Geschichten erzählen – für Erwachsene und Kinder

Alternative zum Fernsehprogramm: Märchen, Sagen und Erzählungen

Das Schloss aus dem Märchen - Rainer Sturm / Pixelio
Das Schloss aus dem Märchen - Rainer Sturm / Pixelio
Es war einmal vor langer Zeit, da gab es keine Radios, keine Fernseher, Videorekorder oder DVD-Player. Damals erzählten die Menschen sich abends beim Feuer Geschichten.

Das Erzählen von Geschichten hat eine lange Tradition. Radio und Fernseher drängten diese Art der Unterhaltung jedoch in den Hintergrund. Selbst Kindern werden heutzutage eher Geschichten aus Büchern vorgelesen, als dass jemand sich eine Geschichte für sie ausdenkt oder ein Märchen frei erzählt. Doch wie es manchmal so ist: Kurz bevor etwas gänzlich in Vergessenheit zu geraten droht, rückt es wieder stärker in den Fokus.

Stichwörter – zusammen eine Geschichte erzählen

Bei dieser Art eine Geschichte zu erzählen, weiß zu Beginn niemand, wohin die Reise geht. Denn jeder sucht sich ein Stichwort aus und tut es anschließend kund. Von ‚Schmierseife’ über ‚Staatsanwalt’ bis hin zum ‚Heimchen an Herd’ ist alles möglich. Da die Möglichkeiten unendlich sind, wird jede Geschichte eine ganz andere Richtung nehmen als die davor.

Dann geht es los: Einer fängt an zu erzählen und bindet irgendwann eines der Stichwörter aus der Runde in die Geschichte ein. Wer sich dieses Wort ausgesucht hatte, fährt fort. Es ist nicht immer leicht alle Stichwörter in die Geschichte einzubinden, aber das ist bei dieser Methode gerade der Reiz. Das Ergebnis ist oft eine ganz verrückte, sinnlose Handlung, der Spaß ist jedoch vorprogrammiert.

Erzählt wird so lange, bis niemand mehr Lust hat, wobei immer noch genug Energie für ein schönes – vielleicht sogar sinniges – Ende vorhanden sein sollte.

Uneingeschränkte Aufmerksamkeit – erzählen mit dem Redestab

Der Redestab entstammt der indianischen Kultur. Er hat nicht unbedingt nur etwas mit dem Erzählen einer Geschichte zu tun, er sorgt eher dafür, dass jener, der ihn hält, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der anderen hat. Diese Person entscheidet auch darüber, wie lange sie den Stab halten möchte und wie viel sie zu erzählen hat. Auch in sonstigen Gesprächsrunden hat diese Methode Einzug gehalten, um klar zu machen, wer sprechen darf.

Für das Erzählen kann der Redestab für eine gemeinsame Geschichte eingesetzt werden. Eine Person fängt an zu erzählen und gibt den Stab nach Gefühl oder einer abgesprochenen Zeit ab. Oder jeder erzählt seine Geschichte und gibt nach deren Ende den Stab weiter. Unter Umständen wird daraus eine regelmäßig Verabredung, bei der jedesmal eine Person der Erzähler ist.

Beim Erzählen von nur einer Geschichte durch mehrere Personen muss bedacht werden, wie der ideale Spannungsbogen verläuft: Der Höhepunkt einer Geschichte tritt immer kurz vor deren Ende ein. Der letzte Erzähler im Kreis hat demnach die Bürde – oder die Ehre – sich für die Geschichte ein Ende auszudenken.

Der erste Satz – so machte es Karen Blixen

Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen soll eine begnadete Geschichtenerzählerin gewesen sein. Jemand begann die Geschichte mit einem ersten Satz und sie erzählte mit Fantasie und Spannung weiter bis zum Schluss.

Man muss jedoch kein Schriftsteller sein, um einfach mal zu versuchen, eine Geschichte auf diese Art und Weise zu erzählen. Das Spannende bei dieser Erzählmethode ist, dass der Erzähler sich auf der einen Seite erst einmal keine Gedanken darüber machen muss, was er erzählt, weil er den ersten Satz zunächst noch nicht kennt. Auf der anderen Seite weiß auch jener, den ersten Satz vorgegeben hat, nicht, was ihn erwartet.

Die Protagonisten hören zu

Besonders Kinder hören sich gerne fantastische Geschichten über sich selbst an. Sie werden gerne als Helden in große Abenteuer eingebunden, die der Fantasie einer anderen Person entspringen. Auf diese Art und Weise sind sie nicht nur die Hauptpersonen, sie empfinden darüber hinaus auch noch Spannung und können an entscheidenden Stellen den Verlauf der Geschichte mitentscheiden.

Wenn mehrere Kinder anwesend sind, kann – wenn es in der Geschichte nur um ein oder zwei Personen geht – in die Runde hineingefragt werden, was die Protagonisten denn wohl als nächstes tun sollten. Danach kann der Erzähler die Geschichte entsprechend weitererzählen.

Die Mitmachgeschichte

Eine weitere Art eine Geschichte für Kinder zu erzählen ist die, bei der die Kleinen mitmachen können. Die Kinder machen dabei einfach das nach, was in der Geschichte gerade passiert. Wenn also zum Beispiel jemand in der Geschichte einen Blumenstrauß pflückt, dann tun alle Kinder pantomimisch so, als würden sie genau das tun. Wenn der Erzähler von jemandem berichtet, der weint, dann tun alle so, als würden sie weinen.

Auch bei der Mitmachgeschichte gibt es eine Variante mit Stichwörtern. ‚Ebbe und Flut’ heißt eine von ihnen. Dabei erzählt jemand eine Geschichte, in die immer wieder diese beiden Wörter eingebunden werden. Bei ‚Ebbe’ tun die Kinder so, als würden sie sich zum Sonnenbaden hinlegen. Bei ‚Flut’ hingegen müssen alle versuchen, irgendwo hinaufzuklettern, damit die Füße trocken bleiben.

Professionelle Geschichtenerzähler

Inzwischen gibt es wieder zahlreiche Geschichtenerzähler, die nicht nur in Kindergärten und Schulen, sondern auch auf diversen Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet ihre Kunst zeigen. Teilweise geben sie in Kursen ihr Können weiter und lehren Atemtechnik, wie man die eigene Stimme nutzt und welche Erzählperspektiven es gibt. Denn im Grunde steckt in fast jedem ein Erzähler, er muss nur die Gelegenheit haben, das zum Ausdruck zu bringen.

Bettina McDowell, Scholz Photo-Atelier Hamburg

Bettina McDowell - Bettina McDowell: Studium der Anglistik und Germanistik, freie Journalistin und PR-Beraterin. Bettina McDowell lebt in Hamburg und ist ...

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