Gerhard Mayer-Vorfelder hört auf

Der ehemalige DFB-Präsident gibt auch sein letztes Amt ab

Mayer-Vorfelder war einst der einflussreichste Mann des deutschen Fußballs. Am Ende scheiterte er an seiner Gutsherrenart.

Die Revolution fand im Saale statt – im Kursaal zu Bad Cannstatt. Ein vergleichsweise junger Mann von gerade mal 42 Jahren lehrte dort der Honoratiorenriege des Vereins für Bewegungsspiele das Fürchten. Der Präsident, Senator Hans Weipert, war nicht ganz unschuldig daran, dass das Gründungsmitglied der Fußballbundesliga, der VfB Stuttgart, mit dem Rücken zur Wand stand und nun im April 1975 zum ersten Mal seit 1924 die Zweitklassigkeit drohte. Da kam der junge Referent des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, putschte Weipert und die Seinen weg und riss die Macht an sich, um sie 25 Jahre lang zu behalten. Damit begann eine der schillerndsten Funktionärskarrieren im deutschen Fußball, die Karriere der Gerhard Mayer-Vorfelder.

Champagner für Jürgen Sundermann

Geboren 1933 in Mannheim, wuchs Mayer-Vorfelder in Südbaden auf. Früh engagierte er sich in der CDU, und bald führte ihn sein Weg bis in die Villa Reitzenstein, den Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Nach dessen Sturz wurde er Staatssekretär, Kulturminister und schließlich Finanzminister des Landes. Doch bundesweit hatte er sich da bereits längst einen Namen als Präsident des VfB Stuttgart gemacht. Mit ihm wurde die Wiedergeburt des Traditionsvereins eng verbunden. Den Abstieg konnte „MV“, wie er bald überall genannt wurde, nicht verhindern, und auch die Rückkehr ins Oberhaus scheiterte 1976 als Elfter noch kläglich. Fast so trostlos wie die sportliche war die finanzielle Situation, als Mayer-Vorfelder in diesem Jahr mit Geschäftsführer Schäfer in die Schweiz reiste, um einen ersten großen Coup einzufädeln: die Verpflichtung von Jürgen Sundermann. Oft hat Mayer-Vorfelder die Anekdote erzählt, wie er und Schäfer nach erfolgreicher Vertragsunterzeichnung heimlich auf dem Klo ihr Geld gezählt hätten, um zu sehen, ob es noch für Champagner zum Anstoßen reicht.

Mayer-Vorfelder verschliss 20 Trainer in 25 Jahren

Mit Sundermann kam der Erfolg und mit ihm kamen Spieler wie Karl-Heinz und Bernd Förster oder ein Hansi Müller. Mit von der Partie im berühmten „100-Tore-Sturm“ war auch ein gewisser Ottmar Hitzfeld, der in einer Partie gegen Jahn Regensburg gleich sechs Mal traf. In der Aufstiegssaison brachen die Stuttgarter sämtliche Rekorde, und als Väter des Erfolges wurden Sundermann und Mayer-Vorfelder gleichermaßen gefeiert. Tatsächlich begann nun ein Jahrzehnt, in dem Stuttgart fast immer zu den vier besten Mannschaften der Liga zählte und das 1984 mit dem ersten Gewinn der deutschen Meisterschaft in MVs Ägide seinen Höhepunkt fand. So erfolgreich der VfB auch war, so deutlich wurde bereits, dass es die Trainer unter einem Präsidenten Mayer-Vorfelder alles andere als leicht hatten. Auf Sundermann folgte 1979 bereits Lothar Buchmann, der wiederum von Sundermann abgelöst wurde, den dann schließlich Helmut Benthaus beerbte, der den Titel errang und ebenfalls ein Jahr später gehen musste. Gerhard Mayer-Vorfelder hat in seiner 25-jährigen Amtszeit 20 Mal neue Trainer verpflichtet. Spitzenreiter ist Jürgen Sundermann, der gleich drei Mal die Stuttgarter trainieren durfte.

