Geschichte auf dem freien Markt: verschiedene Perspektiven

Sensibles Thema? Schaeffler-Werke in Katscher - Grazyna Gintner
Sensibles Thema? Schaeffler-Werke in Katscher - Grazyna Gintner
Soll der Historiker alles offen legen, oder darauf verzichten, wenn die Betroffenen dies verlangen? Unterliegt die Geschichte auf dem Markt seinen Gesetzen?

Die Geschichte lässt sich aus verschiedenen Perspektiven erforschen. Dies demonstriert nicht zuletzt Gregor Schöllgen, Direktor des Zentrums für Angewandte Geschichte (ZAG), einer Einrichtung der Universität Erlangen-Nürnberg. Er durchleuchtet die Vergangenheit, wie er selbst zugibt, auf eine kommerzielle Art. Was soll man darunter verstehen? Dass er die Historie für den zahlenden Klienten zurechtschneidet und unangenehme Fakten einfach ignoriert?

Gewisse Aspekte nicht veröffentlichen

Zu den Auftraggebern vom ZAG gehören unter anderem Unternehmer mit großen Namen und entsprechend dicken Geldbörsen: wie Diehl, Brose, Schaeffler, Schöller oder Schickedanz. „Das ZAG kapitalisiert Geschichte“ kann man auf der Homepage des Zentrums lesen. „Wenn ein Kunde – zum Beispiel ein Familienunternehmen – gewisse Aspekte aus dem Innenleben der Eigentümerfamilie nicht veröffentlicht sehen will, akzeptieren wir das“, gestand Schöllgen in einem Interview.

Der Fall Schaeffler

Die Erfüllung derartigen Forderungen gelingt nicht immer, was der Fall Schaeffler beweist. 2004 bestellte Maria-Elisabeth Schaeffler, die auch Mitglied des Erlanger Universitätsrates ist, bei Gregor Schöllgen zum 40. Geburtstag ihres Sohnes die Familiengeschichte. Das fertige Werk fand in ihren Augen wenig Anerkennung und blieb unveröffentlicht. Vor allem durfte sich die Firmeneigentümerin über die Ausführungen betreffend Anfänge des Unternehmens ärgern: Wilhelm Schaeffler startete seine Karriere nicht nach dem Krieg, sondern übernahm schon 1940 eine ehemalige jüdische Fabrik und produzierte tüchtig für die Militär. Erst 2009 erschienen im Internet diverse Schriften darüber, die den Schaeffler-Konzern in Verbindung mit polnischen Zwangsarbeitern, darunter auch Kindern, und Verwertung der Menschenhaare aus dem KL Auschwitz brachten.

Ein kritischer Artikel über ZAG und die Antwort darauf

Die kritische Bewertung von Publikationen des ZAG, die die obigen Gegebenheiten anspricht, wurde in der „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte“ 1/2011 unter dem Titel „Angewandte Geschichte“ als Apologetik-Agentur? Wie Erlanger Forscher Unternehmensgeschichte „kapitalisieren“ veröffentlicht. Die Autorin Cornelia Rauh, eine Historikerin aus Hannover, beschäftigt sich darin ausführlich mit den Verquickungen von Schaeffler und Schickedanz mit den Nazis und mit den mangelnden Berücksichtigung dieser Tatsachen in den Schöllgens Werken. Schöllgen antwortet darauf auf der Homepage vom ZAG („Geschichte als Kapital“) mit einer langen Litanei der Erfolge seines Zentrums und einer Erklärung, dass die „Moderne Unternehmensgeschichte“ nur einen Teil seiner Arbeit ausmacht. Dann holt er zur Attacke aus: „Dass sich eine Historikerin mit sehr überschaubarem wissenschaftlichen Werk und ohne erkennbares mediales Profil am ZAG verheben muss, ist eine Sache, dass sie sich dabei äußerst fragwürdiger Mittel und Methoden bedient, ist eine andere“.

Kein Anspruch auf die Veröffentlichung

Schöllgen bestreitet, dass Familie Schaeffler die Biographie (Gregor Schöllgen, Schaeffler. Biographie einer Familie. 1865 - 2004) unter Verschluss hält. Außerdem bestehe kein „Anspruch der Öffentlichkeit auf die Ergebnisse privater Recherchen“. Folglich kritisierte er die „dubiosen Internetplattformen – die bevorzugten Quellen der Hannoveraner Historikerin (Cornelia Rauh, Anm. GG)“. Schöllgen beschuldigt Rauh, dass sie „besonders perfide“ behauptet, „polnische Historiker (haben, Anm. GG) schon früh eine direkte Verbindung zwischen dem Fund von menschlichem Haar auf einem Fabrikgelände in Katscher und der Wilhelm Schaeffler AG beziehungsweise der heutigen Schaeffler Gruppe gezogen“. Er berichtet über eigene Reise nach Auschwitz (wahrscheinlich 2004, Anm. GG), „um mit den Kollegen der Forschungsabteilung des Museums Auschwitz-Birkenau die dort befindlichen wie die von uns beigebrachten Dokumente zu sichten, zu vergleichen, auszuwerten“. Dabei stellte er fest, dass es keine Beweise über die Verwendung von Haaren bei Schaeffler-Werken gegeben habe.

Die Belege in den polnischen Archiven

Die wissenschaftlichen Belege existieren jedoch wirklich: In den „Heften von Auschwitz“ aus dem Jahr 2000 (Verlag Staatliches Auschwitz-Museum) schreibt Andrzej Strzelecki auf Seite 122 „Abnehmer der im KL Auschwitz gewonnenen Haare war der Industriebetrieb „Teppichfabrik G. Schoeffler AG (!), der sich verhältnismäßig nahe bei Auschwitz, in der Ortschaft Katscher (Kietrz), Region Oppeln, befand“. In der Fußnote erscheinen Informationen über die Quellen: unter anderem werden „Korrespondenz und Expertisen über die in Kietrz gesicherten Haare (…) in den Archivsammlungen der ehem. GKBZPNP – IPN (Hauptkommission zur Untersuchung der Verbrechen gegen das Polnische Volk – Institut des Nationalen Gedenkens) aufbewahrt“.

Umgang mit dem sensiblen Thema

Schöllgen wirft Cornelia Rauh „Versuch einer neuerlichen Rufschädigung eines integren Unternehmens“ vor. Mit derart sensiblem Thema solle man anders umgehen. Den Spielraum für diesen Umgang dürfe der Markt bestimmen: „Da es sich bei den meisten dieser Unternehmen um weltweit operierende Marktführer handelt, ist die Kenntnis der internationalen Beziehungen eine unverzichtbare Voraussetzung für die angemessene und kompetente Aufarbeitung ihrer Geschichte“, schreibt Schöllgen auf der ZAG-Homepage. Soll sich also die marktorientierte Geschichte statt auf das Erinnern auf das Vergessen konzentrieren, weil die historischen Fakten vielleicht den Geschäften schaden könnte?

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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