
- Cover Reinke, Geschichte der Juden - WBG
In der WBG- Reihe „Geschichte kompakt“ ist eine Überblicksdarstellung zur deutsch- jüdischen Geschichte von Andreas Reinke erschienen. Sie widmet sich der Zeitspanne zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der NS- Machtergreifung.
Judenemanzipation
Reinkes Buch setzt mit den ersten Bemühungen um die Judenemanzipation ein. Im Jahr 1781 erschien die Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ des preußischen Beamten Christian Wilhelm Dohm, die in der Folgezeit die Debatte über die Stellung der Juden in Staat und Gesellschaft nachhaltig prägte. Dohm plädierte für die rechtliche Gleichstellung, die aber nur unter der Bedingung möglichst weitgehender Assimilation zu gewähren sei. Dieser Prozess sollte durch eine staatliche Erziehungspolitik befördert werden. Der eigentlich aus dem Geiste der Aufklärung entstandene „Tauschhandel“ Emanzipation gegen Assimilation ermöglichte es den Regierungen, die Judenemanzipation immer wieder hinaus zu zögern. So wurde sie nach vielen Fort- und Rückschritten erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 abgeschlossen.
Pluralisierung des religiösen Lebens
Seit der Zeit der Aufklärung verstärkte sich das Bemühen der deutschen Juden um Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft. Neben der Erlangung weltlicher Bildung stand dabei die Ausdifferenzierung des religiösen Lebens im Spannungsfeld von Tradition und Reform im Mittelpunkt. Das führte zur Konfessionalisierung des Judentums in Reformjudentum, Liberale und Neoorthodoxie; Strömungen, die sich im Wesentlichen in der Frage unterschieden, wie weit man die Religionsausübung der christlichen Mehrheitsgesellschaft anpassen solle. Obwohl das Austrittsgesetz von 1876 in einzelnen Städten zur Abspaltung orthodoxer Gemeinden führte, blieben die verschiedenen religiösen Richtungen in der Regel unter dem Dach der Einheitsgemeinde.
Verbürgerlichung
Zur jüdischen Selbstemanzipation trug, neben den religiösen Reformen, vor allem die fortschreitende Verbürgerlichung der Juden bei. Der bis 1871 uneinheitlichen Rechtslage zum Trotz setzte dieser Prozess bereits vor der Reichsgründung ein. Eingangs des 19. Jahrhunderts waren die deutschen Juden noch eine diskriminierte Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihre Erfahrung in Handel und Geldwirtschaft, Aufstiegsorientierung über Bildung und Ausbildung sowie geographische Mobilität ermöglichten ihnen binnen zwei Generationen einen rasanten sozialen Aufstieg. Mit Blick auf Einkommen, Landjudentum und ostjüdische Zuwanderer weist Reinke aber auch auf Grenzen der Verbürgerlichung hin. Außerdem wurde der wirtschaftliche Erfolg nicht in gleichem Maße von einer gesellschaftlichen Integration begleitet. Das zeigte sich besonders deutlich an der Entstehung und Ausbreitung des modernen Antisemitismus, der vor allem in Krisenzeiten Erfolge erzielte.
Daher kam es zu keinem vollständigen Aufgehen der Juden in der Mehrheitsgesellschaft, sondern vielmehr zu einer neuen jüdischen Selbstdefinition. Mit Shulamit Volkov vertritt Reinke die These, dass sich die Juden mit der Zeit nicht mehr vorrangig als Religionsgemeinschaft, sondern als ethnische Gruppe begriffen, die sich über Herkunft, Kultur und weitgehende Endogamie vergemeinschaftete.
Sozial- und Berufsstruktur
Auch in sozialgeschichtlicher Hinsicht gelingt es Reinke, die bleibende ethnische Gruppenidentität der jüdischen Minderheit klar herauszustellen. Die Sozial- und Berufsstruktur der Juden lässt nicht auf eine Angleichung an die Mehrheitsgesellschaft, sondern ans Bürgertum schließen. Die „Produktivierung“ der jüdischen Berufsstruktur, d.h. die Umlenkung von Handel und Geldwirtschaft auf Landwirtschaft und Handwerk, war unter den Bedingungen der einsetzenden Industrialisierung ein unrealistisches Projekt. Allenfalls lässt sich einhergehend mit der Bildungsexpansion ein Trend zu den Freien Berufen beobachten. Ansonsten blieb die Sozial- und Berufsstruktur der Juden bis ins 20. Jahrhundert weitgehend unverändert. Versteht man Assimilation als Angleichung an die Mehrheitsgesellschaft, so beschreibt dieser Begriff die Entwicklung der jüdischen Minderheit weit weniger genau als die in der neueren Forschung favorisierten Begriffe Akkulturation und Verbürgerlichung.
Blüte und Krise in der Weimarer Republik
Die Revolution von 1918 und die Weimarer Reichsverfassung beseitigten die letzten Barrieren, was den gleichberechtigten Zugang von Juden zu Positionen im Staatsdienst anbelangt. So erlebte die Teilhabe der Juden am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben Deutschlands nochmals eine Blütezeit. Doch es handelte sich um eine stets bedrohte Blüte. Aufgrund niedriger Geburtenzahlen und zunehmender Mischehen bildeten die Juden eine auch in absoluten Zahlen schrumpfende Minderheit. In den zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Krisen der jungen Republik radikalisierte sich der Antisemitismus und erreichte in Form der nationalsozialistischen Bewegung ein ernstzunehmendes Bedrohungspotential. Der Autor verdeutlicht, dass das Schicksal der Juden vom Überleben der schwachen Republik abhing. Ihr Untergang in der NS- Machtergreifung 1933 leitete den Anfang vom Ende der deutsch- jüdischen Geschichte ein.
Reinke übersieht hier allerdings, dass die prekäre Situation der Juden in der Weimarer Republik aber auch auf einen Nebeneffekt der Demokratisierung zurück zu führen ist. Im Kaiserreich hatte das Dreiklassenwahlrecht auf Kommunalebene für eine überproportionale politische Repräsentanz jüdischer Honoratioren gesorgt, denen es gelang, die liberale politische Kultur vieler Städte mit zu prägen. Die Aufhebung des Dreiklassenwahlrechts machte die Juden nunmehr zu einer numerisch unbedeutenden Minderheit, auf die keine politische Rücksicht mehr genommen werden musste.
Fazit
Andreas Reinkes Überblick über die deutsch- jüdische Geschichte zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ist sorgfältig recherchiert und flüssig geschrieben. Zahlreiche Quellen, Statistiken und Begriffsdefinitionen bieten zusätzliche Inforationen an. Ein Themenfeld ist allerdings unterrepräsentiert: Mit Ausnahme der Jüdischen Renaissance in der Weimarer Republik widmet sich das Buch kaum dem Bereich der Kultur. Die ausgeprägte Rolle der Juden in der deutschen Kultur wird zwar erwähnt, aber weder erläutert noch problematisiert.
