sich seine Songs ziemlich von denen des Songwriter-Teams Lennon/McCartney: Seine Beiträge waren weniger „Pop“, im Ton negativer, zynischer, öfter in Moll. Teilweise fanden sich unorthodoxe Akkordfolgen und harmonische Unstimmigkeiten, die es bei Lennon/McCartney nicht gab. Harrisons Songtexte kreisten um Themen wie Unsicherheit oder Zweifel, und er vermied romantische Themen weitgehend. Sein negativer Unterton und sein Pessimismus spiegeln die Frustrationen wider, denen er als Songwriter neben dem alles überstrahlenden Team Lennon/McCartney ausgesetzt war.
Der Wendepunkt für Songwriter Harrison: „Revolver“
Harrisons Rolle auf „Revolver“ unterschied sich grundlegend von der bei früheren Alben. Auf „Revolver“ erschienen erstmals drei seiner Songs auf einem Beatlesalbum, und einer davon sogar als Eröffnungssong („Taxman“). Das exotische „Love You To“ war der erste Beatlessong, der ausschließlich mit indischen Instrumenten gespielt wurde, „I Want To Tell You“ mit seiner auffallenden Dissonanz im Klaviersatz war ebenfalls ein recht mutiger Schritt. Harrisons „indische“ Beiträge prägten auch weiterhin den Sound der Beatles: Für das „Sgt. Pepper“-Album steuerte er das philosophische Schwergewicht „Within you Without you“ bei, als B-Seite für „Lady Madonna“ das aufgeweckte „The Inner Light“. Mittlerweile begannen fernöstliche Philosophien auch in seine Songtexte einzufließen.
Erstes Soloalbum: All Things must pass
Harrison kam ab 1968 so richtig in Fahrt: Er schrieb „While my Guitar gently weeps“, seinen ersten „großen“ Beatlessong, und Hits wie „Here comes the Sun“ und „Something“ folgten. Zur selben Zeit nahm er auch bereits Songs für „All Things must pass“ (1970) auf, das sein erstes Soloalbum werden sollte. Der Songwriter Harrison hatte sich emanzipiert, und auch seine Bandkollegen mussten einsehen, dass er sich aus Songschreiber gemausert hatte. Ironie des Schicksals oder vielleicht auch glückliche Fügung, dass Harrison just in dem Moment als Songschreiber aufblühte, in dem es mit den Beatles bereits bergab ging.
Quellen:
- Hunter Davies: The Beatles. A Hard Day's Night. St. Andrä-Wördern 1994
- Elisabeth Vock: The Beatles: Revolver. Popmusik als inhaltliches Konzept. Diplomarbeit, Wien 2005
- Russell Reising (Hsg.): Every Sound there is. The Beatles' Revolver and the Transformation of Rock and Roll. Aldershot 2002
- Derek Taylor: It was twenty years ago today. NY 1987
