
- perspektivische Darstellung - Christine Rödel
Maler und Künstler waren selbst mit der Suche nach Hilfsmitteln beschäftigt, um den Objekten ihrer Begierde Raum zu geben und der Wahrnehmung ihrer perspektivischen Verzerrungen entsprechend, darzustellen.
Visiergerät ähnelt dem heutigen Hilfsmitteln zur Landvermessung
Zu einem der hilfreichen Mitteln, um in der Malerei räumlich darzustellen, war eine Erfindung einer mit Pergament überzogenen Glasscheibe, auf der die Umrisse eines Gegenstandes festgehalten wurden. Beim Betrachten des Objektes blieb ein Auge geschlossen. Nach dieser Methode arbeiteten Leon Battista Alberti, Leonardo da Vinci und auch Albrecht Dürer. In einem von Dürers Holzschnitten ist ein Zeichentisch mit höhenverstellbarem Visiergerät zu sehen. Es ist den heutigen Landvermessungsgeräten vergleichbar.
Alberti, Dürer und auch da Vinci entwarfen unabhängig voneinander vergleichbare Geräte zur perspektivischen Darstellung, den Netzrahmen. In einen Holzrahmen waren schwarze Fäden zu einem Netz gespannt. In einer festgelegten Entfernung und doppelter Höhe des Rahmens befinden sich vor dem Netz ein Visiergerät. Der Zeichner blickt durch das Okular und überträgt die Umrisse des Modells auf die ebenfalls in Quadrate eingeteilte Zeichenfläche. Hierbei gilt, dass je dichter das Netz vor dem Modell steht, um so stärker dessen Verkürzung ist.
Albrecht Dürers Hilfsmittel zur perspektivischen Darstellung
Dürer erfand ein Hilfsgerät zur perspektivischen Darstellung, für das kein Visiergerät mehr erforderlich war. Er befestigte einen Nagel in der Höhe des Blickpunktes in der Wand und führte von da aus eine Schnur durch einen Rahmen. Dieser mündete in einem Zeigestab, mit dem er die Stelle markieren konnte, auf der das Auge gerichtet ist.
Der Rahmen entspricht der Bildebene. Ein horizontaler und vertikaler Faden wird jeweils an die Stelle versetzt, deren Punkt des Objektes auf die Malfläche übertragen werden soll. Der Kreuzpunkt beider Fäden wird anschließend auf die Malfläche übertragen. Die mit Scharnier an dem Rahmen befestigte Malplatte wird umgeschwenkt, nachdem der Faden mit Zeigestab entfernt wurde. Der Kreuzpunkt beider Fäden kann nun auf das Papier übertragen werden. Mit den zahlreichen Wiederholungen ergibt sich mühevoll ein maßstabsgetreuer Übertrag auf das im Papier festgelegte Raster.
Linsen, Spiegel und Camera Obscura gewinnen an Bedeutung
Mit der Erfindung des Visiergerätes von Jacob de Keysers wurden Schwachpunkte des bisherigen Gerätes korrigiert.
Die Camera Obscura, auch das künstliche Auge genannt, wurde von Johannes Keppler erfunden. Ursprünglich war es ein dunkler Raum, beziehungsweise ein Kasten mit einem Loch auf einer Seite, durch das die Lichtstrahlen eindrangen. Mit dem Zusammentreffen kreuzten sie sich und breiteten sich fächerförmig zu einem verkleinerten, auf dem Kopf stehenden Bild auf einer Projektionsfläche aus. Durch einen Spiegel ließ sich das Bild korrigieren und von der Projektionsfläche abgemalt werden. Später wurden Spiegel, Prismen und Linsen eingebaut, so dass das gebündelte Licht schärfer wurde und die Bilder auch nicht mehr auf den Kopf standen. Um 1700 war das Format der Camera Obscura auf eine tragbare Größe geschrumpft und bei Amateurmalern äußerst beliebt.
Erfinder von optischen Geräten zur Bildübertragung
Im 18. Jahrhundert wird das Zograskop entwickelt. Mit ihm ist es möglich, mit einem schräg angebrachten Spiegel das Objekt durch ein Vergrößerungsglas zu reflektieren und gewinnt so an dreidimensionaler Wirkung. Das Claude-Lorrain-Glas, ein nach außen gewölbter Konvexspiegel, reflektiert die Landschaft in einer reduzierten Farbskala.
Um 1756 entwarf James Watt eine mechanische Apparatur, ein leicht zu bedienendes Perspektivegerät. Das Okular kann der Zeichner mit einem Hebel führen und folgt so der Kontur des Gegenstandes. Ein Stift überträgt die geführte Linie auf das Zeichenpapier. Der Ingenieur John Farey entwarf um 1810 den ersten englischen Ellipsographen. Vier Jahre vorher, 1806, ließ W. H. Wollastons seine von ihm entworfene Camera Lucida patentieren. Bei ihr blickt der Zeichner mit einem geschlossenen Auge durch ein vierseitiges Prisma nach unten. Er sieht den Gegenstand vor dem Gerät als auch das dreidimensional projizierte Bild. Das 1809 von Valey erfundene Valeysche Graphische Teleskop ähnelt dem gewöhnlichen Teleskop. Es ist eine Kombination aus mehreren Linsen und Spiegeln.
Das 1830 entwickelte Charles Wheatstones Stereoskop basiert auf der von Leonardo da Vinci bekräftigten Tatsache, dass jedes Auge einen anderen Blickwinkel wahrnimmt und zwei nicht identische Bilder miteinander verschmolzen werden, was die Grundlage der Tiefenwirkung ist.
Historische Literatur über die perspektivische Darstellungen
Der Grieche Euklid aus Alexandria überlieferte zahlreiche Schriften zur Mathematik und Geometrie. Um 300 vor Christus schrieb er eine Anzahl von Büchern. Es sind die Bestseller aller Zeiten. Bereits nach 1.000 Jahren übersetzte man sein Werk „Elemente“ ins Arabische. Arabische Universitäten lehrten nach diesen Erkenntnissen. Noch bis vor 50 Jahren übersetzte man seine Werke in die modernsten Sprachen. Auch heute, nach über 2.300 Jahren, haben die Werke Euklids trotz des Wissens, dass einige seiner Erkenntnisse nach heutigem wissenschaftlichen Stand nur bedingt noch Gültigkeit haben, Bestand.
Zahlreiche Bücher über Perspektive, Geometrie und Optik befinden sich auch im Alcazar von Madrid. Mit ihnen befasste sich der Maler Diego Velazquez. Er bediente sich für seine illusionistische Darstellung an den veröffentlichten Schriften von Cespedes, Euklid, Daniele Barbaros, Niccoolo Tartaglias, Albrecht Dürer, Giacomos Barozzi, Sebastiano Serlios, Vitruv und vielen mehr.
Quelle: Geschichte der Malerei, Wendy Beckett, DUMONT Verlag, 1995
