In der wechselvollen Geschichte der Normandie als Spielball und Machtfaktor zwischen den Königen von Frankreich und England kommt der kleinen, unweit der Atlantikküste gelegenen Stadt Bayeux eine besondere Bedeutung zu. Sie bewahrt eines der außergewöhnlichsten Kunstwerke des Mittelalters, den „Wandteppich von Bayeux“.
Wilhelm, Herzog der Normandie
Als Wilhelm, Sohn Herzog Roberts I., trotz seiner illegitimen Abstammung 1035 Herzog der Normandie wird, haben die Normannen bereits seit mehr als 100 Jahren das Gebiet an der unteren Seine als Lehen des Königs von Frankreich inne. Unter Wilhelm, der später „der Eroberer“ genannt wird, und seiner Gemahlin Mathilde blühte die Normandie auf und wurde sowohl auf politischem als auch auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zu einer der einflussreichsten Regionen in Frankreich. Eine solche Dominanz war kaum im Sinne des französischen Königs, der in einem erstarkten Vasallen in erster Linie einen Rivalen und potentiellen Konkurrenten um den Thron sah.
Doch Wilhelm sollte eine „Karriere“ ganz anderer Art bevorstehen. Über seinen Großvater, dessen Schwester mit dem Vater des derzeitigen englischen Königs Eduard verheiratet war, ist Wilhelm mit dem englischen Königshaus verwandt. Eduard, der lange Zeit in der Normandie gelebt hat, schätzte Wilhelm offenbar so sehr, dass er, der kinderlos geblieben war, ihn zu seinem Nachfolger designierte.
Der Wandteppich von Bayeux
Mit diesem Ereignis setzt der Wandteppich von Bayeux ein. Als eine Art historisches Bilderbuch in 58 Szenen stellt er die Geschichte der Eroberung Englands durch den Normannenherzog dar. Dieses einzigartige Dokument hat bis auf wenige Szenen am Schluss, die wohl verloren gegangen sind, die rund 950 Jahre seit seiner Entstehung weitgehend unbeschadet überstanden.
Auf neun zusammengenähten Leinwandstücken mit einer Länge von 70 m und einer Höhe von 0,50 m entstand in etwa 10 Jahren zwischen 1066 und 1077 eine Stickerei mit farbiger Wolle, die in ihrem mittleren Teil die Vorgeschichte der Eroberung Englands bis zur Schlacht von Hastings darstellt. Personen, Pferde, Gebäude, Schiffe und Fabeltiere schmücken das historische Kunstwerk, das oben und unten von illustrierten Bordüren gesäumt ist, auf denen kämpfende Tiere und Feuer speiende Drachen zu sehen sind. Kurze, in lateinischer Sprache verfasste Sätze kommentieren dem Gebildeten das Geschehen der einzelnen Szenen.
Inhalt und Intention der Tapisserie
Es gilt als nahezu sicher, dass der Auftrag zur Herstellung des Wandteppichs von Wilhelms Halbbruder Odon, dem Bischof von Bayeux gegeben wurde, der anlässlich der Weihe der Kathedrale von Bayeux 1077 den Behang zum ersten Mal ausstellen ließ. Mit Szene 35 beginnt die Erzählung der Heldentaten Wilhelms, die letztlich zu seiner Krönung zum König von England führen. Interessanterweise ist die Vorgeschichte, die auf dieses Ereignis zuläuft, aber nicht nur als eine Abfolge kriegsvorbereitender Handlungen zu verstehen. Sie erhält vielmehr eine moralische Überhöhung in Gestalt eines berechtigten Vorwandes für den Eroberungsfeldzug.
