Geschichte des organisatorischen Rahmens der Atomindustrie

fractal atom - © Sven Fauth
fractal atom - © Sven Fauth
Ein kurzer Überblick in die Anfänge der deutschen Atompolitik anläßlich der geplanten Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke.

Die Schaffung eines organisatorischen Rahmens für die deutsche Atomindustrie war in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ein großes Anliegen der damaligen Bundesregierung.

1954: Die Physikalische Studiengesellschaft (PhSt GmbH) wird gegründet

Am 08. November 1954 wurde die Physikalische Studiengesellschaft auf Initiative der deutschen Industrie (unter anderem Hoechst, Bayer, AEG, Siemens, Krupp) gegründet. Die Aufgaben der Physikalischen Studiengesellschaft bestanden in der finanziellen und personellen Unterstützung der Göttinger Reaktorgruppe (Max Planck Institut), der Gründung eines bundesdeutschen Kernforschungszentrums, sowie der staatlichen Förderung im Bereich Reaktortechnik.

1955: Das Bundesministerium für Atomfragen (BMAt) wird gegründet

Die Ratifizierung der Pariser Verträge im Jahre 1955 gestatten es der Bundesrepublik Deutschland nun auch offiziell, mit der "friedlichen Atomforschung- und technik" zu beginnen. Am 6. Oktober 1955 wurde die Errichtung eines Bundesministeriums für Atomfragen vom Bundeskabinett beschlossen, die Initiative ging dabei von der PhSt GmbH aus (ab 1962: Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung (BMwF), ab 1972: Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT), seit 1986: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)).

Aufgaben des Bundesministeriums für Atomfragen

Die Physikalische Studiengesellschaft wollte einen Verhandlungspartner im Kabinettsrang haben, der Vorschläge und Anregungen mit Nachdruck vertreten und durchsetzen konnte. Das Bundesministerium für Atomfragen konnte aber aufgrund der geringen personellen Besetzung keine Kontroll- oder Steuerungsfunktion ausüben. Die Aufgaben bestanden hauptsächlich in der Schaffung der gesetzlichen Grundlagen der Kernenergieentwicklung, der Bereitstellung von Haushaltsmitteln. Alles übrige, insbesondere die konzeptionellen Kompetenzen, sollte in den Aufgabenbereich der Privatwirtschaft fallen.

Die beiden Hauptziele des Bundesministeriums für Atomfragen

Das Bundesministerium für Atomfragen verfolgte insbesondere die beiden folgenden Ziele: Erstens die Schaffung der Voraussetzungen, sowie Durchsetzung von unterstützenden Maßnahmen, um den zehn bis 15-jährigen Rückstand der Bundesrepublik auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Atomenergie aufzuholen. Zweitens den Aufbau einer deutschen Atomwirtschaft voranzutreiben, die im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig ist.

Franz Josef Strauß - Der erste Bundesminister für Atomfragen

Franz Josef Strauß wurde am 20. Oktober 1955 der erste Bundesminister für Atomfragen und stellte die These auf, dass nur diejenigen Staaten, die Atomkraftwerke bauen und liefern können, die "sich in der vordersten Reihe der Industrienationen behaupten" (Wolf, 1985) würden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundesministerium für Atomfragen wird Strauß 1956 zum Verteidigungsminister ernannt. Der Nachfolger von Strauß wird Siegfried Balke - ehemaliger IG-Farben-Direktor der Wacker-Chemie.

1956: Die Deutsche Atomkommission (DAtK) wird gegründet

Die Deutsche Atomkommission (DAtK) wurde am 26. Januar 1956 als das offizielle Beratungsorgan des Bundesministeriums für Atomfragen gegründet. Strauß verkündete bereits kurz nach Amtsantritt, dass in der Atomkommission alles vertreten sein solle, was Rang und Namen hat. Die gesamte Atomplanung sollte dabei der Atomkommission zur Beratung unterbreitet werden.

In der Deutschen Atomkommission waren an der Stromerzeugung und dem Aufbau der Atomindustrie interessierten Wirtschaftskreise sowie Vertreter aus Wissenschaft und Staatsadministration versammelt. Die Mitgliederliste liest sich wie ein „Who is Who“ der deutschen Wissenschaft und Wirtschaft: Wissenschaftliche Koryphäen wie Prof. Dr. Otto Hahn, Prof. Dr. Werner Heisenberg, Vertreter der Wirtschaft Prof. Dr. Karl Winnacker (Vorstandsvorsitzender der Farbwerke Hoechst) und Franz Josef Strauß in der Rolle des Vorsitzenden, sowie Vertreter der Deutschen Bank, AEG, HEW, ESSO, Bayer, Siemens und RWE waren vertreten.

Von den insgesamt 27 Mitgliedern waren 15 Wirtschaftsvertreter, acht Wissenschaftler und je zwei Staats- und Gewerkschaftsvertreter. Die im Aufsichtsrat der Physikalische Studiengesellschaft vertretenen Großkonzerne und die Deutsche Bank waren somit ebenfalls in der Deutschen Atomkommission vertreten und sicherten der Industrie den entscheidenden Einfluß.

Die ersten Atomprogramme waren inhaltlich von der Deutschen Atomkommission beziehungsweise ihren Gremien ausgearbeitet und von der Regierung und der Ministerialbürokratie nahezu unverändert übernommen worden.

1959: Das Deutsche Atomforum (DAtF) wird gegründet

Am 26. Mai 1959 schlossen sich einige der im Anschluß an die Genfer Atomkonferenz gegründeten Organisationen zusammen. So formierten sich die Physikalische Studiengesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft für Kerntechnik (AfK), die Deutsche Gesellschaft für Stromenergie e.V., sowie Atom für den Frieden e.V. zum Deutschen Atomforum (DAtF).

Als Ursachen für den Zusammenschluß lassen sich zum einen die Notwendigkeit des gemeinsamen und koordinierten Einsatzes für die Kernenergieentwicklung und deren staatlicher Förderung anführen, insbesondere aufgrund der überwiegend ablehnenden Haltung der Bevölkerung. Zum anderen bestand ein gewisser Zweifel an der Notwendigkeit der Kernenergie aufgrund der Absatzkrise des Bergbaus, sowie des Vordringens von Erdöl und Erdgas.

Literatur

  • Wolf, Heinz Georg: „Der Schrott von Morgen Zum Stand der Atomwirtschaft in der BRD“, München, 1985
  • Bufe, Helga und Grumbach, Jürgen: „Staat und Atomindustrie Kernenergiepolitik in der BRD“, Köln, Pahl-Rugenstein, 1979
Sven Fauth, © Sven Fauth

Sven Fauth - Studium der Volkswirtschaftslehre in KonstanzStudium der Landschaftsplanung in BerlinAls selbständiger Künstler erstelle ich ...

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