Das Inhaltsverzeichnis dieses Grund legenden und lesenswerten Schreibratgebers liest sich ebenso unterhaltsam und Appetit machend wie das vieler englischsprachiger Kolleginnen und Kollegen. Der Text selbst jedoch wirkt mitunter etwas zäh. Doch die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat viel zu sagen.

Knauss zeigt in 4 Kapiteln und Exkursen, wie Roman- und Drehbuchschreiben funktioniert

Es gibt vier Kapitel und vier dazu gehörige Exkurse:

  1. Schillers Äpfel und: "Madame Bovary c'est moi" oder --- wie ein Autor in einem Text verschwinden und wieder auftauchen kann
  2. Blaubarts Zimmer und "Verzeith mir, wenn ihr könnt" oder --- der Schauplatz als Element der Handlung und über die peinliche Role des Modells in der narrativen Kunst
  3. Pinocchios Nase und "Hinweg! rief die Marquise" oder --- wie ein Charakter entsteht und über die Tücken des Dialoges
  4. Cosimos Rache und "Meet Mrs. Bundren" oder --- die Sache mit dem Plot und über die Äasthetik der Handlung

Trotz wissenschaftlichen Anspruchs mit leichter Hand unterhaltsam geschrieben?

Viele Schreibratgeber auf dem deutschen Buchmarkt sind Übersetzungen aus dem Englischen. Sibylle Knauss, studierte Germanistin und Theologin, geboren 1944 im Ruhrgebiet, ist Deutsche. Sie unterrichtet in Baden-Württemberg und schreibt, so das Urteil des "Spiegel", als souveräne Erzählerin einen eleganten und einfachen Stil. Zudem schreibe sie, so die Saarbrücker Zeitung, "mit leichter Hand". Ob das für den vorliegenden Ratgeber stimmt, darüber ließe sich streiten.

Der Schreibstil des von Knauss gründlich geschriebenen Buches wirkt wissenschaftlicher als der manch anderer Verfasser von Schreibratgebern. Darunter können, je nach Vorbildung, Lesbarkeit und Lesevergnügen leiden. Nicht akdaemisch vorgebildete Leser sollten ein Fremdwörterlexikon in Reichweite haben. Manches hätte Knauss einfacher, volkstümlicher sagen können. Soll es doch Erfolg versprechende Autoren geben, die sich gern einer einfachen Sprache bedienen. Manche Sätze müssten sie womöglich zwei- oder dreimal lesen, bevor sie sie verstehen.

Film- und Buchautoren lernen, ihre Visionen in Worte und Bilder umzusetzen

Die gute Nachricht aus Autorinnensicht: "Film- und Buchautoren können Prozesse der leidenschaftlichen Teilhabe an fiktiven Welten und fiktiven Personen (und damit ihren eigenen Visionen) in Gang setzen, wenn sie die Grundvoraussetzung der Narrativik kennen. - Von ihnen handelt dieses Buch." Das schreibt die Autorin im dreiseitigen Vorwort. Einfacher ausgedrückt: Wer Romane und Drehbücher schreiben will, muss wissen, wie man Geschichten gut erzählt.

Im Haupttext wird der Stil flüssiger, leichter verständlich. Wer sich die Mühe macht, die vier Kapitel gründlich zu lesen, wird viele kluge Gedanken und Vorschläge finden, die zum Nach- und Weiterdenken auffordern. Knauss bleibt im Hauptteil sozusagen auf dem Teppich. So schlägt sie vor, allen falschen Stolz über Bord zu werfen und ganz pragmatisch zu sein. "Wer kaufen will und verkaufen will, soll auf den Markt gehen." Wie wahr, denn mitten auf dem Marktplatz, da tobt bekanntlich das Leben. Und wo gelebt wird, da lassen sich kleine Geschichten und große Stoffe finden.

In Todesanzeigen der Tageszeitungen nach überzeugenden Romanstoffen suchen

Sehr interessante Begebenheiten finden sich oft in der Tageszeitung. Nicht nur die Todesanzeigen - die Knauss auch selbst gern als Stoffquelle betrachtet - bieten unzählige Geschichten. Man kann Figuren entdecken oder Vorbilder, aus denen sich Figuren entwickeln lassen. Auch wenn, so Knauss, das "Paradox des Geschichtenerzählens" das sei, dass am Ende erst der Charakter da sei. Anders gesagt: Die Charaktere werden erst im Laufe der Geschichte lebendig. Der Schreibende lernt sie durch das Schreiben so genau kennen, wie es für eine überzeugende Story nötig ist.

Die Geschichte der Marquise von O. oder die Seifenoper "Verbotene Liebe"?

Viele Beispiele aus Literatur und Film, beispielsweise zur hochnotpeinlichen Geschichte der Marquise von O., zeigen in diesem Ratgeber, wie es funktionieren kann, erfolgreiche Texte zu schreiben. Neben großer Literatur präsentiert die Dozentin auch den größtdenkbaren Kontrast: Seifenoperndialoge. Dass man aus der Marquise von O., der zärtlich liebenden und in Verruf gebrachten Gattin, heute die Serie "Verbotene Liebe" machen könnte, ist nur einer von vielen Betrachtungsweisen, über die nachzudenken sich lohnt.

Bestseller-Autorin Sibylle Knauss unterrichtet an der Filmakademie Baden-Württemberg

Sibylle Knauss studierte Germanistik und Theologie. Ihre Romane wurden in sieben Sprachen übersetzt. Ihren Bestseller "Evas Cousine" wählte die New York Times 2002 unter die "Books of the Year", die Bücher des Jahres. Knauss arbeitet weiterhin als Schriftstellerin. Außerdem hat sie an der Filmakademie Baden-Württemberg eine Professur für Text und Dramaturgie inne.

Was sie über Dramaturgie weiß, hat Knauss, so in einem Interview bei Montségur, selbst durch Bücher und Filme gelernt - in dem Bewusstsein, dass es immer Lehrmeisterinnen und Lehrmeister gibt, die größer sind als man selbst.

Sibylle Knauss, Schule des Erzählens, Ein Leitfaden für Roman- und Drehbuchautoren, Autorenhaus-Verlag 2006, Paperback, 183 Seiten, 14,90 Euro.