Thronfolgestreit und Kampfvorbereitungen
Kurz vor seinem Tod schickt Eduard ausgerechnet seinen Schwager Harold Godwinson, der sich ebenfalls Hoffnungen auf den Thron macht, zu Wilhelm, um ihm die Mitteilung zu überbringen, dass er ihn zu seinem Nachfolger ausersehen habe. Mit dieser Szene – Eduard und Harold im Palast des Königs – beginnt die Geschichte des Wandteppichs. Harold gehorcht dem Befehl und trifft nach einem Schiffbruch, durch den er in Gefangenschaft gerät, aus der er von Wilhelm durch Lösegeldzahlung befreit wird, schließlich in der Residenz Wilhelms ein.
Immerhin 14 Szenen sind zu betrachten, ehe Wilhelm und Harold zusammentreffen. Ob Harold seinen Auftrag erfüllt und ihm von Eduards Wunsch berichtet, wird nicht erwähnt. Doch in Szene 23 leistet Harold dem Herzog einen heiligen Eid, in dem er sich verpflichtet haben soll, Wilhelm als rechtmäßigen Nachfolger Eduards anzuerkennen. An diesen Eid hält sich Harold nicht. Kaum nach England zurückgekehrt, nimmt er kurz nach Eduards Tod die ihm angebotene Krone an und gibt damit Wilhelm einen moralisch gerechtfertigten Anlass, zur Eroberung der ihm zustehenden Krone aufzubrechen.
Die Schlacht von Hastings
Nach wochenlangem Warten auf günstige Winde überquert die normannische Flotte im September 1066 den Ärmelkanal. Aufwendig werden die mit Kriegern und Pferden beladenen Schiffe im Wandteppich von Bayeux dargestellt. Etwa 400 Schiffe mit 8.000 bis 10.000 Mann sind vermutlich am 28. September in Sussex gelandet. Während der Bildteppich sich nun der Schlacht von Hastings zuwendet, berichten die Chroniken der Normandie, Wilhelm habe sich noch einmal an Harold gewandt und ihn an seinen Eid erinnert, um einen blutigen Zusammenstoß zu vermeiden. Als Harold darauf nicht eingeht, kommt es zum Kampf mit vielen Toten auf beiden Seiten. Stürzende Pferde, abgeschlagene Köpfe und verstümmelte Leichen dominieren in den nächsten Szenen. Als Harold von einem Pfeil getroffen wird und stirbt, ergreifen die Engländer die Flucht.
Die Normandie zwischen Frankreich und England
Hiermit endet der Bericht des Wandteppichs. Die letzten Szenen, die vermutlich bis zur Krönung Wilhelms am 1. Weihnachtstag 1066 in Westminster reichten, sind nicht erhalten. Wilhelm, Herzog der Normandie, war nunmehr auch König von England. In dieser Personalunion sah der französische König erst recht eine Bedrohung seiner Stellung. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde einem Ur-Urenkel Wilhelms, König Johann Ohneland, das französische Lehen vom König von Frankreich aberkannt. Im Hundertjährigen Krieg erlangten die Engländer noch einmal die Oberhoheit über die Normandie, bis 1450 die französische Rückeroberung endgültig abgeschlossen war.
Würdigung eines mittelalterlichen Bilddenkmals
Von dem französischen Dichter Théophile Gautier (1811-1872) ist die Äußerung überliefert „Wie seltsam, dass uns dieser feine Leinwandstreifen durch Jahrhunderte, Revolutionen und Umschwünge aller Art unversehrt erreicht hat, während so viele feste Gebäude eingestürzt sind!“ Im Jahre 2007 wurde der Wandteppich von Bayeux wegen der Fülle seiner detaillierten Einzeldarstellungen und aufgrund seiner handwerklichen Qualität als eines der bemerkenswertesten Bilddenkmäler des Mittelalters von der UNESCO in die Liste als Weltdokumentenerbe aufgenommen.
Literatur:
- S. Bertrand, S. Lemagnen, Der Wandteppich von Bayeux, Rennes 1996
- Frankreich erleben, Nr. 16, Juli/August 2008 (Die Normandie unter Wilhelm dem Eroberer, S. 36-43)
