Geschäftsmodelle 2020: das Ende der Massenwirtschaft

Ende der Massenproduktion - Tom Koehler, Hamburg
Ende der Massenproduktion - Tom Koehler, Hamburg
2bAHEAD-Zukunftskongress zum Weltbild 2020: das Aus für die Massenwirtschaft, die Beseitigung von Informations-Asymmetrien und neue Geschäftsmodelle.

In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts perfektionierte ein Mann die Produktion und sorgte für eine völlig neue Organisation in der Wirtschaft. Henry Ford entwickelte das Fließbandsystem der Firma Oldsmobile weiter, wurde berühmt - und reich. Mit diesem Wirtschaftsmodell konnte die Arbeitsgruppe auf dem 2bAHEAD Zukunftskongress auf Schloss Oelber bei Salzgitter nicht wirklich etwas anfangen. Überproduktion sowie Regulation durch Interessengruppen und Politik sind Fossilien des 21. Jahrhunderts.

Trendforscher bei der Arbeit

Jörg Jelden, Trend & Transformation Consultant, beobachtete mit seinem Team Nutzer von präparierten IPhones. Dies brachte interessante Ergebnisse zutage. Die "Iphersüchtigen" zeigten den Forschern, wie real die Nutzung von Apps ist, wie viel Zeit mit welchen verbracht wird. Apps werden nicht immer benutzt, aber man muss sie haben. Ein Verweis auf den Inhalt einer Damenhandtasche sorgte für launige Stimmung. Doch können Apps auch zu Alltagswerkzeugen werden. Das Paradebeispiel: die Wasserwaage. Jelden bestätigt eine zweite Realität, die Parallelnutzung verfügbarer Kanäle. Die Marken, der Handel, die Medien verlieren stetig im Kampf um Aufmerksamkeit. Freunde der Nutzer sind die Gewinner. Es wird sofort reagiert, aber es werden auch sofort Antworten erwartet. Eine harte Nuss, die heutigen Unternehmen zum Knacken gegeben wird. Wie schnell und/oder gemein die modernen Zeiten sind, erklärte ein Teilnehmer der Runde nach eigenem Erleben. Ein Kunde ließ sich in einem Elektronikmarkt intensiv zu einem Produkt beraten. Dann zückte er sein IPhone, scannte den Barcode des Produktes und kaufte es online. Kein Kommentar.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Doch gibt es auch gute Nachrichten für die Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Stellt sie eine sofortige Kaufgelegenheit sicher, arbeitet sie mit Gutscheinen und Rabattcodes (ca. 50 Prozent der Nutzer suchen danach), wird ein alter Marketingtraum wahr. Der Return on Investment lässt sich berechnen, so Jelden. Im After Sales Service lassen sich aktive Kundenbeziehungen aufbauen und der Umtausch reduzieren. Käufe werden finalisiert. Noch immer droht auch nach einem Kauf ein Sinneswandel beim Kunden. Freunde werden befragt und das Produkt wird ausprobiert. Ein positives Erlebnis beim Kauf eines Produktes ist die Voraussetzung für Empfehlungen. Menschen nehmen recht zügig die neuen Technologien an - und Unternehmen hinken hinterher. Kunden habe ein dringendes Bedürfnis nach Dialog. Die Zeiten von Asymmetrien bei der Informationsmacht sind eindeutig vorbei.

Technik-Falle

In der Diskussion zeigte ein Teilnehmer eine Gruppe von Kunden / Nutzern auf, die am Wachsen ist. Die Senioren - abschätzig als Silver Surver betitelt - sind gar nicht so technikfeindlich. Acht Prozent von Ihnen nutzen mobile Geräte, 25 Prozent nutzen mobiles Internet. Das IPhone sei ein wunderbares Senioren-Handy und ein Werkzeug für das Leben. Besser noch das IPad, weil dessen Display deutlich größer sei. Was der Diskutant nicht sah: Ein offensichtlich stolzer Nutzer eines dieser Wunderdinger legte nach einigen ernsthaften Bemühungen sein IPad genervt zur Seite - und schrieb auf einem Block mit. Die Spiegelung des Displays war auf dem Campus von Schloss Oelber dann doch zu heftig. Das gute Wetter erwies sich als IPad-Killer.

Sicht der Wissenschaft

Dass die Logik des Internets die Massenwirtschaft beseitigt, bestätigte auch der wissenschaftliche Direktor des Institut of Electronic Business, Thomas Schildhauer. Doch sieht er eine riesige Chance für Unternehmen, die sich diese gewaltige kreative Kraft der Prosumer zunutze machen. Auslagerung des Schwarmes - das Crowdsourcing - dient dazu. Die Intelligenz und die Arbeitskraft einer großen Anzahl von Usern nutzbar machen, kann große Erfolge zeitigen. Bald 40 Prozent der Produktneuideen kommen laut Schildhauer von Kunden über Plattformen der Firmen. Sicherlich gibt es die Urheberproblematik und sicherlich gibt es Mitbewerberprobleme. Denn diese schauen auch auf solche Schwarm-Seiten. Das muss jedes Unternehmen selbst abwägen. Doch macht so ein "Lemming-Effekt" ein Produkt sexy - so der Professor. Dass im Umkehrschluss der Produzent der Firma seinen Willen aufzwingt, muss nicht schlecht sein.

Weltkonzern mit Weitsicht

Wenn sich große Unternehmen große Köpfe machen, so gehört der Softdrink-Riese aus den USA dazu. Dessen Director Marketing Communications Deutschland, Michael Willeke, schilderte die Sichtweise von Coca Cola. Er beklagt, dass die Kommunikation weniger nachhaltig wird. Das rasante Tempo verlangt seinen Preis. 1990 waren es 7000 Marken, die im Fernsehen beworben wurden, heute sind es 20.000. Und die Konsumenten erwarten einen Dialog.

Wie kann man den Niedergang der Marken verhindern? Durch Transparenz und das Leben von Werten. Crossmedial aufgestellt sein, ein aktives Community-Management betreiben und dem Content seine Rolle als King ermöglichen. Der Umbruch der Massenwirtschaft erzeugt auch neue Berufsfelder. Laut Willeke gibt es 30 neue Job-Profile, wie zum Beispiel den Corporate Social Media Editor. Die Länge des Namens deutet auf die nationale Quelle hin, doch sind es Chancen für junge Menschen, ihr Leben in einem völlig neuen Umfeld zu gestalten. Die Markenessenz, der Kern der Botschaft muss zu den Verbrauchern transportiert werden. Willeke sieht ein mobiles Endgerät, einen Digital Shopper, in dem alle Kanäle gebündelt werden. Die Technologie wird zum Treiber der Marke. Und der User treibt die Technologie - verkehrte Welt, Henry Ford.

Tom Köhler, Hamburg, Tom Köhler, Hamburg

Tom Köhler - Tom Köhler, Journalist, Fotograf, Netzwerker, Inhaber der Agentur Abenfarben in Hamburg. www.abendfarben.de

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