Geschichtsbewusstsein

Von der Vergangenheit und der Zukunft des Vergangenen

Geschichtliches Grundwissen wird in der Gesellschaft zum Desiderat. Gleichzeitig nehmen die Versuche zu, historische Fakten im aktuellen Diskurs zu instrumentalisieren.

Zu den faszinierendsten Formen der Kultur zählt ihr Umgang mit Zeit; obwohl immer alles gleichzeitig geschieht, kann man dank Sprache als Ausdrucksform in der Gegenwart sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft verfügen. Das ist zwar trivial, aber vergessen wir das. Die Suggestivkraft dieser 3-in-1-Trennung ist so stark, dass man mitunter – natürlich wiederum mit Hilfe der Sprache – sich von dem Schnee von gestern abwenden muss und nicht über ungelegte Eier sinnieren will, um sich im Hier und Jetzt zu verorten.

Dass viele Sprachen wie auch unsere geschundene Muttersprache sogar noch die Vergangenheit der Vergangenheit (Nachdem er seine Frau in säuberliche Einzelteile zerlegt hatte, setzte er sich mit einem Gläschen Portwein in die Bibliothek), die Zukunft der Vergangenheit (Er würde in Zukunft seine pyromanischen Neigungen besser im Zaum halten, versicherte er mir noch 2 Tage vor seinem Feuertod) geradeso wie die Vergangenheit der Zukunft (Ich werde mich altersweise von dieser Welt abwenden, nachdem ich sie in die Luft gesprengt haben werde) und auch, etwas weniger elegant, die Zukunft der Zukunft (In zwanzig Jahren werden wir uns vorstellen, dass wir eines Tages wünschen werden, nicht mehr geklont werden zu können) konstruieren können, belegt eine wirklich kindliche Freude am Auflösen und Rekombinieren von Zeiteinheiten.

Die Doppeldeutigkeit von Geschichte

Das fällt immer dann mit bisweilen dramatischen Konsequenzen auf, wenn in der Gegenwart (wo sonst?) Vergangenheit und Zukunft nicht allein zeitlich zusammentreffen (das ist ja selbstverständlich), sondern gedanklich; immer dann, wenn man sich nicht mit Vergangenem, sondern über die denkbaren Auswirkungen des Umgangs mit Geschichte auseinandersetzt, also die Frage nach der Zukunft der gegenwärtigen Beschäftigung mit Vergangenem haben wird.

Ihren Ausdruck findet diese zeitliche Organisation in speziellen Gedenktagen und Jubiläen, zu denen man versichert, man habe nicht vergessen und werde es bis zum nächsten Gedenktag auch nicht. Denn das ist die Doppeldeutigkeit von Geschichte; im weitesten Sinn ist sie alles, was vor der Gegenwart liegt, also Vergangenheit. Im engeren und damit für die Gegenwart und Zukunft relevanteren Sinn umfasst sie dagegen nur die erinnerte Vergangenheit. Dieser Bezug auf die Gegenwart durch Erinnerung ist es, der mitunter kontrovers diskutiert wird, heißt doch Geschichte hier nicht bekannte oder unbekannte Ereignisse zu früheren Zeiten, sondern ihre Bedeutung für die Gegenwart. Und Bedeutungen sind immer strittig, weil sie das Ergebnis kommunikativer Aushandlungen sind. Es geht also grammatisch gesprochen darum, dass Geschichte sowohl die vollendete Gegenwart als auch die Vergangenheit betrifft.

Der Vorwurf der Instrumentalisierung von Geschichte

Seit ein paar Jahren wird wiederholt der Vorwurf der Instrumentalisierung von Geschichte geäußert. Etwas hat sich in der Vergangenheit abgespielt, und das Wissen darum soll heute bestimmte Konsequenzen haben. Der Vorwurf hebt also genau auf den Unterschied zwischen Geschichte im engeren und im weiteren Sinne ab und legt nahe, dass der engere Sinn der Geschichte, ihre kulturelle Bedeutung, unzulässigerweise mit dem weiteren Sinn, ihrer bloßen Faktizität, vermischt wird – und das zu höchst gegenwartsbezogenen Zwecken. Dieser Vorwurf ist, wenn er denn jemals so erläutert würde, das Krisensymptom einer Paradoxie im Umgang mit Geschichte. Jedenfalls ist er nicht konstruktiv; bislang hat er sich nicht dazu durchringen können, einen Handlungsvorschlag zu unterbreiten, der nur darin bestehen könnte, das relevante Wissen über Geschichte schlicht und einfach zu vergessen, also für irrelevant zu halten. Allein das kann er bezwecken wollen, wenn er mehr sein will als ein diffuses Unbehagen.

Die Paradoxie von Schlussstrichdebatten

Das Unbehagen dürfte zuallererst damit zusammenhängen, dass man desto mehr über Geschichte reden muss, je weiter sie zurückliegt, wenn man das Erinnern sicherstellen und den Anspruch erheben will, aus der Geschichte gelernt zu haben. Andererseits bewirkt dies wieder eine Häufung geschichtlicher Themenbehandlungen in der Gegenwart, die dann wieder als redundant und uninformativ wahrgenommen wird und schließlich Überdruss, vielleicht gar bewussten Tabubruch bedingen kann. Das ist der Hintergrund jeder Schlussstrichdebatte: Man weiß, was geschehen ist – und dass es vergangen, also nicht mehr gegenwärtig ist. Diese Debatte ist selbst wieder höchst paradox; ein Schlussstrich kann nicht offiziell gezogen werden; er wird faktisch gezogen, indem man ihn nicht fordert. Andersherum: Je sehnlicher man sich einen Schlussstrich wünscht, je dringender man auf ihm besteht, desto weiter verschiebt er sich. Denn das Normale ist nicht kommunizierbar. Man kann erst darüber sprechen, wenn es unter dem Vorzeichen des Nicht-Normalen behandelt wird. Und so verhärten sich die Fronten. Und so füllen sich die Zeitungsspalten.

Täter und Opfer in der Geschichte

Es ist absurd, wenn geschichtliche Täter von ihren Opfern Vergessen fordern; noch absurder ist es, wenn sich die Täter deswegen als Opfer verstehen. Ebenso absurd ist es auch, sich als einstiger Täter als ewiger Täter zu verstehen. Denn im ersten Fall tut man so, als hätte die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft nichts gemeinsam, im zweiten verwechselt man sie mit den anderen Zeitstufen. Der Konflikt zwischen beiden strukturiert immerhin Zeit.

Nuri Ortak - Promovierter Pragmalinguist mit Schwerpunkt "Überzeugungskommunikation", Textlinguistik, Dialoggrammatik. Interesse an systemischen ...

rss