Im nördlichen Teil Sachsen-Anhalts wird Niederdeutsch gesprochen und in der Börde sowie in der Region Magdeburg ostfälisch. Die südlichen Teile des Bundeslandes östlich der Saale werden vom obersächsischen, westlich derselben vom thüringischen Dialekt geprägt. In der Region Querfurt, Merseburg, Weißenfels und Naumburg ist Thüringisch charakteristisch, das sich sogar noch als Nordostthüringisch spezifizieren lässt. Dialektale Grenzen sind fließend, da Sprachlexika auch wissen, dass zwischen Buttstädt und Naumburg Südostthüringisch vorherrschend ist. Die allwissende Wikipedia hilft hier nur bedingt weiter. Denn der Artikel „Dialekte in Sachsen-Anhalt“ bietet nur eine grobe Orientierung und bedarf der Ergänzung.
Helga Daniel hat neun Geschichten in jener Mundart vorgelegt, der in der Gegend um den Geiseltalsee bei Merseburg gesprochen, aber im Grunde so gut wie nicht geschrieben wird. Dr. Saskia Luther, Referentin für Mundartpflege und -forschung beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V., hat ein Vorwort für den Band geschrieben, in dem sie zum Lesen und zum Vorlesen der Texte der Autorin einlädt. Es wäre eine Überlegung wert gewesen, in diesem Rahmen über den kurzen Hinweis, dass um Merseburg eine „mitteldeutsche Mundart“ gesprochen wird, zu erklären, mit welch sprachgeschichtlichem Phänomen man es hier zu tun hat. Denn Sachsen-Anhalt soll von allen Bundesländern u.a. auch die meisten Isoglossen, d.h. die meisten Grenzen zwischen zwei Ausprägungen eines sprachlichen Merkmals, aufweisen.
Von A wie „aasen“ bis Z wie „zuutschen“
So einfach es ist, in der Mundart zu sprechen, mit der man aufgewachsen ist und in der man sozialisiert wurde, so schwierig kann es sein, sie zu lesen. Es braucht gewöhnlich eine Zeit, sich in einen mundartlichen Text einzulesen, den zu sprechen man keine Probleme hätte. Das gilt auch für die Geschichtensammlung „Su hammer jeschwatzt ...“ von Helga Daniel. Um des Verständnisses willen, sind Worterklärungen beigefügt, die die Hälfte des Bandes umfassen: von A wie „aasen“ (verschwenderisch umgehen) bis Z wie „zuutschen“ (etwas aussagen). Über die Autorin, die 2007 mit „Schiebchen, Schäpse, Hahnebänger“ im Querfurter Axon Verlag eine kleine heimatliche Sprachkunde vorlegte, erfährt man diesem Buch leider nichts.
Die Geschichten Helga Daniels sind nicht nur in Mundart verfasst, sondern auch von einer beachtlichen literarischen Qualität. Im Eingangstext etwa wird von einem Dorftrottel erzählt: Martin war ein schlichtes Gemüt, aber harmlos, machte alles, „awwer ähmd jedeesche“ (aber eben langsam). Der Mann, der stets blauen Anzug und Gummistiefel trug, heilte auch einmal ein vielfach prämiertes, aber kränkelndes Pferd allein durch Blickkontakt. Während der Tod des Tieres später in der Zeitung vermeldet wurde, war das Ableben des Pferdeflüsterers keine Zeile wert. Oder wie es hier mundartlich heißt: „Das hammse inne Zeitung nich jeschrieben.“
„Rumschacken“ können nur Frauen
Von ähnlichem Zuschnitt ist die Erzählung „Martha“. Auch sie ist ebenso einfältig wie obiger Martin, nennt sich selbst Mathan, weil sie nicht „ich“ sagen kann: „Anjeredd hut sich selwer immer met Mathan, se gunne nich ich san.“ Von Marthas Ende weiß die Erzählerin: „ (...) de Oprazjon (in Merseburch) hutt se awwer nich iwwerstann, weil se in dr Nargose jeblimm is.“
„Unser Dukter“ hieß eigentlich Dr. Bertram Vogelsang, wurde aber von seinen Patienten – „annerscht hammses nicht jekunnt“ – stets „Vochelsank“ angeredet. Mit dieser Konsequenz: „Das mussn su jewurmt ham, dasser balde jemeent hutte, se sulle doch Bert fern sahn.“ Es geht ferner um die Wasserbeschaffung und die Hochzeit auf dem Dorf in der Mitte des 20. Jahrhunderts sowie, in der Geschichte „Rumjeschackt?“, um eine Kunst, die, so Helga Daniel, nur Mädchen und Frauen beherrschen. Heißt es doch eingangs: „Blus, dadermet mi uns verstehn, rumschacken, das gönn keene Mäner, das gönn nur Frau nun ähmd Fledderwische von Mächens, wo se heeme nich mi unger Gondrolle sin un se mache gönn, was se wulln.“
Helga Daniels „Su hammer jeschwatzt ...“ ist, ein gewisses Interesse an der hiesigen Mundart vorausgesetzt, ein überraschend kurzweiliges und humorvolles Leservergnügen. Es kann aber noch gesteigert werden, indem man die Geschichten aus dem Merseburger Land laut vorträgt.
Helga Daniel: „Su hammer jeschwatzt ...“. Mundartliches um den Geiseltalsee. Verlag Bussert & Stadeler. Jena u.a. 2011. 93 S., br., 9,90 Euro.
