In dem Video zu seinem Chanson „Ma liberté de penser“ (Meine Denkfreiheit) sitzt Florent Pagny auf der Schaufel eines Baggers, in das seine Hinterlassenschaften kommen sollen.
Sänger der Selbstbehauptung: Verfechter der Freiheit der Gedanken
Er scheint am Ende, man nimmt ihm alles: seine Frau, sein Haus, sein Geld, die Stereoanlage, aber was sie nicht bekommen, ist seine Freiheit des Denkens. Der Protagonist seines Lieds behauptet sich. Der Sänger, der sich hier der materiellen Sorgen vieler seiner Mitbürger annimmt, besinnt sich zugleich auf französische Tugenden, vor allem auf die Freiheit, die Freiheit der Gedanken in diesem Fall.
Die Chansonsängerinnen: hübsch, schlank und nur erotisch
Seine hübschen jungen Kolleginnen, die auch Konkurrentinnen um die vielen Hörer im Medienmarkt des altehrwürdigen traditionsreichen Chansons sind, haben solche Sorgen nicht, obwohl sie schon einmal auch alleine aufwachen und mit einem schweren Kater kämpfen. Meist träumen sie von dem Mann, mit dem sie am Vortag zusammen waren oder der ihr Denken weiterhin beschäftigt, obwohl es aus ist. Von finanzieller Sorge kein Ton, die politische Analyse ist ihre Sache nicht.
Frauen wie Charlotte Gainsbourg, Berry oder auch die Präsidentengattin Carla Bruni singen mit eingängigen Stimmen, gehaucht fast, sie beschwören das große Gefühl und die Einsamkeit, die emotionalen Zusammenbrüche durch nicht funktionierende Liebe.
Große gehauchte Sanftheit – das Klischee französischer Erotik
Sie sind sanft, wenn sie ihr Mikro in die Hand nehmen, als wollten sie es sogleich küssen, sie eröffnen stets einen weiten erotischen Raum in ihrem Lieduniversum, den sie weniger mit dem Inhalt ihrer Worte als mit dem Klang ihrer Stimme transportieren. Sie sehen sich recht ähnlich, sie haben langes, dunkles Haar, das über die Schultern fällt, sie sind schlank, sie bewegen sich scheinbar alltäglich und doch sehr lasziv, sie allein wissen um die Kraft und Macht der Liebe. Zu einem Mann, selbstverständlich.
Eine große erotische Wolke
„Nein, ich habe keine Angst vor dem Glück, es existiert nicht, weder hier noch da“, singt Berry, deren bürgerlicher Name Elise Pottier lautet in „Le bonheur“ (das Glück) und fordert dazu auf: „Lassen Sie sich gehen / nur für den Moment eines Kusses / ich werde Sie lieben“. Und sie alle präsentieren sich als die großen Liebenden, genau so, wie sich „die Männer“ „die französischen Frauen“ vorstellen: lässig und ihre Songs aus weiter innerer Seele hauchend. Sie sind umgeben von einer großen erotischen Wolke, die sie durch Bewegung und Stimme produzieren und die so einflussreich ist, dass sie sogar Präsidenten zu bezwingen vermag.
Grand corps malade – begnadeter Poet
„Grand corps malade“ (großer kranker Körper) ist das Pseudonym eines der begabtesten Slam-Poeten der aktuellen französischen Szene. Er bringt es zu großer lyrischer Kunst, wenn er wie in „Les voyages en train“ (Die Reisen im Zug) die Vergänglichkeit des coup de foudre, der schnellen Verliebtheit thematisiert. Er demaskiert zeitgleich die Illusion der Klischees, mit denen gerade seine Kolleginnen so erfolgreich den Markt bezwingen.
Muss man sich um Frankreich sorgen?
Was ist in Frankreich los? Was ist mit Frankreich los? Ist das Bild, das der aktuelle Chansonhorizont abgibt, tatsächlich repräsentativ? Sind die Frauen für das Gefühl zuständig und für sonst nichts? Singen sie bloß, um etwas zwischen den Männerbeinen in Bewegung zu bringen? Vielleicht sitzt dort ja das Portemonnaie.
Den Männern die sozialen Fragen – den Frauen gehauchte Erotik
Sie scheinen sich die Aufgaben gut aufgeteilt haben: Die singenden Männer sind für die soziale Härte (wie Florent Pagny) oder die Zerstörung von Illusion (wie der Slam-Virtuose Grand corps malade) zuständig. Sollte es tatsächlich so sein, dass die Medienindustrie in diesem Fall die Frauen in die Falle der gehauchten Erotik lockt und die Männer als diejenigen erscheinen lässt, die besser denken, nachdenken und analysieren können und zudem noch singen und rezitieren, dass einem der Kopf zwischen den Ohren schwirrt?
Nichts gegen die Schönheit der weiblichen Stimmen. Unheimlich dabei ist lediglich, dass das Universum der Frau auf den Mann beschränkt zu sein scheint, er dagegen darf politisch, historisch, sozial und erotisch künstlerisch sein.
Rückbesinnung auf die großen Chansonsängerinnen scheint nötig
Wo sind sie hin, die großen weiblichen Vorbilder des französischen Chansons, bei denen zwar Erotik auch keine geringe Rolle spielte, die sich aber einmischten in aktuelle politische Debatten? Auch eine Edith Piaf stand für ihre Denk-Freiheit und für ihren unabhängigen Lebensweg ein, und eine Juliette Greco versinnbildlichte das Ideal eines freien Frauenlebens.
Es scheint an der Zeit für eine neue französische Revolution.
