
- Luigi Malerba: Die nachdenklichen Hühner - Verlag Klaus Wagenbach
Wieder ein Buch von Klaus Wagenbach, dem unabhängigen Verlag für wilde Leser, das die Sinne weckt. Hahnenkammrotes Leinen außen, innen ein kräftiges Dottergelb, die Seiten dazwischen eierschalen, und vor alledem ein Inhalt, der ironisch intelligent daherkommt.
Das Original
Die italienische Originalausgabe wurde 1980 unter dem Titel "Le galline pensierose" von Giulio Einaudi in Turin veröffentlicht. Bislang existiert diese kleine Kostbarkeit in vier Auflagen. Bis zum 131. Huhn übersetzte Elke Wehr vom Italienischen ins Deutsche, danach Iris Schnebel-Kaschnitz. Wünschenswert wäre eine nächste, zweisprachige Auflage. Dieser polyglotte Anspruch sei der Wichtigkeit des Huhns an sich geschuldet und dem Vergnügen, Malerba im Original zu lesen. Ein Huhnologenhuhn klingt nun einmal anders, als "una gallina gallinologa. Dopo aver studiato molto il problema disse che le galline non erano animali e non erano nemmeno uccelli. 'E allora cosa sono?"'domandarono le compagne. 'Le galline sono galline', disse la gallina gallinologa e se ne andò via impettita." Die zutiefst treffenden Zeichnungen entsprangen der Feder von Matthias Koeppel.
Hühner und Menschen
Verschmitzt, angriffslustig bis schamlos und dennoch immer gelassen stellt Malerba seine Illusionen aufs Blatt. Da hat wohl einer lebenslang beobachtet und über die Stärken und Schwächen der Mitmenschen und der eigenen nachgedacht. Diese auf Hühner zu übertragen ist ein gelungener Coup, gerät der Leser doch dadurch nie in Erklärungsnot oder Abwehrhaltung, und da ein zum Beispiel neurotisches Huhn für sich gesehen bereits genügend komisches Potential hat, lächelt der Leser. Erst über die Verschrobenheit der Hühner, dann über die eigene. Schraubt sich das ungebildete Hühnergehirn gar ins Absurde, ist die Freude am reinsten. Im psychologischen wie im literarischen Sinne. Die Folge: Gelächter. Spätestens dann, wenn sich ein Huhn, das sich für schlauer hält als alle anderen, sagt: "Idioten! Das Latein ist kein Futter, sondern ein Haustier. Ähnlich wie das Schwein, nur bösartiger."
Kategorie, Fabel, Wesen
Der von Luigi Malerba beschriebene Hühnerhof ist bunt wie die Welt. Sei es das exhibitionistische, das Schweizer oder das Rabaukenhuhn, alle leiden an der eigenen Beschränktheit, wo nicht wirklich, da an Selbstgemachtem, Selbsterdachtem. Von seiner sicheren Warte aus gewinnt der Leser von Huhn zu Huhn ausgesprochen fröhliche Erkenntnis. Am Beispiel des 130., des mittelalterlichen Huhns, die, dass der Teufel Sellerie stiehlt, und dass es selbst keine Seele hat. Für die Nummer 146, das letzte Huhn im Stall, schreibt Luigi Malerba gar ein geeignetes Ende für alle künftigen Hühnermärchen. "Und wenn sie immer einen Bogen um die Kochtöpfe gemacht haben, dann leben sie noch heute."
Ein Geschenk für Humorvolle
Zur nächsten Einladung zum Essen – vielleicht wird ja "Verstecktes Huhn im Möhrenbeet" oder "Betrunkenes Huhn" gereicht? – ist dieses Buch das Mitbringsel schlechthin. Ein Geschenk, das sowohl die Dame als auch den Herrn des Hauses aufs Beste unterhält, geht es darin doch um so herrlich Unverfängliches wie Hühner. Oder?
Luigi Malerba: Die nachdenklichen Hühner. Aus dem Italienischen von Elke Wehr und Iris Schnebel-Kaschnitz. Mit Zeichnungen von Matthias Koeppel. Verlag Klaus Wagenbach 1995. Fadengeheftet, 80 Seiten. Euro 13,90 (D). Euro 14,30 (A) . sFR 25,10.
