"Wann geben wir den wieder zurück?" Dass sich die zweijährige Daniela wieder in die Zeit der Dreisamkeit, als ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit von Mama und Papa sicher war, zurücksehnt, ist offensichtlich, ebenso, dass sie sich das Leben mit einem kleinen Bruder ganz anders vorgestellt hat. Die von den Eltern gewünschte Familienidylle ist einer gnadenlosen Rivalität gewichen: Statt Küsschen stehen Schreiduelle auf dem Programm, statt gemeinsamem Basteln und Spielen Wut, Trotz und Eifersucht.
Der Erstgeborene stürzt vom Thron
Für eine frischgebackene zweifache Mutter ist klar, dass sich durch die Ankunft des neuen Babys die Zuneigung zu ihrem erstgeborenen Kind um keinen Deut verringert, doch mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Säugling in der ersten Zeit das Gros an Zuwendung und Aufmerksamkeit für sich fordern. Geteilte Liebe wird nicht weniger und doch erweckt die neue Konstellation genau diesen Anschein für das ältere Kind. Zumal das familiäre Umfeld häufig falsch auf die noch ungewohnte Situation reagiert, indem sich bewundernder Besuch mit Geschenken um das Neugeborene schart und das Erstgeborene eindeutig auf den zweiten Platz verweist. Prägende Vergleiche und die innerfamiliäre Zuordnung von Prädikaten "der kluge - die sture" können diesen Graben noch vertiefen und lebenslangen Groll schüren.
Und dennoch: Geschwisterbeziehungen zählen, wenn nicht schon zu den harmonischsten, zu den dauerhaftesten im zwischenmenschlichen Beziehungsgeflecht. Doch woher rührt diese Ambivalenz in den geschwisterlichen Gefühlen?
3,5 mal Streit pro Stunde
Starke positive wie negative Gefühlsausprägungen seien Teil einer normalen Entwicklung, erklärt der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten in der Süddeutschen am 3. März 2010. Allein durch die enge räumliche Nähe verbringen Geschwister viel Zeit miteinander - Einjährige etwa gleich viel wie mit der Mutter, Drei- bis Fünfjährige bereits doppelt so viel. Eine enge, prägende Bindung entsteht dabei zwangsläufig - enormes Konfliktpotenzial inklusive. Laut Laurie Kramer von der University of Illinois in Urbana streiten Geschwister im Alter zwischen drei und sieben Jahren 3,5 Mal pro Stunde - ob beispielsweise die Ehe der Eltern der Streithähne der gleichen Konflikthäufigkeit standhalten würde, ist eine andere Frage.
Fakt jedoch ist, dass Geschwister trotz ihrer veränderlichen Rollen und der unvermeidlichen, rivalisierenden Konflikte eine feste Größe im Leben der anderen darstellen. Besonders in der frühen Kindheit und, nach einer gewissen Abnabelung in der Pubertät und im Berufsleben, im Alter sind es oft vor allem Geschwister, zu denen auf der Basis vieler Gemeinsamkeiten eine enge Vertrauensbeziehung besteht. Der Rivale als Verbündeter? Eine emotionale Zerreißprobe, für die bereits Catull in seiner Carmen 85 treffende Worte fand: Odi et amo. Ich hasse und ich liebe. Doch letztlich ist es genau diese wechselhafte Beziehung, anhand derer sich Sozialkompetenz und Kommunikationsfähigkeit verstärkt herausbilden und in der man sich - wohl lebenslang - in Toleranz üben muss.
Quellen:
- babycenter.at: Rivalität unter Geschwistern
- Susanne Frömel: Geschwisterbeziehungen: Es wird geliebt - basta!
- T. Bayer: Die längste Liebe des Lebens