MV feuert Jogi Löw nach Europacup-Finale

So umstritten wie er als Vereinspräsident war, so erfolgreich war er auch. Mit Christoph Daum wurde er ein zweites Mal Deutscher Meister, mit Arie Haan zog er ins Finale um den UEFA-Cup ein und mit dem späteren Bundestrainer Jogi Löw erreichte er das letzte Finale der Pokalsieger. Das hinderte MV jedoch nicht daran, Löw anschließend zu feuern und seinen alten Spezi Winfried Schäfer zu verpflichten, der gerade mit dem Karlsruher SC abgestiegen war. Nun setzte die Götterdämmerung ein. Schäfer scheiterte grandios. Nach den Übergangslösungen Wolfgang Rolff und Rainer Adrion kam erstmals ein Trainer, den Mayer-Vorfelder nicht haben wollte. Ralf Rangnick hatte als Jugendkoordinator den Verein verlassen, sich aber bis dahin im Amateurbereich eine gewisse Machtbasis aufgebaut. Die fürchtete der Präsident – und er fürchtete sie zu Recht. Doch zuvor stürzte Rangnick. Daran war nicht zuletzt Krassimir Balakov schuld, genialer Mittelfeldstratege des einstigen magischen Dreiecks – und von Mayer-Vorfelder mit einem Rentenvertrag in Höhe von vermutlich drei Millionen Euro im Jahr ausgestattet. Die Kritik an MV wurde nun immer massiver.

Offiziell räumte Gerhard Mayer-Vorfelder im Jahr 2000 den Präsidentensessel, weil er sich auf seine Aufgaben beim DFB konzentrieren wollte. Schon seit längerem war er der Vorsitzende des Ligaausschusses. Jetzt strebte er den Präsidentenposten an, den er im April 2001 dann auch übernahm.

Ottmar Hitzfeld lässt Mayer-Vorfelder im Regen stehen

Zunächst lief alles nach Plan. Deutschland hatte – zwar knapp, aber immerhin – die WM-Endrunde im Südkorea und Japan erreicht. Dass die Mannschaft von Rudi Völler dann auch noch bis ins Finale vorstieß und dort den hochfavorisierten Brasilianern nur unglücklich unterlag, hatte so niemand auf der Rechnung gehabt. Der Erfolg allerdings hatte massive Probleme übertüncht, die erst in den nächsten beiden Jahren zum Tragen kamen. Die Stunde der Wahrheit schlug bei der EM in Portugal, als Deutschland in der Vorrunde bereits kläglich scheiterte. Rudi Völler war tief enttäuscht – und warf überraschend das Handtuch. Sein oberster Chef ging auf Trainersuche und zwar so, wie er es noch vom VfB Stuttgart her gewohnt war, im Alleingang. Ottmar Hitzfeld sollte es werden, Trainer bei Bayern München. Doch als Hitzfeld den bereits sicher geglaubten Deal platzen ließ, stand MV plötzlich im Regen. Eine Trainerfindungskommission wurde eingesetzt und der Präsident bekam einen Aufpasser: Theo Zwanziger. Offiziell sollten beide den DFB als Doppelspitze leiten, doch es war klar, dass Zwanziger das Amt bald komplett übernehmen würde.

Am Ende blieb der Sitz bei der UEFA

Schließlich blieb Gerhard Mayer-Vorfelder noch das internationale Funktionärsparkett. Seit neun Jahren ist er im Exekutivkomitee der UEFA, seit 2007 ist er auch deren Vizepräsident. Doch damit ist es nun vorbei. Nach einer schweren Erkrankung scheint der knorrige Funktionär und Politiker ein wenig altersmilde geworden zu sein. Die, die ihn am meisten vermissen werden, könnten wohl seine Kritiker sein.

Peter S. Kaspar, Peter S. Kaspar

Peter S. Kaspar - Die journalistische Laufbahn begann für mich 1982 beim "Schwarzwälder Boten", zunächst als Lokal- und dann als ...

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