Geschichte Preußens im Überblick

Cover Wienfort, Geschichte Preussens - Beck
Cover Wienfort, Geschichte Preussens - Beck
Rezension zu Monika Wienfort, Geschichte Preussens, München: Beck 2008. ISBN 9783406562563

Preußen hat keine Geschichte – es ist Geschichte, mit einem relativ eindeutig zu bestimmendem Anfang und Ende: 1701 wurde aus dem Kurfürstentum Brandenburg das Königreich Preußen. 1947 lösten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs Preußen auf. Trotz dieser vermeintlich klaren Datierung, ist ein Buch zu diesem Thema, das sich auf 120 Seiten beschränken muss, ein Wagnis. Erstens hat Preußen eine Vorgeschichte, die von der Ostkolonisation im 12. Jahrhundert, über den Ordensstaat bis zum Herzogtum reicht. Zweitens hat es, trotz des unwiderruflichen Endes seiner staatlichen Existenz, eine bis in die Gegenwart reichende Nachgeschichte, zumindest in kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht. Drittens hat kaum ein staatliches Gebilde so widersprüchliche Einschätzungen von Zeitgenossen und Historikern gleichermaßen herausgefordert wie Preußen.

Zwischen Absolutismus und Aufklärung

Seinen Eintritt in die Riege der europäischen Großmächte erkämpfte sich Preußen im Siebenjährigen Krieg (1756- 63). Dieser Erfolg ging zu Lasten des Alten Reiches, das nun vom preußisch- österreichischen Dualismus paralysiert wurde. Zwar entwickelte sich Preußen im 18. Jahrhundert geradezu zum Idealtyp des absolutistischen Militärstaats, jedoch widersprach dies nicht einer aus Pragmatismus gespeisten innenpolitischen Liberalität. Hierfür standen religiöse Toleranz, Berlin und Königsberg als Zentren der Aufklärung, die frühe Einführung der Schulpflicht und die europaweit führenden Hochschulen. Die reformbürokratische Elite des Landes durfte allerdings erst unter dem Eindruck der Niederlage gegen Napoleon von 1806 mehr tun als „raisonnieren“. Die Stein- Hardenbergsche Reformen sicherten das wirtschaftliche und gesellschaftliche Überleben Preußens und bereiteten es, aus der Retrospektive betrachtet, auf die Industrialisierung vor. Wienfort zeigt jedoch auch die Grenzen dieser Reformpolitik auf, die für viele ehemalige Leibeigene und Kleinbauern keine Verbesserung ihrer sozialen und materiellen Lage bewirkte. Außerdem etablierte sich eine Modernisierung der zwei Geschwindigkeiten zwischen Stadt und Land sowie zwischen West- und Ostelbien, was sich bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht änderte. Politisch war Preußen ohnehin auf Restaurationskurs, wie die Heilige Allianz und die Beschlüsse des Wiener Kongresses zeigten.

Zwischen Revolution und Reaktion

Nach der 1848er Revolution galt Preußen als ein Hort der Reaktion, obwohl die oktroyierte Verfassung von 1850 nicht weniger konservativ oder liberal war als diejenigen der anderen Mitglieder des Deutschen Bundes. Die heftigen Verfassungskonflikte zwischen der liberalen Abgeordnetenhausmehrheit und Reichskanzler Bismarck erwiesen sich allerdings als eine Episode. Die Kluft zwischen national- liberalem Bürgertum und preußischem Obrigkeitsstaat verschwand, als sich Preußen in den Einigungskriegen (1863, 1866, 1870/71) an die Spitze der bürgerlichen Nationalbewegung stellte. Über das neue Deutsche Reich spottete der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt, seine Geschichte werde nun „siegsdeutsch“, d.h. preußisch, umgeschrieben. In der Tat war das Reich in verfassungsrechtlicher und territorialer Hinsicht eine Art Großpreußen. Doch spätestens zur wilhelminischen Zeit erhoben Nationalismus und Imperialismus die deutsche Nation zur überlegenen Loyalitätsinstanz, hinter die Preußen immer mehr zurück trat. Mit der Revolution von 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Abdankung Kaiser Wilhelms II. war nicht nur Preußens Machtanspruch in Europa, sondern auch in Deutschland beendet. Eine gewisse Bedeutung erlangte Preußen nochmals als Hort der Stabilität in Weimarer Republik. So kann bereits der „Preußenschlag“ 1932, d.h. die Absetzung der demokratisch legitimierten Landesregierung, als Auftakt zur nationalsozialistischen Machtergreifung begriffen werden. Die Rolle Preußens im Dritten Reich wie auch seine Mitwirkung bei dessen geistiger Vorbereitung ist von den Alliierten überschätzt worden. Die „Verdeutschung“ Preußens hatte sich als mindestens ebenso schädlich erwiesen wie die „Verpreußung“ Deutschlands. Zweifelsohne hat Preußen auch nach seiner Auflösung Spuren im historischen und kulturellen Gedächtnis hinterlassen. Mit Wienfort von einer „Gegenwart Preußens“ (S. 115) zu sprechen, erscheint aber übertrieben.

Fazit

Sebastian Haffner proklamierte einst, über „Preußen ohne Legende“ schreiben zu wollen. Wienforts Buch dürfte diesem Anspruch gerechter geworden sein als Haffner selbst, indem es sich mit einem groben Gerüst preußischer Geschichte zufrieden gibt und Bewertungen weitgehend meidet. Die Darstellung, gerade weil sie sich nicht auf Politik- und Ereignisgeschichte beschränken will, kann viele Themen ohnehin nur anschneiden. Eine Auseinandersetzung mit Forschungskontroversen unterbleibt. Die komplexe territoriale Entwicklung Preußens kann man an Hand der beiden Karten, die den Stand von 1648 und 1866 wiedergeben, nicht verfolgen. Auch die Zeittafel bietet nur wenige wichtige ereignisgeschichtliche Daten. Wienforts Geschichte Preußens eignet sich als eine erste Annäherung ans Thema. Voluminöse Standardwerke, so von Christopher Clark, kann sie nicht ersetzen.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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