Geschwister: Liebe oder Rivalität?

Geschwisterbande sind zentrale, lebenslange Beziehungen. Jetzt erfahren sie eine Aufwertung in der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Forschung.

Liebe oder Rivalität unter Geschwistern - macht das einen Unterschied für unsere Lebensgestaltung? Ja. Denn Geschwisterbeziehungen sind neben den Beziehungen zu den Eltern die am längsten andauernden, die intensivsten und die prägendsten menschlichen Beziehungserfahrungen. Insofern ist es erstaunlich, dass in Psychotherapien und der entsprechenden Fachliteratur stets die vertikale Eltern-Kind-Beziehung im Zentrum steht und der Einfluss der Geschwister auf die Entwicklung einen relativ geringen Stellenwert hat. Erst seit den 1990er Jahren wird die horizontale Ebene intensiver erforscht. Zum Beispiel von dem Konstanzer Kinder- und Jugendpsychiater Hans Sohni, der in seinen jüngsten Veröffentlichungen einige moderne Mythen widerlegt. Zum Beispiel die von dem Historiker Frank F. Sulloway aufgebrachte These, die Geburtsrangfolge der Geschwister entscheide darüber, wer eher rebellisch wird und wer eher konservativ.

Die von Sohni ausgewerteten Daten der Sozialforschung zeigen, dass das soziale Umfeld, in das ein Kind hineingeboren wird, je nach Alter, Geburtsreihenfolge, Geschlecht und sozialer Schicht, die Entwicklung sehr stark beeinflusst. Nicht ein einziger Faktor, sondern das komplizierte Zusammenspiel verschiedenster Faktoren beeinflusst unsere Entwicklung. Eindeutige Vorhersagen lassen sich gerade deshalb nicht daraus ableiten. Ein wichtiger Faktor für eine positive Entwicklung ist jedoch, wie die Geschwister von ihren Eltern behandelt werden: Gibt es Benachteiligung oder Bevorzugung? Wichtig ist auch, was zwischen den Geschwistern vorgeht. Bei diesen Vorgängen gibt es einen besonderen Forschungsbedarf, weil noch viel zu oft die "Schuld" an einer "Fehlentwicklung" des Kindes allein bei den Eltern gesucht wird.

Vater – Mutter – Kind. Wo bleiben die Geschwister?

Die Autorin Helene Timmermann hat als systemische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin langjährige Erfahrung mit der Aufschlüsselung von Familienkonstellationen, die sie über mehrere Generationen hinweg untersucht hat. Dabei ist ihr der intensive Einfluss der Geschwister auf die Identitätsbildung ihrer Patienten immer wieder aufgefallen. „Geschwister“, sagt sie, „bilden in der Familie ein eigenes horizontales Subsystem, das sich mit dem vertikalen Subsystem der Eltern-Kind-Beziehung gegenseitig beeinflusst und Teil eines komplexen familiären Beziehungsgeflechtes wird.“ Der Blick auf die Geschwister verlangt eine Umorientierung in der Therapie, aber auch in der Forschung: weg von einem vertikal orientierten Familienmodell hin zu einem horizontal orientierten.

Das bedeutet auch, davon Abstand zu nehmen, die Macht der Eltern und die eigene Einzigartigkeit so hoch anzusetzen, wie es jahrzehntelang getan wurde. Sich in einer horizontalen Reihe zu sehen, setzt einen Perspektivenwechsel voraus und eine Distanzierung von dem exklusiven familiären Beziehungsdreieck: Vater-Mutter-Kind.

Daher ist die neue Wende in der Erforschung psychoanalytischer und systemischer Entwicklungstheorien begrüßenswert. Seit kurzem werden eher intersubjektive und familiendynamische Prozesse beschrieben und erforscht. Das bedeutet auch eine Abkehr von der Vorstellung einer linearen Abfolge der kindlichen Entwicklungsphasen. Eher findet eine spiralförmige Entwicklung statt, die sich nach den „affektiv-kognitiven Möglichkeiten“ des Kindes richtet. Der Heidelberger Psychiater und Familienpsychotherapeut Manfred Cierpka geht davon aus, dass sich das Kind in seiner Umgebung Beziehungen sucht, die seinen Bedürfnissen in der aktuellen Phase der Reifung am besten entsprechen. Damit gestaltet auch das Kind seine soziale Umgebung aktiv mit.

Ist es nun förderlich für die Entwicklung, Geschwister zu haben?

Die in der psychotherapeutischen Fachliteratur im Moment noch häufig im Vordergrund stehenden Phänomene wie Neid, Hass, Rivalität und Eifersucht schieben sich momentan in den Hintergrund zugunsten eines Blicks auf die Elemente in Geschwisterbeziehungen, die uns psychologisch und sozial stützen. Das Wichtigste ist die Erfahrung hilfreicher und unterstützender Beziehungen, sowohl mit Geschwistern als auch mit den Eltern. Zudem können positive Geschwisterbeziehungen helfen, ungünstige Erfahrungen mit den Eltern zu mildern oder zu korrigieren – und umgekehrt.

Horst Petri ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiater, Psychoanalytiker und Kindertherapeut in Berlin. Er skizzierte bereits 1994 die Entwicklung der Geschwisterliebe als Unterstützungssystem, das ein ganzes Leben lang funktioniert.

"Wie ein Mensch denkt und fühlt, wie er seinen Partner auswählt und mit ihm umgeht, was er mag und verabscheut, kurz: alles, was ihn ausmacht, hinge weitaus mehr von seinen Brüdern und Schwestern ab, als viele Menschen annehmen, meinen die Forscher heute. 'Geschwister' sagt der Zürcher Psychologe Frick, 'haben Macht. Man kann zu ihnen keine Nicht-Beziehung haben. Man hat so viel Zeit miteinander verbracht. Selbst wenn man nicht mehr miteinander spricht: In Gedanken wird man sie nicht los.' Brüder und Schwestern beschäftige ihr Leben lang ein menschliches Grundthema: 'Sie suchen die Anerkennung des anderen.'" So Jürgen Frick, Psychologe an der Pädagogischen Hochschule der Universität Zürich (zitiert nach dem unten aufgeführten Spiegel-Artikel, S. 146).

Quellen und weiterführende Literatur

Geschwister. Die ewigen Rivalen, Artikel in: Der Spiegel Nr. 2 / 9. 1. 2006, S. 142-153.

Katharina Ley, Geschwisterbande. Liebe, Haß und Solidarität, Walter Verlag, Zürich 2001.

Mathias Jung, Geschwister. Liebe, Hass, Annäherung, Emu Verlag, 2. Auflage, Lahnstein 2002.

Hartmut Kasten, Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute, Ernst Reinhardt Verlag, fünfte Auflage, München 2003.

Helene Timmermann, Zwischen Verbundenheit und Differenz. Zur Bedeutung von Geschwisterbeziehungen in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen

Psychoanalytische Familientherapie, Nr. 22, 12. Jg., 2011, Heft 1, S. 33-48.

Hamburg, Binnenalster, Wolfgang J. Fischer

Anja Timmermann - Nach dem Studium der Geschichts- und Kommunikationswissenschaften habe ich als Journalistin beim Fernsehen gearbeitet, bin dann aber ...

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